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Unnütze Hygienemaßnahmen:Wann Reinlichkeit schadet

Wir reinigen das WC bis tief unter den Rand, desinfizieren im Schwimmbad unsere Füße und schalten bei der Waschmaschine das Vorwaschprogramm ein - alles nur, um der Hygiene zu dienen. Was für ein Irrglaube.

Berit Uhlmann

Jeder zweite Deutsche benutzt laut einer Umfrage zumindest gelegentlich Desinfektionsmittel. Gleichzeitig sparen sich zwei Drittel das gründliche Händewaschen nach dem Toilettenbesuch. Hygiene ist ein Bereich, in dem übertriebener Aktionismus und gefährliche Lässlichkeit gleichermaßen verbreitet sind. Welche Hygienemaßnahmen unnötig oder sogar schädlich sind und was Sie stattdessen beachten sollten.

Kunstprojekt "white 104" von Victor Kegli und Filomeno Fusco in Berlin

Viel hilft viel, das gilt vielleicht bei dieser Kunstinstallation. Beim normalen Wäschewaschen ist dagegen weniger oft mehr.

(Foto: REUTERS)

Vorwäsche in der Waschmaschine

Wer meint, besonders gründlich zu sein, stellt gerne noch zusätzlich das Vorwaschprogramm der Waschmaschine an. "Unnütz und unter Umständen kontraproduktiv", urteilt Ernst Tabori, ärztlicher Direktor des Deutschen Beratungszentrums für Hygiene des Universitätsklinikums Freiburg.

Der Vorwaschgang beseitigt keine Keime, dafür verteilt er sie aber besonders gut. Das heißt, er spült unter Umständen Bakterien von der Unterhose aufs Geschirrtuch. Läuft der Hauptwaschgang dann bei niedrigen Temperaturen, werden Erreger nicht ausreichend beseitigt. Die Folge: Manche Wäschestücke kommen verkeimter aus der Waschmaschine als sie hineinkamen.

Die Alternative: Wäsche sollte, sofern es das Material verträgt, bei 60 Grad gewaschen werden. Diese Behandlung überleben die meisten Keime nicht. Das Kochprogramm bietet dagegen kaum einen zusätzlichen Nutzen. Dürfen Kleidungsstücke nur bei niedrigen Temperaturen gewaschen werden, kann man den Keimen unter Umständen auf anderem Wege mit Hitze zu Leibe rücken: mit der Sonne beim Trocknen im Freien und dem Bügeleisen.

Hygienezusätze in der Waschmaschine

"Desinfizierende Zusätze zum Waschpulver sind im normalen Haushalt unnötig", sagt Tabori. Dafür erhöhen sie das Allergierisiko, wenn Wirkstoffreste an der Kleidung zurückbleiben. Zudem belasten diese Zusätze die Umwelt.

Ob aus der Waschmaschine, dem WC oder dem Putzeimer: All die Desinfektionsmittel, die aus Haushalten ins Abwasser gelangen, schaden jenen Bakterien, die Schadstoffe biologisch abbauen. Schädliche organische Verbindungen und Chemikalien können so in Gewässer und möglicherweise über die Nahrungskette zurück zum Menschen gelangen.

Die Alternative: Nach Möglichkeit sollten Vollwaschmittel verwendet werden. Die enthaltene Bleiche greift Bakterien an. Außerdem gilt: Die Waschmaschine sollte austrocknen können, damit sich keine Feuchtkeime ansiedeln. Dazu Tür und Dosierfach auswischen und offen lassen sowie das Flusensieb regelmäßig reinigen.

Fußduschen und WC-Reiniger

Pflichtschuldig halten viele Schwimmbadbesucher ihre Füße unter den kalten Strahl aus Desinfektionsmittel. Doch: "So wie diese Duschen angewendet werden, haben sie keinen Nutzen", sagt Tabori. Wollte man die Füße ernsthaft desinfizieren, müssten sie vorher abgetrocknet und längere Zeit in der konzentrierten Lösung belassen werden. Das typische Absprühen im Schwimmbad ist zu kurz und ungenau, um Keime sicher zu beseitigen. Dem mangelnden Nutzen steht das Risiko entgegen, dass die Lösung die Haut angreift und allergisierend wirkt.

Die Alternative: Badeschuhe im Schwimmbad schützen besser vor Fußpilz.

WC-Reinigung unter dem Rand

Sie werben damit, Mikroorganismen bis unter den Rand zu vertreiben: WC-Reiniger mit gebogenem Flaschenhals. Tabori hat für diese Erfindung nur ein Wort: "Humbug". Erstens dürften sich unter dem Rand nicht allzu viele Keime ansiedeln, denn bei jedem Spülgang fließen ungefähr neun Liter Wasser dort hinab und reißen viele der Mikroorganismen mit. Und selbst wenn sich dort Bakterien finden sollten: Kaum jemand kommt mit ihnen in Berührung. Welcher normale Mensch greift denn unter diesen Toilettenrand?

Auch alle anderen Desinfektionsmittel für die Toilette hält Tabori für überflüssig. Sollten sie das WC wie versprochen keimfrei machen, müsste man sie konsequenterweise nach jeder Benutzung anwenden. Das aber hat mehr Risiken als Nutzen: Denn die Mittel belasten während ihrer Anwendung die Atemluft und schaden der Umwelt.

Die Alternative: Im Privathaushalt gesunder Menschen reicht es, das WC mit einem umweltverträglichen Reinigungsmittel zu säubern - und sich klarzumachen: Die Toilette ist dazu da, Keime aufzunehmen. Benutzt man sie auf die vorgesehene Weise, gelangen Mikroorganismen nicht wieder in den Körper zurück.

Händedesinfektion und Ganzkörperrasur

Der Sitznachbar in der U-Bahn hustet, die Frau in der Warteschlange hinter einem niest: Sollte man da nicht sofort sein Desinfektionsfläschchen oder -tuch herausholen? Oder wenigsten zu Hause gleich zur antibakteriellen Seife greifen? Auch dafür gebe es keine Notwendigkeit, sagt Tabori. Im Gegenteil: Wer permanent Desinfektionsmittel anwendet, läuft Gefahr, die natürliche Hautflora zu beeinträchtigen. Im vermeintlichen Kampf gegen Krankheitserreger beschädigt er damit genau jene Barriere, die der natürlichen Abwehr der Erreger dient.

Außerdem können Desinfektionsmittel und ihre Zusätze allergische Hautreaktionen hervorrufen.

Die Alternative: Erreger werden gut beseitigt, wenn die Hände mit Wasser und (normaler) Seife gründlich gewaschen werden. Besonders wichtig ist dies nach der Benutzung der Toilette, nach dem Aufenthalt in vollen öffentlichen Räumen wie U-Bahnen und vor dem Essen. Das mag trivial klingen, Untersuchungen zeigen jedoch, dass in rund zwei Drittel aller Fälle das WC ohne korrektes Händewaschen verlassen wird. Händedesinfektionsmittel sind dagegen außerhalb von medizinischen Einrichtungen höchstens dann angebracht, wenn man unterwegs ist und keine Möglichkeit hat, sich die Hände vernünftig zu waschen.

Rasur der Körperhaare

"Für die Hygiene spielt es keine Rolle, ob man die Haare am Körper entfernt oder stehen lässt", sagt Tabori. Weder die Menge des Schweißes, noch sein Geruch werden von der Behaarung beeinflusst. Beim Rasieren allerdings kann die Haut geschädigt werden und sich entzünden.

Die Alternative: Duschen mit mildem Duschbad und regelmäßiges Wechseln der Kleidung.

© Süddeutsche.de/beu/holz
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