Psychopathen in Film und Realität Psychisch Kranke sind nicht gefährlicher als Gesunde

Zum anderen entwickelte sich der unrealistische Filmcharakter des extrem gewalttätigen, chaotischen Massenmörders wie er etwa im "Blutgericht in Texas" (The Texas Chain Saw Massacre), "Freitag dem 13." und "Halloween" auftritt. Geprägt wurden diese Filme - insbesondere die Slasher-Filme, bei denen die blutigen Morde im Vordergrund stehen - ausgerechnet durch neue Erkenntnisse zu realen psychopathischen Killern und Serienmördern in den 60er und 70er Jahren. Die Öffentlichkeit wurde versorgt mit einer "wachsenden Menge an Informationen über das Verhalten und vor allem mit der klinischen Beschreibung von Psychopathen, die bei ihren Morden rituelle Verhaltensweisen zeigten". Die Filmindustrie, so schreiben Leistedt und Linkowski, setzte nun auf die brutalen, allerdings überwiegend falsch verstandenen Praktiken mancher Täter - die in der Regel mit realen Psychopathen nichts mehr zu tun haben.

Die Verhaftungen von Serienkillern wie John Wayne Gacy und Ted Bundy (beide 1978) und die Arbeit des FBI an Profilen solcher Mörder in den 80er Jahren veränderte das Bild der Psychopathen im Film erneut. Diese Täter waren intelligent und geschickt genug gewesen, über Jahre zu morden, ohne erwischt zu werden. Dazu kam das bizarre Verhalten berühmter Figuren wie Ed Gein, der nicht nur Kannibale war, sondern sich aus der Haut von Leichen auch noch Kleidungsstücke genäht hatte. So entstanden zum Beispiel die halbwegs realistisch dargestellten Psychopathen oder Psychotiker wie Jamie Gumb und Francis Dollarhyde in "Das Schweigen der Lämmer" und "Roter Drache". Und es entstand das Bild des unrealistischen Psychopath-Genies Hannibal Lecter.

Trotz einer Entwicklung der Figuren, so das Fazit der Autoren, erinnerten die meisten fiktiven psychopathischen Schurken noch immer an eine Art "schwarzen Mann". Realistische Charaktere seien noch in der Minderheit. Die Filme, in denen sie vorkommen, könnten aber als Lehrmaterial für zukünftige forensische Psychologen und Psychiater taugen, da sie manche Aspekte besonders anschaulich darstellen. Schließlich ist es Studierenden selten möglich, selbst solche Täter zu untersuchen und zu befragen, wie es Leistedt und Linkowski getan haben. Außerdem könnten die Filme Hinweise darauf geben, wie etwa die Justiz zur Zeit der Veröffentlichung mit solchen Verbrechern umgegangen ist.

Bleibt das Problem, dass die Öffentlichkeit "Geisteskranke" sowieso schon für gefährlicher hält als geistig gesunde Menschen. Filme, in denen sie als Gewaltverbrecher und Mörder auftreten, könnten diesen Eindruck noch verstärken, auch - oder gerade - wenn es eine realistische Darstellung ist.

Aber sie werden als Protagonisten aus der Spannungsliteratur kaum verschwinden. Deshalb kann nicht oft genug darauf hingewiesen werden, dass die Gefahr, die von psychisch Kranken ausgeht, im Allgemeinen nicht höher ist als bei geistig Gesunden. Dagegen ist ihr Risiko, selbst zum Opfer zu werden, überdurchschnittlich hoch.

Lediglich bei den wenigen unbehandelten Menschen mit Psychosen besteht ein erhöhtes Risiko. Mörderischen Psychopathen allerdings begegnen wir immer noch fast ausschließlich im Kino.