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Coronavirus:Erst nach einer Meta-Studie änderte die WHO ihre Empfehlung

Die WHO aber änderte erst ihre Ansichten, als die Evidenz nicht mehr zu übersehen war. Sie hatte eine neue Studie bei Holger Schünemann in Auftrag gegeben. Er ist Professor an der McMaster University und Direktor der kanadischen Cochrane Collaboration. Er wertete alle Studien zur Frage aus, ob Masken gegen Sars, Mers oder Covid-19 helfen - es waren insgesamt 29, und viele von ihnen waren Jahre alt. Diese Meta-Analyse erschien Anfang Juni im Lancet und erstaunte Schünemann selbst, wie er sagt. "Nach unserer Analyse reduzierten Masken das Risiko, sich zu infizieren, um überraschende 80 Prozent." Masken schützen also nicht nur andere, sondern auch den Träger selbst. Durch den frühen Gebrauch von Masken hätte es deshalb weltweit "möglicherweise zu einer großen Verminderung der Todesfälle kommen können", sagt Schünemann.

Nur wenige Tage nach der Veröffentlichung änderte die WHO am 5. Juni ihre Empfehlungen. Seither rät sie zum Masketragen, wenn es ein Infektionsgeschehen gibt und Abstand schwierig einzuhalten ist. Doch auf Anfrage bleibt sie dabei: "Der breite Einsatz von Masken durch gesunde Menschen ist bisher nicht durch wissenschaftliche Evidenz von hoher Qualität unterstützt, und es gibt möglichen Nutzen und Schaden zu berücksichtigen."

Das RKI zeigte sich in einem Punkt nicht ganz so unbeweglich wie die WHO über lange Zeit. Mitte März hatte sein Präsident Lothar Wieler noch in einer Pressekonferenz gesagt: "Wenn Sie draußen als Mensch mit einer Maske rumlaufen, suggerieren Sie einen Schutz davor, aber es gibt keine Evidenz dafür." Doch am 3. April rückte er von seiner Position ab. "An Orten, an denen man den Abstand nicht einhalten kann, zum Beispiel in öffentlichen Verkehrsmitteln oder im Supermarkt, da könnte das Tragen einer solchen Maske vermutlich dazu führen, dass man das Risiko senkt, andere anzustecken", sagte Wieler dann über Mund-Nase-Bedeckungen aus Stoff. Erst zu diesem Zeitpunkt hätten sich die Hinweise dazu verdichtet, teilt das RKI auf Anfrage mit.

Den Schutz für den Träger aber akzeptierte Wieler nicht. Bis heute schreibt das RKI auf seiner Webseite, es gebe bei einfachen Mund-Nase-Bedeckungen "für einen Eigenschutz keine Hinweise." Das Institut begründet auf Anfrage seine Haltung damit, dass in Schünemanns Arbeit nur Studien zu chirurgischen Masken und zu höherwertigen, FFP2-ähnlichen Masken ausgewertet wurden.

Allerdings gibt es auch für den Nutzen einfacher Masken genügend Hinweise aus Laborstudien. So hatten englische Forscher bereits 2013 die Schutzwirkung von Haushaltsmaterialien untersucht. Sie ließen Probanden mit und ohne einen Mundschutz husten, den sie selbst aus einem alten T-Shirt genäht hatten. Die Selfmade-Masken hielten immerhin 70 Prozent der Viren zurück. Auch den Eigenschutz testeten die Forscher, hier hielten diese Masken die Hälfte der Partikel ab. Die gute Filterwirkung normaler Stoffe belegen auch neuere Studien. Sie lag bei Baumwolle, Naturseide und Chiffon meist über 50 Prozent, stieg bei dichter gewebter Baumwolle auf 79 bis 98 Prozent.

Coronavirus Hongkong

Fahrgäste tragen Atemschutzmasken in der Abfahrtshalle eines Bahnhofs für Hochgeschwindigkeitszüge in Hongkong. In vielen asiatischen Ländern gehörte der Mund-Nasen-Schutz schon vor der Corona-Pandemie zum Alltag.

(Foto: Kin Cheung/dpa)

Einen Effekt auf die Ausbreitung von Viren haben Stoffmasken also auf jeden Fall - und wohl auch einen schützenden Effekt für den Träger. Denn ob und wie krank ein Mensch wird, der mit Sars-CoV-2 in Berührung kommt, hängt von der Zahl der Viren ab. "Meistens ist ein Viruspartikel nicht ausreichend, um eine Infektion zu verursachen", sagt Sars-Mitentdecker Yuen Kwok-yung. "Es braucht 40 bis 200 Viruspartikel, die auf das Nasenepithel, in die Augen oder den Rachen gelangen." Fachleute gehen davon aus, dass Menschen, die weniger Sars-CoV-2-Viren abbekommen, weniger schwer oder gar nicht erkranken.

Wissenschaftliche Studien nach höchsten Ansprüchen gibt es zum Maskentragen bei Sars-CoV-2 allerdings tatsächlich kaum. Man kann Menschen während einer Pandemie schlecht in zwei Gruppen einteilen und der Hälfte von ihnen befehlen, immer eine Maske aufzusetzen, und der anderen das Maskentragen verbietet. Doch Bevölkerungsstudien können das Problem lösen. So haben Forscher die Entwicklung in 15 US-Bundesstaaten mit Bezug auf ihre Masken-Erlässe verglichen. Demnach seien bis Ende Mai Hunderttausende Covid-19-Fälle durch Masken verhindert worden - unabhängig vom Typ der Masken, von der Art des Gebrauchs.

Das RKI hätte es also auch so halten können wie die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie, die am 20. Mai festhielt: "Nicht medizinische Mund-Nasen-Masken bieten einen nachgewiesenen Fremdschutz. Ein Selbstschutz ist nicht nachgewiesen, aber wahrscheinlich." Doch das RKI blieb bei seiner zögerlichen Haltung zum Eigenschutz - weil die Evidenz fehle.

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Die Folgen der Kommunikation dürften jedenfalls bis heute nachwirken, wie zuletzt die Diskussion um das Weglassen der Maske zugunsten schönerer Shoppingerlebnisse gezeigt hat. Nora Szech forscht am Karlsruhe Institute of Technology über Anreize menschlichen Verhaltens. "Für die Motivation, eine Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen, ist es immer besser, wenn die Menschen wissen, dass sie damit auch etwas für sich selbst tun", sagt sie.

Womöglich hat beim Zögern von WHO und RKI auch westliche Arroganz eine Rolle gespielt. "Im Westen hätten wir uns in der Frühphase der Epidemie den generellen Maskengebrauch von asiatischen Ländern abschauen sollen", sagt Szech. Stattdessen sagte Lothar Wieler am 18. Februar in der österreichischen Fernsehsendung Zeit im Bild: "Das ist ein kultureller Hintergrund, das sieht man in China und in Asien generell häufiger bei solchen Atemwegserkrankungen, aber es ist generell nicht nützlich." Nora Szech konstatiert: "Wir waren nicht offen genug für die Erfahrungen der anderen."

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Fassung hieß es, dass seit Ende Februar Infektionen durch symptomlose Patienten belegt waren, dies war aber schon Anfang Februar der Fall.

© SZ vom 11.07.2020/hmw
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