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Krankenkassen reagieren:Radiologen sollen weniger an Kernspin und CT verdienen

Neues CT-Gerät im Universitätsklinikum Jena

Ein Patient im Computertomografen: Für Radiologen ließ sich damit viel Geld verdienen, wenn Kontrastmittel gespritzt und bei den Krankenkassen abgerechnet wurden.

(Foto: Martin Schutt/dpa)
  • Bisher konnten Radiologen in vielen Bezirken Kontrastmittel billig bei Pharmafirmen einkaufen und teuer mit den Krankenkassen abrechnen.
  • Damit haben Krankenkassen bisher nicht nur das Geld der Versicherten verschwendet: Die möglichen Gewinne boten auch einen Anreiz für Radiologen, bei Patienten mehr Kontrastmittel einzusetzen als nötig.
  • Nun werden die Pauschalen in zahlreichen Bundesländern gekürzt. Den Anfang hatte Bayern schon im Oktober 2019 gemacht.

Die Zusatzverdienste von Radiologen mit bestimmten Arzneimitteln werden künftig in zahlreichen Bundesländern drastisch geringer ausfallen. Bislang konnten die Ärzte mit Untersuchungen im Kernspingerät (MRT) oder im Computertomografen (CT) lukrative Nebenverdienste erwirtschaften, wenn sie ihren Patienten zuvor ein Kontrastmittel spritzten. Diese Mittel verbessern die Aufnahmequalität und sind daher bei manchen MRT- und CT-Untersuchungen nötig. Bisher konnten Radiologen in Hamburg, Niedersachsen, Bayern, Bremen und Nordrhein-Westfalen Kontrastmittel billig bei Pharmafirmen einkaufen und teuer mit den Krankenkassen abrechnen. Auf diese Weise waren Zusatzverdienste von mehr als 100 000 Euro pro Jahr und Tomograf möglich, wie NDR, WDR und Süddeutsche Zeitung Anfang August 2019 anhand von internen Rechnungen von Pharmafirmen und Lieferscheinen an Arztpraxen aufgedeckt haben.

Nun werden die Pauschalen, nach denen die Ärzte die Mittel mit den Krankenkassen abrechnen, in zahlreichen Bundesländern gekürzt. So will die für die Region Westfalen-Lippe zuständige AOK nur noch halb so viel wie bisher für MRT-Kontrastmittel erstatten. In Nordrhein-Westfalen werden die Mittel künftig sogar ausgeschrieben, sodass der billigste Anbieter den Zuschlag erhalten wird. Experten rechnen damit, dass so künftig nur noch 700 Euro pro Liter bezahlt werden - statt bisher rund 4000 Euro. Auch in Hamburg und Niedersachsen werden die Pauschalen um 30 bis 35 Prozent gesenkt. Doch trotz der Kürzung werden Radiologen in diesen Regionen weiterhin Gewinn mit der Gabe von Kontrastmitteln machen können.

Den Anfang hatte Bayern schon im Oktober 2019 gemacht. Seither zahlt die dortige AOK nur noch 970 Euro für einen Liter MRT-Kontrastmittel an Radiologen, zuvor waren es 3900 Euro gewesen. Die CT-Kontrastmittelpauschale sank von 470 Euro auf 110 Euro pro Liter. Rechnet man alle Kürzungen zusammen, könnten die Krankenkassen infolge der niedrigeren Erstattungen künftig 50 Millionen Euro pro Jahr sparen.

Mit den hohen Pauschalen haben Krankenkassen bisher aber nicht nur das Geld der Versicherten verschwendet: Die möglichen Gewinne boten auch einen Anreiz für Radiologen, bei Patienten mehr Kontrastmittel einzusetzen als nötig. Doch die Mittel können Allergien auslösen und im Einzelfall auch schwere Nebenwirkungen haben. Die Landesvorsitzenden der Berufsverbands der Radiologen in Hamburg, NRW, Bayern und Niedersachsen wollten sich auf Anfrage von NDR, WDR und SZ nicht nur Kürzung der Pauschalen äußern.

Politiker aber kritisieren, dass Ärzten in manchen Regionen weiterhin Nebenverdienste durch die Verabreichung von Arzneimitteln möglich sind. Die Gesundheitspolitikerin der Grünen, Kordula Schulz-Asche, sagt, dass das Gesundheitsministerium gefordert sei, eine gesetzliche Regelung zu formulieren: "Solche Einnahmen aus der Verschreibung von Arzneimitteln müssen ausgeschlossen werden." Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach fordert zudem mehr Transparenz: In vielen Bundesländern - etwa in Baden-Württemberg, Hessen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen - weigern sich die Krankenkassen, die Preise, die sie zahlen, überhaupt mitzuteilen, und berufen sich dabei auf "Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse". Für Lauterbach, sind das "unhaltbare Zustände". Er sagt: "Wir müssen einen Überblick haben, was hier bezahlt wird." Nur so könne man sinnvoll Gesundheitspolitik machen.

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