Organtransplantationen:Falsche Angaben für Spenderlungen?

Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg

Die an die Organverteilungsstelle Eurotransplant gemeldeten Daten zum Gesundheitszustand der Patienten konnten nicht nachvollzogen werden.

(Foto: dpa)
  • Die Hamburger Staatsanwaltschaft ermittelt gegen das Universitätsklinikum Eppendorf (UKE).
  • Dort sollen Behandlungsunterlagen von Lungentransplantationen teilweise verschwunden sein.
  • Möglicherweise sollen dadurch Transplantationslisten manipuliert worden sein, um manche Patienten bevorzugt zu behandeln.

Von Christina Berndt

Die Prüfer haben schon viel erlebt. Seit 2012 statten sie den Transplantationszentren der Republik überraschende Besuche ab. Sie sollen herausfinden, ob dort bei der Führung der Wartelisten alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Doch so etwas wie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) war ihnen noch nie passiert.

Patienten des UKE waren in den Jahren 2010 bis 2012 als extrem kranke Menschen an die internationale Organverteilungsstelle Eurotransplant gemeldet worden und hatten daraufhin eine Spenderlunge bekommen. Aber wo waren die Akten, die ihren besonders schlechten Gesundheitszustand belegten?

Mit einiger Empörung verfassten die Mitglieder der bei der Bundesärztekammer angesiedelten Prüfungs- und Überwachungskommission ihren vor einem Monat veröffentlichten Bericht: "Daten implizierten einen sehr kritischen Gesundheitszustand, der nicht nachvollzogen werden konnte", heißt es darin. "Es konnten kaum Originalakten vorgelegt werden", so etwas hätte es "in diesem Ausmaß bei keiner anderen Zentrumsprüfung" gegeben. Routinemäßig meldeten die Prüfer daher die Vorgänge an die Staatsanwaltschaft, und die ermittelt nun, wie der NDR berichtete.

Schließlich nähren die verschwundenen Originaldokumente eine schlimme Befürchtung: "Die fehlenden Dokumente begründen den Verdacht, dass auf diese Weise systematisches Fehlverhalten der beteiligten Ärzte vor Entdeckung bewahrt werden sollte", schreiben die Prüfer in ihrem Bericht. In 14 von insgesamt 25 überprüften Transplantationen seien sie "auf Unregelmäßigkeiten gestoßen".

Zwei verschiedene Messkurven desselben Datums

Zum Teil wurden extrem schlechte Lungenfunktionswerte gemeldet, zum Teil ein extrem hoher Sauerstoffbedarf der Patienten. Und auch wenn manche besonders drastischen Werte wohl kein bewusstes Fehlverhalten gewesen seien, sondern nur "Anlaufschwierigkeiten" im Umgang mit einem neuen Vergabesystem: Zumindest in manchen Fällen habe dies dazu führen können, dass die Patienten aus dem UKE oder der dem Klinikum angegliederten Lungenklinik in Großhansdorf bevorzugt eine Spenderlunge erhielten. Andere Patienten an anderen Zentren könnten dadurch benachteiligt werden sein, der Verdacht von Körperverletzung steht im Raum.

Dabei sind einzelne Fälle besonders merkwürdig. So existieren für die Lungenwerte mancher Patienten zwei verschiedene Messkurven desselben Datums; nur in einer der beiden findet sich dem Prüfbericht zufolge ein "außerordentlich schlechter Wert", der eine Transplantation besonders dringend macht. Zum Teil sei der dargestellte Zustand der Patienten sogar "so kritisch" gewesen, bemerken die Prüfer, dass dies "über Wochen und Monate selbst bei Gesunden nicht mit dem Leben vereinbar" wäre.

Trotzdem seien nach Aktenlage keine medizinischen Maßnahmen ergriffen worden, um den Patienten zu helfen. Weil es den Patienten in Wirklichkeit gar nicht so schlecht ging und Hilfe gar nicht nötig war? Das vermuten die Prüfer.

Die Aufarbeitung der Altfälle geht ziemlich schleppend voran

Am UKE hält man die Vorwürfe trotz aller Schärfe für unbegründet: Im Oktober schon begründete das Klinikum das Fehlen der Dokumente mit IT-Problemen: Es habe leider Schnittstellenprobleme bei der Datenübermittlung zwischen dem UKE und Großhansdorf gegeben. Vieles habe gefaxt werden müssen, die Faxe seien leider nicht abgeheftet worden, hieß es da.

Im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung betonte der Ärztliche Direktor des UKE, Burkhard Göke, am Dienstag: "Ich sehe da keine geplante Manipulation." Er wies darauf hin, dass letztlich kein Patient wegen fehlerhafter Daten bevorzugt eine Lunge erhalten hätte. Außerdem lägen die beanstandeten Transplantationen Jahre zurück, die Probleme mit der IT seien längst abgestellt: "Wir haben alle jüngeren Transplantationen bis zur heutigen Zeit noch einmal überprüft. Da ist alles korrekt gelaufen", sagte Göke, der sich von dem Verdacht "betroffen" zeigte: "Das UKE ist immer stolz gewesen, ohne Vorwürfe aus allen Überprüfungen zu Lebern, Nieren oder Herzen herausgekommen zu sein."

Aus Kollegenkreisen hat Göke jedoch bereits harsche Kritik einstecken müssen: Der "an Deutlichkeit kaum mehr zu überbietende Bericht" über die Vorkommnisse am UKE sei "besonders niederschmetternd", schrieb der Generalsekretär der Deutschen Transplantationsgesellschaft, Christian Hugo, vor Kurzem an die Mitglieder seiner Fachgesellschaft. Er appelliere "dringend" an die Führung des UKE, "die Verantwortung für dieses inakzeptable Fehlverhalten zu übernehmen und sich hiervon maximal zu distanzieren".

Und Hugo ging noch weiter: "Solange systematisches Fehlverhalten in der Transplantationsmedizin von einzelnen wenigen begangen und möglicherweise aus Reputations- und monetären Gründen nicht adäquat aufgearbeitet wird, so lange wird uns und alle wartenden Patienten das Misstrauen weiter schädigen", schrieb er.

Der Schaden für die Patienten liegt in jedem Fall auf der Hand. Die Bereitschaft zur Organspende war in Deutschland schon immer niedrig, aber seit dem Transplantationsskandal, der im Jahr 2012 begann und in den mehrere Kliniken verwickelt sind, ist sie auf ein historisches Tief gesunken. Seither gibt es zwar ein neues Gesetz, das Manipulationen bei der Organvergabe schwieriger macht und unter Strafe stellt. Doch die Aufarbeitung der Altfälle geht ziemlich schleppend voran, - und die jüngeren Jahre sind noch gar nicht überprüft.

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