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Virus in Brasilien:Schneller als das Zika-Virus verbreitet sich die Angst

Gleyse Kelly da Silva

Nicht alle Verdachtsfälle auf Mikrozephalie bewahrheiten sich. Doch die Angst der Familien ist echt.

(Foto: AP)

Gibt es in Brasilien wirklich so viele Fehlbildungen wie angenommen? Im Moment weiß man zu wenig über das Zika-Virus. Das muss sich schnell ändern.

Innerhalb von nur drei Monaten hat sich das Zika-Virus von einem harmlosen Mikroparasiten, den 80 Prozent der Befallenen gar nicht bemerken, in eine globale Gefahr verwandelt. Der Erreger wird von Stechmücken übertragen. Er steht im Verdacht, bei ungeborenen Kindern schwere Fehlbildungen des Kopfes verursachen zu können: Seit Oktober hat Brasilien mehr als 4100 Verdachtsfälle auf diese sogenannte Mikrozephalie registriert. Normal sind 150 Fälle pro Jahr.

In 23 Ländern des amerikanischen Kontinents wurde das Virus bereits gefunden. Und der Erreger könnte sich weiter ausbreiten wie etwa das Dengue-Fieber, dessen viraler Erreger durch dieselbe Mückenart verbreitet wird wie Zika-Viren.

Am Montag treffen sich Experten der Weltgesundheitsorganisation WHO zu einer Notfallsitzung. Sie sollen entscheiden, welche Maßnahmen jetzt angebracht sind, etwa Reisewarnungen, Mückenbekämpfung, Empfehlungen zum Schutz vor Stichen - aber vor allem, ob ein globaler Notfall vorliegt. Eine praktisch unmögliche Aufgabe.

Manche Experten betrachten die hohe Zahl der Diagnosen als ein Artefakt der Angst

Die Gefahr erscheint zwar riesig, doch die Faktenlage ist dünn. Man weiß bisher nicht einmal genau, wie viele Fälle von Mikrozephalie es in Brasilien derzeit wirklich gibt, weil die diagnostischen Kriterien dort sehr weit definiert sind. Bei genauerer Untersuchung wurden bislang von den Verdachtsfällen 270 als Mikrozephalie bestätigt, aber 462-mal dieses Krankheitsbild ausgeschlossen. Mehr als 3000 Analysen stehen noch aus.

Die hohe Zahl der Diagnosen und in der Folge Fehldiagnosen ließen sich nach Auffassung einiger Experten allein durch die erhöhte Aufmerksamkeit hinreichend erklären. Die Krankheitswelle wäre demnach nur ein Artefakt der Angst. Als wahrscheinlicher gilt derzeit jedoch, dass es durch das Virus tatsächlich mehr Fehlbildungen gibt. Dennoch sind viele Aspekte unverstanden.

Nicht bei jedem Kind, dessen Mutter in der Schwangerschaft eine Zika-Infektion durchgemacht hat, kommt es zu Fehlbildungen. Die Gründe dafür liegen im Dunkeln. Vielleicht ist das Virus nur bei einer speziellen genetischen Ausstattung der Mutter oder des Kindes gefährlich. Vielleicht muss noch ein weiterer Erreger oder ein Umweltgift ins Spiel kommen, damit Zika riskant wird.

Vielleicht liegt es nicht am Virus, sondern an einem Mittel, mit dem Infizierte den Juckreiz lindern wollen oder an beidem zusammen. Alles Spekulationen, die man jetzt mit Hochdruck überprüfen muss, was Forscher weltweit auch bereits angehen. Bevor die offenen Fragen nicht beantwortet sind, kann niemand beruhigt sein. Vor Mücken sollte man sich in den betroffenen Ländern in jedem Fall schützen. Sie verbreiten auch andere Erreger.

© SZ vom 30.01.2016
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