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Masern-Impfung:Großbritannien: Der schädlichste Scherz des Jahrhunderts

Im Jahre 1998 behauptete der britische Chirurg Andrew Wakefield in der Zeitschrift The Lancet, es gebe einen kausalen Zusammenhang zwischen der kombinierten Masern-, Mumps- und Rötelimpfung (MMR) und der Entwicklung von Autismus bei Kindern. Diese These entbehrte, wie sich herausstellte, jeder Grundlage. Wakefield, der in den Jahren nach der Veröffentlichung einen vor allem von der Zeitung Daily Mail unterstützten Propagandafeldzug gegen die Impfung begonnen hatte, wurde 2008 wegen unethischer Forschungsmethoden und wissenschaftlicher Unehrlichkeit die Approbation entzogen. The Lancet zog seinen Aufsatz als "komplett falsch" zurück.

Doch der "schädlichste medizinische Scherz der vergangenen 100 Jahre", wie Pharmakologie-Professor Dennis Flaherty den Aufsatz nannte, hatte seine fatale Wirkung längst entfaltet: Viele verunsicherte Eltern wollten nicht mehr, dass ihre Kinder geimpft wurden. Vor Andrew Wakefields Lancet-Aufsatz hatte die MMR-Impfrate in Großbritannien, wo es keine Impf-Pflicht gibt, bei 91,2 Prozent gelegen. Sie lag damit bereits unter der von der Weltgesundheits-Organisation empfohlenen Mindestrate von 95 Prozent.

Nun sackte sie weiter ab. An ihrem Tiefpunkt in den Jahren 2003 und 2004 wurden 20 Prozent aller Kinder in Großbritannien nicht geimpft, in manchen Gegenden lag die Impfrate sogar nur bei etwa 50 Prozent. 2005 gab es in England eine Mumps-Epidemie mit 43 000 Fällen; auch Masern brachen wesentlich häufiger aus als noch Mitte der Neunzigerjahre. Erst 2012 hatte sich die durchschnittliche Impfrate wieder auf gut 90 Prozent erholt.

Alexander Menden, London

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