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Medizinisches Cannabis:Kampf ums Gras

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Medizinisches Cannabis ist umstritten wie kaum eine Arznei. Neben allen Warnungen vor Missbrauch und Nebenwirkungen kommt eine Frage oft zu kurz: Wie gut wirkt das Marihuana auf Rezept überhaupt?

Von Berit Uhlmann

Von den vielen Briefen mit prominentem Absender, die Ute Köhler im Laufe ihres Lebens schon erhalten hatte, war der aus dem vergangen Herbst einer der erstaunlichsten. In herzlichen Worten wurde der Hausfrau mitgeteilt, dass Bundespräsident Joachim Gauck ihr die "Verdienstmedaille des Verdienstordens" verleihe. Die Auszeichnung gelte ihrem "Einsatz fürs Gemeinwohl", las Köhler - und war ratlos.

Zwar hatte sie enormes Engagement für chronisch Kranke an den Tag gelegt. Sie war vor Gericht und vor den Reichstag gezogen, hatte Aktenordner voller Anträge, Beschwerden und Petitionen geschrieben. Allein: Das Ergebnis all des öffentlichen Wirkens war, so ihr Resümee, "ein Orden, aber keine Lösung".

Ute Köhlers Lösung heißt Cannabis, und das braucht sie in erster Linie für sich selbst. Seit einer Krebsbehandlung leidet die Thüringerin unter chronischen Schmerzen, von denen sie nach Jahren der Qual allein das Cannabis-Medikament Dronabinol befreite. Doch wie den meisten Patienten in ihrer Situation kann ihr ein Arzt zwar ein Rezept für Cannabis ausstellen, die Kosten - in ihrem Fall 700 Euro monatlich - übernimmt die Krankenkasse aber nicht. Aus dem Dilemma befreit Ute Köhler der Hersteller des Medikaments. Er "sponsert", wie sie selbst sagt, seiner Vorkämpferin die umstrittene Substanz. Keine ganz einfache Konstellation, aber wenn es um Marihuana auf Rezept geht, ist nichts einfach.

Cannabis ist weltweit die am häufigsten konsumierte illegale Droge. Allein in Deutschland entspannen zwei Millionen Menschen regelmäßig mit Haschisch oder Marihuana. Dabei hilft die Hanfpflanze möglicherweise gegen ein ungewöhnlich breites Spektrum an Beschwerden: Schmerzen, Übelkeit, Appetitlosigkeit, Spasmen, Tics, Vergesslichkeit. Freilich empfiehlt es sich nicht, Cannabis auf eigene Faust anzubauen oder zu kaufen. Es ist nicht nur verboten, sondern auch medizinisch fragwürdig: Die Konzentration der Inhaltsstoffe wäre unklar, kein Arzt würde die Therapie überwachen.

Andererseits fürchten nicht nur die Krankenkassen eine unüberschaubare Entwicklung, wenn sie Cannabis-Präparate in größerem Umfang erstatten würden. Was wäre, wenn Millionen Versicherte ihren Arzt um ein Haschischrezept bitten? Würden die Kassen letztlich eine Sucht finanzieren und Menschen nicht absehbaren Nebenwirkungen aussetzen?

Werden Cannabis-Patienten süchtig?

Derzeit gibt es in Deutschland nur eine Patientengruppe, die Cannabis auf Kassenkosten erhält. Für Menschen mit Multipler Sklerose, die an spastischen Krämpfen leiden und denen kein anderes Medikament hilft, ist seit 2011 eine Kombination von zwei Cannabis-Inhaltsstoffen im Sprühfläschchen zugelassen. Betroffene fragen durchaus nach dem Arzneistoff namens Nabiximols, hat Ralf Linker, MS-Spezialist vom Universitätsklinikum Erlangen, beobachtet. Dennoch hat diese Zulassung des Sprüh-Cannabis keinen Damm gebrochen. Gesetzlich Versicherte erhielten 2012 etwa 420.000 Tagesdosen Nabiximols. Baclofen, ein Standardmedikament bei MS-Spastiken, bringt es auf 40-mal so viele Dosen.

Auch eine Hintertür, über die Patienten vergleichsweise preiswert an medizinisches Marihuana kommen, wurde bislang nicht von Interessenten eingerannt. Die Bundesopiumstelle erteilt Ausnahme-Genehmigungen, mit denen Kranke Cannabis-Blüten oder -Extrakt aus der Apotheke beziehen können. In den vergangenen acht Jahren stellten 314 Patienten den Antrag. 171 von ihnen erhielten die Genehmigung.

Und auch das offenbart die Bilanz der Behörde: Einige Patienten verzichteten nach einiger Zeit auf das klinische Gras. Auch das Cannabis aus dem Sprühfläschchen verliert einer britischen Langzeitbeobachtung zufolge häufig an Attraktivität. Von knapp 150 Patienten brachen ein Drittel die Behandlung innerhalb eines Jahres ab. Entzugssymptome spürte keiner von ihnen.

Solche Erfahrungen führt die Psychiaterin Kirsten Müller-Vahl ins Feld, wenn sie auf das Risiko der Suchtentwicklung angesprochen wird. "Dass Patienten medizinisches Cannabis absetzen wollen, und es nicht können, habe ich noch nicht gehört", sagt die Medizinerin von der Medizinischen Hochschule Hannover, die sich in der "Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin" engagiert.

