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Infektionskrankheiten:Was macht man mit den Superspreadern?

Alternativ oder auch zusätzlich befeuern ungünstige Umweltfaktoren die rasante Verteilung der Keime. Dass Sars sich in Hongkong weiter verbreitete, geht höchstwahrscheinlich auch auf ein miserabel funktionierendes Abwassersystem zurück. Sars-Viren eines schwer Erkrankten - auch er mit ungewöhnlich hoher Viruslast - gelangten offenbar über dessen Toilette in die Badezimmer anderer Bewohner, wo sie durch Ventilatoren in die Luft gewirbelt worden waren. In der Folge infizierten sich mehr als 300 Menschen innerhalb eines Gebäudekomplexes - eine Art Super-Superspreading. In anderen Fällen scheinen unzureichende Lüftungssysteme gepaart mit Enge in Kliniken oder Verkehrsmitteln die massenhafte Verbreitung von Mikroben forciert zu haben.

Der dritte und am schwersten zu fassende Faktor in einem explosiven Infektionsgeschehen ist das menschliche Verhalten. Der Ausbruch des Middle East Respiratory Syndromes (Mers) in Südkorea begann mit dem Schweigen eines Reisenden. Der 68-Jährige hatte den mit Sars verwandten Erreger 2015 von der Arabischen Halbinsel eingeschleppt, einen Aufenthalt im Nahen Osten aber zunächst geleugnet.

Immerhin kann ein durch Superspreader verbreitetes Leiden auch schnell wieder abebben

Ohne diese entscheidende Information nahmen Ärzte sein steigendendes Fieber und die Hustenanfälle nicht so recht ernst; der Mann zog auf der Suche nach Hilfe durch drei verschiedene Kliniken. Als er schließlich aufgenommen und diagnostiziert war, hatte er bereits 28 Menschen angesteckt. Er war einer von drei Superspreadern dieses Ausbruchs, in dessen Verlauf fast 200 Menschen erkrankten, Tausende unter Quarantäne gestellt wurden und unzählige in Panik verfielen. Ein anderer Superverbreiter infizierte 82 Menschen in einer überfüllten Notaufnahme.

Wäre die Epidemie in Südkorea anders verlaufen, wenn man die drei rechtzeitig identifiziert hätte? "Das Phänomen der Superspreader ist sehr relevant, um die Ausbreitungsdynamik von Infektionskrankheiten besser zu verstehen", sagt Christian Althaus, Epidemiologe an der Universität Bern. "Infektionskrankheiten mit dieser Charakteristik können sich innerhalb kurzer Zeit explosionsartig ausbreiten." Auf der anderen Seite können derart getriebene Epidemien auch schnell wieder abebben, da die meisten Infizierten keine oder nur wenige weitere Menschen anstecken. Es läge also nahe, den Seuchenschutz an der ungleichen Verteilung der Infektionen auszurichten, sagt Althaus. Auch Benjamin Dalziel und seine Kollegen glauben, dass individuell angepasste Kontrolle unter Umständen hilfreicher ist als Maßnahmen, die auf die gesamte Bevölkerung abzielen.

Dies wirft allerdings ethische Fragen auf, die bislang noch gar nicht diskutiert wurden. Wie verhindert man, dass Superspreader stigmatisiert werden? Was tut man überhaupt mit ihnen? Typhus-Mary wurde drei Jahre lang in Quarantäne gezwungen, nur weil sie unwissentlich eine Krankheit verbreitet hat. Geholfen hat diese Maßnahme auf lange Sicht nicht. Nachdem man sie mit der Auflage in die Freiheit entließ, nicht mehr mit Lebensmitteln zu arbeiten, fand man sie in einer Großküche. Sie versorgte Krankenhauspatienten mit Essen - und steckte dabei 25 Menschen an. Die Behörden der Stadt New York hielten sich mit ethischen Erwägungen nicht lange auf. Den Rest ihres Lebens musste die Köchin in Isolation verbringen.

© SZ vom 24.02.2017
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