Medizin Wir wollen euch verstehen!

Zuhören - und verstehen: Die Gesundheitsminister der Ländern fordern verständliche Briefe.

(Foto: dpa)

Die Gesundheitsminister der Länder fordern verständliche Arztbriefe - damit Patienten wissen, wie es um sie steht. Richtig so.

Kommentar von Felix Hütten

Was ein Glück: keine Lambliasis. Auch keine Hinweise auf eine intraepitheliale Neoplasie. Klingt beruhigend, der Arztbrief. Nur: Was heißt das? In einem anderen Schrieb ist die Rede von akuten anginös-pectoralen Beschwerden und einer vermuteten C2-Problematik bei schlechtem AZ.

Tja.

Ärzte, die so etwas in ihre Briefe schreiben, senden leider immer auch eine versteckte Botschaft: Du, lieber Patient, um den es hier eigentlich geht, bleibst bitte außen vor. Was hier geschrieben steht, hat dich nicht zu interessieren.

Schluss damit, haben die Gesundheitsminister der Länder in dieser Woche gefordert. Patienten sollen, bitte schön, verstehen, wie es um sie steht, Ende mit Fachchinesisch, Ende der Durchsage. Richtig so. Wer Menschen schlecht über ihre Gesundheit informiert und sie zum Postboten für kryptische Unterlagen degradiert, der fördert das Misstrauen in die Medizin, der treibt Menschen zu Wunderheilern und Kügelchenpropheten, die zwar keine bessere Behandlung anbieten können, wohl aber eine ganz wichtige Sache verstanden haben: Klare Kommunikation ist oft der halbe Weg zur Genesung.

Auch Ärzte sind Menschen, warum sprechen sie dann nicht auch so?

Schon heute formieren sich Dienstleister im Internet, die Arztbriefe kostenlos in die Sprache der Normalsterblichen übersetzen. Was für eine Schmach, dass es die überhaupt braucht. Auch Ärzte sind Menschen, denkt man ja immer, warum sprechen und schreiben die dann nicht auch so? Das Argument, Fachsprache sei nötig, um Eindeutigkeit zu schaffen und Missverständnisse zu vermeiden, ist ja nachvollziehbar. Niemand will wegen eines Herzinfarkts behandelt werden, wenn er eigentlich nur Probleme beim Wasserlassen hat. Blöd nur, wenn im Arztbrief die Rede vom "HWI" ist. Das kann nämlich "Hinterwandinfarkt" bedeuten, oder auch "Harnwegsinfekt". Dieses Beispiel zeigt: Ganz eindeutig ist Fachsprache leider auch nicht immer, sie klingt oft nur danach.

Die Lösung ist, Arztbriefe endlich so klar und verständlich zu formulieren, dass auch Patienten sie verstehen. Das mag Mühe kosten, wird die Dinge aber auch vereinfachen. Denn Patienten wollen in der Regel keine Details ihrer Blutwerte verstehen, sondern noch mal rekapitulieren, was überhaupt Sache war. Das Fachliche, Daten, Diagnosen und Laborbefunde, könnten die überweisenden Ärzte dem Brief anhängen, zur Not auch in Fachsprache und idealerweise elektronisch. Doch ob das jemals passieren wird, ist unklar. Denn leider verstecken sich hinter den vielen Abkürzungen heutiger Arztsprache manchmal auch Geheimbotschaften, die Patienten gar nicht verstehen sollen: Der Patient mit C2-Problematik und schlechtem AZ hat nämlich ein Alkoholproblem und ist einfach nicht fit.

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