Prinzipiell hat Cannabis ein Suchtpotenzial. Bis zu zehn Prozent der Konsumenten entwickeln eine Abhängigkeit. Doch Kirsten Müller-Vahl zufolge sind Kiffer und Patienten kaum zu vergleichen: "Gewohnheits-Konsumenten sind auf das High aus. Sie steigern ihre Dosis, sobald ein Gewöhnungseffekt einsetzt und können irgendwann Probleme haben, ohne die Droge auszukommen." Medizinisches Cannabis dagegen ist in der Regel niedriger und vor allem immer gleich dosiert. Selbst wenn es anfangs die Stimmung spürbar aufhellt, lasse diese Wirkung rasch nach, wenn sich Patienten an die Arznei gewöhnt haben.

Cannabis könnte vor Psychosen schützen

Die möglichen Nebenwirkungen betreffend treibt Kritiker zudem die Gefahr von Psychosen um. "Das Risiko, eine Psychose zu entwickeln, ist bei Cannabis-Konsumenten etwa zwei- bis dreimal höher als in der Normalbevölkerung", sagt der Psychiater Patrik Roser, der sich am Universitätsklinikum Bochum mit Schizophrenien befasst. "Je jünger die Konsumenten sind, umso größer ist das Risiko." Dass diese Gefahr auch für die meist niedrig dosierten synthetischen Cannabis-Medikamente gilt, ist nicht sehr wahrscheinlich, mit letzter Sicherheit aber nicht auszuschließen. Sicher ist nur, dass der Zusammenhang nicht vollkommen verstanden und komplex ist.

Seit einigen Jahren erkennen Wissenschaftler, dass Cannabis möglicherweise auch vor Schizophrenien schützen kann. Während der Cannabis-Inhaltsstoff THC die Entstehung von Psychosen begünstigen kann, wirkt ein weiterer Inhaltstoff, das Cannabidiol, offenbar gegenteilig. Dies ist nicht so widersinnig, wie es auf den ersten Blick scheint. Das menschliche Gehirn hat eine ganze Reihe von Bindungsstellen für Cannabinoide, die Inhaltsstoffe der Hanfpflanze. "Die hat es nicht, um Haschisch-Raucher high zu machen", sagt Roser, sondern weil der Mensch selbst Cannabinoide produziert, die an der Steuerung verschiedener Vorgänge beteiligt sind. THC und Cannabidiol greifen an unterschiedlichen Stellen und mit unterschiedlichen Wirkungen in diese Regelkreise ein.

Die bisherigen Untersuchungen sprechen dafür, schlussfolgerte Roser 2012 in einer Übersichtsarbeit, dass das isolierte Cannabidiol gegen Schizophrenie hilft. Noch befindet es sich allerdings in der klinischen Erprobungsphase.

In den meisten Fällen bleibt eine Frage offen, die in der Diskussion oft zu kurz kommt: Wie gut hilft Cannabis jenseits von spektakulären Fallbeispielen? Große Studien sind rar und Bewertungen schwierig, weil Cannabis in verschiedenen Formen untersucht wird. Mal werden ganze Blätter und Blüten mit ihren Dutzenden Bestandteilen, mal einzelne Inhaltsstoffe getestet. Mitunter wird die Medizin aus einem qualmenden Joint inhaliert, in anderen Fällen als Tablette geschluckt oder aus dem Fläschchen gesprüht.

Die Pharmabranche hat kaum Interesse an der Forschung

Als am besten belegt gilt die Wirkung gegen die Spastik von MS-Patienten. In der bislang größten Studie zeigte sich das auch in Deutschland zugelassene Nabiximols einem Placebo überlegen - allerdings nur bei 272 von 572 ursprünglich untersuchten Patienten. Der Großteil der Probanden hatte nicht auf das Cannabis angesprochen und wurde nach dem erstem Durchgang aus der Studie entlassen.

Die Wirkung gegen Schmerzen, dem zweiten großen Einsatzbereich, ist nur in kleineren Studien untersucht und erlaubt allenfalls Hinweise auf einen echten Nutzen. Ebenso verhält es sich bei jenen Aids-Patienten, die unter schwerer Appetitlosigkeit leiden und auf bedenkliche Weise abmagern. In den USA ist Cannabis für sie zur Appetitsteigerung zugelassen. Doch die Wissenschaftler der strengen Kriterien verpflichteten Cochrane Collaboration zogen Anfang des Jahres das Fazit: Ein Wirknachweis steht noch aus.

Ist die Hoffnung auf das heilende Gras nur eine Illusion? Diese Deutung wäre zu kurz gegriffen. Vielmehr schlägt sich der Streit um Cannabis auch in der Forschung nieder. In den USA erschweren rechtliche, in Deutschland finanzielle Hürden Tests mit der Droge. Da Cannabis hierzulande als Betäubungsmittel eingestuft ist, gelten besonders strikte Regeln. "Die behördlichen Vorgaben sind so streng, dass allein für das Zusammenstellen aller Genehmigungen 100.000 Euro zusammenkommen können", sagt Kirsten Müller Vahl. Längst nicht jede Forschungseinrichtung kann diese Mittel aufbringen. Die Pharmaindustrie dagegen hat wenig Interesse an der Forschung, da die Pflanzeninhaltsstoffe kaum patentierbar sind.

Eines aber ist auch Befürwortern wie Müller-Vahl klar. "Cannabis ist kein Wundermittel." Es ist eine Therapiemöglichkeit unter vielen für eine begrenzte Anzahl von Patienten wie Ute Köhler. Sie hofft immer noch, ihr Medikament eines Tages auf Rezept zu bekommen. Denn nach wie vor lebt sie mit der Angst, dass ihr Sponsor das Arrangement aufkündigt und ihre Schmerzen zurückkehren: "Ich zittere von Monat zu Monat", sagt die Thüringerin. Diese Furcht begleitet sie seit mittlerweile zwölf Jahren.

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Quelle:
SZ vom 11.09.2013
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