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Medizinisches Cannabis:Werden Cannabis-Patienten süchtig?

Derzeit gibt es in Deutschland nur eine Patientengruppe, die Cannabis auf Kassenkosten erhält. Für Menschen mit Multipler Sklerose, die an spastischen Krämpfen leiden und denen kein anderes Medikament hilft, ist seit 2011 eine Kombination von zwei Cannabis-Inhaltsstoffen im Sprühfläschchen zugelassen. Betroffene fragen durchaus nach dem Arzneistoff namens Nabiximols, hat Ralf Linker, MS-Spezialist vom Universitätsklinikum Erlangen, beobachtet. Dennoch hat diese Zulassung des Sprüh-Cannabis keinen Damm gebrochen. Gesetzlich Versicherte erhielten 2012 etwa 420.000 Tagesdosen Nabiximols. Baclofen, ein Standardmedikament bei MS-Spastiken, bringt es auf 40-mal so viele Dosen.

Auch eine Hintertür, über die Patienten vergleichsweise preiswert an medizinisches Marihuana kommen, wurde bislang nicht von Interessenten eingerannt. Die Bundesopiumstelle erteilt Ausnahme-Genehmigungen, mit denen Kranke Cannabis-Blüten oder -Extrakt aus der Apotheke beziehen können. In den vergangenen acht Jahren stellten 314 Patienten den Antrag. 171 von ihnen erhielten die Genehmigung.

Und auch das offenbart die Bilanz der Behörde: Einige Patienten verzichteten nach einiger Zeit auf das klinische Gras. Auch das Cannabis aus dem Sprühfläschchen verliert einer britischen Langzeitbeobachtung zufolge häufig an Attraktivität. Von knapp 150 Patienten brachen ein Drittel die Behandlung innerhalb eines Jahres ab. Entzugssymptome spürte keiner von ihnen.

Solche Erfahrungen führt die Psychiaterin Kirsten Müller-Vahl ins Feld, wenn sie auf das Risiko der Suchtentwicklung angesprochen wird. "Dass Patienten medizinisches Cannabis absetzen wollen, und es nicht können, habe ich noch nicht gehört", sagt die Medizinerin von der Medizinischen Hochschule Hannover, die sich in der "Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin" engagiert.

Prinzipiell hat Cannabis ein Suchtpotenzial. Bis zu zehn Prozent der Konsumenten entwickeln eine Abhängigkeit. Doch Kirsten Müller-Vahl zufolge sind Kiffer und Patienten kaum zu vergleichen: "Gewohnheits-Konsumenten sind auf das High aus. Sie steigern ihre Dosis, sobald ein Gewöhnungseffekt einsetzt und können irgendwann Probleme haben, ohne die Droge auszukommen." Medizinisches Cannabis dagegen ist in der Regel niedriger und vor allem immer gleich dosiert. Selbst wenn es anfangs die Stimmung spürbar aufhellt, lasse diese Wirkung rasch nach, wenn sich Patienten an die Arznei gewöhnt haben.

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