Gesundheitsrisiko Ständiger Krebs-Alarm führt nur zu Chaos

Lieber lauwarm? Das klingt lebensfern. Und doch sagen Krebsforscher: Zu heiß ist gefährlich. Also was jetzt?

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Wurst macht Krebs, heißer Tee und Glyphosat auch: Immer wieder liefert die Internationale Agentur für Krebsforschung Schreckensmeldungen. Aber das theoretische Risiko hat mit dem Alltag oft nichts zu tun.

Von Kai Kupferschmidt

Die gute Nachricht wurde in der vergangenen Woche am Mittwoch um 15 Uhr bekannt gegeben: Es gebe kaum Belege dafür, dass Kaffee Krebs verursache, erklärten Experten der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) und strichen Kaffee aus ihrer Liste von Substanzen, die womöglich, wahrscheinlich oder ganz bestimmt Krebs verursachen. Eine schlechte Nachricht hatten die Experten aber auch: Sehr heiße Getränke führen vermutlich zu Krebs der Speiseröhre.

Was dann passierte, schien einem Drehbuch zu folgen, das allzu bekannt erscheint. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) warnte am nächsten Tag, das Urteil der IARC sei "von begrenzter Aussagekraft". Lebensmittel wie Kaffee seien "viel zu komplexe Gemische, um allgemeine Aussagen über ihr krebserregendes Potential ableiten zu können, die für Verbraucher von praktischem Nutzen wären", sagt BfR-Präsident Andreas Hensel. Andere kritisierten, die Agentur hätte zwar heiße Getränke als Risikofaktor benannt, aber nicht erklärt, wie groß das Risiko sei. "Ohne diese Information ist das nutzlos", sagt der Statistiker David Spiegelhalter von der Universität Cambridge.

Auf die Ankündigungen der IARC folgen stets Kritik, Kontroverse, Chaos

Es ist immer das gleiche Muster: Auf die Ankündigungen der IARC folgen Kritik, Kontroverse, Chaos. Im vergangenen Jahr hatte die der Weltgesundheitsorganisation angegliederte Behörde Glyphosat, das weltweit am meisten verwendete Unkrautvernichtungsmittel, als "wahrscheinlich krebserregend" eingestuft. Das widerspricht unter anderem Einschätzungen der US-Umweltbehörde, der europäischen Lebensmittelsicherheitsbehörde und des BfR. "Keine andere Agentur auf der Welt, behauptet, dass Glyphosat wahrscheinlich Krebs erregt", sagt Hensel.

Doch Umweltorganisationen nahmen das Votum der IARC zum Anlass, ein Verbot von Glyphosat in Europa zu fordern. An diesem Freitag will die EU entscheiden, ob das Herbizid weiter genutzt werden kann. Auch stufte das IARC verarbeitetes Fleisch als krebserregend ein und machte damit weltweit Schlagzeilen. Die Ankündigung sei missverständlich, kritisierten Forscher, das tatsächliche Risiko gering. "Was soll die Öffentlichkeit mit diesen Urteilen anfangen?", fragt Geoffrey Kabat, ein Krebsepidemiologe am Albert Einstein College of Medicine in New York. "Ich finde das Vorgehen der IARC rätselhaft."

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Die Behörde wurde 1965 gegründet und hat ihren Sitz im französischen Lyon. Etwas mehr als 200 Mitarbeiter unterstützen dort unter anderem die Einrichtung von Krebsregistern auf der ganzen Welt. So helfen sie Daten zu sammeln, wie viele Menschen wo an Krebs erkranken und wie viele daran sterben. "Manche dieser Datenbanken sind ungeheuer hilfreich", sagt der britische Krebsforscher Paul Pharoah von der Universität Cambridge. Die Agentur bilde außerdem Wissenschaftler aus und sei an hervorragenden Forschungsprojekten zur Krebsvorbeugung beteiligt, sagt er.

Doch am bekanntesten ist die IARC-Liste jener Substanzen und Umwelteinflüsse, die Krebs verursachen können. Die Agentur hatte diese Buchführung im Jahr 1971 auf Anfrage zahlreicher Länder begonnen. In sogenannten "Monographien", langen Übersichtsarbeiten, bewerten Expertenrunden das Krebspotenzial von Sonnenlicht, Luftverschmutzung, Wurst, Alkohol, Nickel, Farbstoffen, Handystrahlen oder Dieseldämpfen.