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Masern-Impfung:Japan: Ängstliche Bürokratie

Auch Japan hat Impfprobleme. Allerdings weniger Impfgegnern als mit Bürokratie und Schlendrian. Die meisten Japaner hinterfragen nicht, was die Regierung ihnen vorschreibt. Sie impfen ihre Kinder nach Plan, der Staat zahlt. Der Konformitäts-Druck ist hoch und der Arzt eine Autorität, an der man nicht zweifelt.

Für Impfkampagnen ist das durchaus hilfreich. Japanische Eltern lassen ihre Kinder auch alljährlich gegen Grippe impfen. Allerdings dauert es in Japan lange, bis ein Arzneimittel zugelassen wird. Tokios Impfplan halten ausländische Ärzte für veraltet.

Das Gesundheitsministerium erklärt seine Langsamkeit mit einer angeblich anderen Physiologie der Japaner. Ausländische Medikamente müssten deshalb für Japan neu getestet werden. Damit verschleppen die Beamten die Zulassung der Präparate und helfen der eigenen Pharma-Industrie.

Auf Probleme reagiert die Medizinalbürokratie ängstlich - wenn sie überhaupt reagiert. 1993 verbot sie die Kombi-Impfung MMR gegen Masern, Mumps und Röteln wegen fataler Nebeneffekte. Später stellte sich heraus, daß der japanische Impfstoff-Hersteller gepfuscht hatte. Er hatte Impfsera verwendet, die abgelaufen waren. Die Zahl der Fälle von Autismus, der, so die Impfgegner, vom MMR-Impfstoff provoziert werden soll, hat in Japan nach dessen Verbot sogar zugenommen. Dennoch bleibt die Kombi-Impfung bis heute verboten.

Erst 2006 wurde ein neuer Impfstoff gegen Masern und Röteln zugelassen; in der Zwischenzeit blieb eine ganze Generation ungeimpft. In Japan gibt es deshalb stets Masern-Fälle und es kommt immer wieder zu schweren Ausbrüchen. 2001 wurden 316 000 an Masern erkrankte Kinder und Jugendliche registriert, ihre wirkliche Zahl war größer. Vergangenen Januar meldeten Ärzte drei Mal mehr Masern-Fälle als ein Jahr zuvor. Das Institut für Infektionskrankheiten fürchtet deshalb eine Epidemie. Es ruft dazu auf, sich freiwillig impfen zu lassen.

Christoph Neidhart, Tokio

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