Feinstaub und Stickoxide Wie Ärzte gesundheitliche Gefahren kleinrechneten

Die meisten Experten gehen davon aus, dass Feinstaub gesundheitsschädlich ist.

(Foto: dpa)
  • Das Positionspapier der Lungenärzte im Januar marginalisierte die gesundheitlichen Gefahren durch Stickoxide und Feinstaub.
  • Nun hat die Tageszeitung taz Rechenfehler in der Argumentation gefunden.
  • Bundesverkehrsminister Scheuer, der die aktuellen Grenzwerte bereits in Frage gestellt hatte, wollte sich zu den neuen Entwicklungen nicht äußern.
Von Hanno Charisius und Markus Balser

Vor gut zwei Jahren begann Dieter Köhler, mit seiner Idee hausieren zu gehen. In E-Mails mit verschwörerischem Unterton wandte sich der Mediziner an Journalisten, schrieb von unbequemer Wahrheitssuche und legte in weiteren E-Mails dar, dass das mit dem Feinstaub und den Stickoxiden alles halb so wild sei. Die Berichte über die gesundheitlichen Folgen der Luftschadstoffe bezeichnete er als "Fake News". Journalisten, die nicht über seine haarsträubenden Berechnungen und Vergleiche berichten wollten, unterstellte er, das Thema "totschweigen" zu wollen, "wie die meisten".

Es dauerte eine Weile, bis er dann doch von deutschen Zeitungen, Radiosendern und Talkshows erhört wurde. Im vergangenen Jahr konnte er seine Berechnungen und seine Ansichten zu Grenzwerten verbreiten. Seine Popularität gipfelte im Januar in einem Papier, in dem er und gut hundert weitere Lungenärzte die gesundheitlichen Gefahren durch Stickoxide und Feinstaub erneut marginalisierten. Zudem kritisierte die Gruppe groß angelegte Bevölkerungsstudien, die gesundheitliche Schäden durch Luftschadstoffe beziffern.

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Als Vergleich zogen die Unterzeichner der Stellungnahme starke Raucher heran, die weit größere Schadstoffmengen durch Zigaretten inhalieren als Menschen, die sich im Straßenverkehr bewegen und trotzdem nicht "nach wenigen Monaten alle versterben". Jetzt hat die Tageszeitung taz aufgedeckt, dass sich Köhler und seine Gefolgsleute heftig verrechnet haben.

Nach Köhlers Argumentation bekommt ein Mensch, der lebenslang an einer viel befahrenen Straße lebt, so viele Schadstoffe ab, wie ein Raucher in wenigen Monaten. Angeregt von einem Leserhinweis rechnete die taz nach und kam zu einem anderen, ziemlich erschreckenden Ergebnis: "Wer an einer viel befahrenen Straße wohnt, atmet während eines Lebens von 80 Jahren so viel Stickoxide ein wie ein starker Raucher in sechs bis 32 Jahren." Angesprochen auf diesen und weitere Rechenfehler soll Köhler gegenüber der taz gesagt haben: "Das ist bisher noch niemandem aufgefallen." Offenbar auch keinem der übrigen 100 Unterzeichner und Unterzeichnerinnen seiner Stellungnahme. Auf Anfrage der SZ erklärte Köhler, nicht nur er, sondern auch die taz habe sich verrechnet, zusammenfassend habe sich an den Grundaussagen jedoch nichts geändert.

Aber auch unabhängig von den nun entdeckten Zahlendrehereien und Köhlers fragwürdigen Vergleichen waren seine Argumente wissenschaftlich noch nie fundiert. Dementsprechend harsch war die Kritik internationaler Experten an dem Papier von Dieter Köhler und seinen drei wichtigsten Mitautoren, zu denen Matthias Klingner, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Verkehrs- und Infrastruktursysteme in Dresden zählt, sowie der Leiter des Instituts für Kolbenmaschinen am Karlsruher Institut für Technologie, Thomas Koch, der früher für Daimler Motoren entwickelt hat.

Das Forum der Internationalen Lungengesellschaften, FIRS, betonte in einer Stellungnahme, dass die bestehenden EU-weiten Grenzwerte nicht entschärft werden dürften. "Obwohl die Lunge am stärksten von der Luftverschmutzung betroffen ist, werden dadurch auch andere Organsysteme geschädigt und chronische Erkrankungen verschlimmert", heißt es in dem Text. Krebs, Herzkrankheiten, Schädigungen des Neugeborenen und Demenz seien mit Luftverschmutzung assoziiert, "dafür sind vor allem Partikel mit einem Durchmesser unter 2,5 Mikrometern und andere Dieselabgase verantwortlich." Schäden entstünden "sogar unterhalb der Grenzwerte."