Süddeutsche Zeitung

Infektionskrankheiten:Auf der Spur der Superspreader

Immer wieder haben einzelne Menschen außergewöhnlich viele andere mit schweren Erkrankungen angesteckt. Was einen Infizierten zu einem solchen Superverbreiter macht, ist noch immer ein Rätsel.

Der Tag, an dem die Köchin Mary Mallon die Tranchiergabel gegen den Gesundheitsinspektor richtete, ging in mehrfacher Hinsicht in die Medizingeschichte ein. Der Mann war im Frühling 1907 mit einem ungeheuerlichen Vorwurf aufgetaucht. Mallon habe in der Umgebung von New York mindestens 22 Menschen mit Typhus angesteckt. Sie, die ihre 37 Lebensjahre in geschäftiger Gesundheit verbracht hatte, solle die Schuld an den wochenlangen Fieberschüben in den Haushalten ihrer Dienstherren tragen. Die Vorstellung erschien der Köchin so aberwitzig, dass sie den Inspektor aus dem Haus jagte.

Es brauchte fünf Polizisten, um sie festzunehmen, zur Aushändigung von Stuhlproben zu zwingen, damit der Verdacht bestätigt werden konnte. Mallon war stille Trägerin des Bakteriums Salmonella Typhi. Typhus-Mary, wie man sie bald darauf nannte, konnte andere infizieren, ohne selbst Symptome zu spüren. Erst später wurde klar, dass das Schicksal der Köchin noch eine Besonderheit barg: den ersten umfassend dokumentierten Fall eines Superspreaders.

Als Superverbreiter bezeichnen Epidemiologen Menschen, die überdurchschnittlich viele andere infizieren. Der Begriff ist nicht genau definiert, er fußt eher auf der Beobachtung, dass es immer wieder Ausbrüche gab, bei denen einzelne Infizierte die entscheidende Rolle spielten. Zu den Krankheiten, die diese Menschen verbreiteten, gehören die Pocken, Masern, Lassafieber, Lungenpest, Röteln, Tuberkulose, Sars oder Mers.

Auch bei der Ebola-Epidemie in Westafrika "war der Einfluss der Superverbreiter größer als zunächst angenommen", sagt Benjamin Dalziel, Biologe an der Oregon State University. Gemeinsam mit Kollegen hat er vor wenigen Tagen gezeigt, dass auf lediglich drei Prozent aller Infizierten 60 Prozent aller Übertragungen zurückgingen. Während der durchschnittliche Kranke zwei bis drei Menschen ansteckte, übertrugen Superspreader das tödliche Virus auf zehn oder noch mehr Menschen. Als gemeinsames Merkmal konnten die Wissenschaftler lediglich das Alter ausmachen. Die Superverbreiter waren jünger als 15 oder aber älter als 45 Jahre. Menschen dieser Altersgruppen erhalten wahrscheinlich besonders intensive Pflege und geben Mikroben daher eher weiter, vermuten die Forscher.

Im neunten Stockwerk des Hotels waren plötzlich alle krank

Doch was genau die Menschen mit der Seuche im Schlepptau auszeichnet, warum gerade sie eine Spur von Siechtum und Tod hinterlassen, ist auch 100 Jahre nach der Festnahme von Typhus-Mary ein Rätsel. So ist bis heute nicht eindeutig geklärt, wie ein einzelner Mann innerhalb von nur 24 Stunden die weltweite Sars-Epidemie in Gang setzen konnte. Der Arzt aus der südchinesischen Provinz Guangdong wusste nicht, dass er sich mit einem neuartigen Virus angesteckt hatte, als er nach Hongkong reiste und dort in das Zimmer 911 des Metropole Hotels eincheckte. Niemand erinnerte sich später an irgendetwas Ungewöhnliches, und doch infizierten sich auf dem neunten Stockwerk mindestens zwölf Gäste mit dem Keim, der hohes Fieber, Husten und schwere Atemnot auslösen kann. Diese Menschen trugen das Virus in die Hochhäuser Hongkongs ebenso wie in Flugzeuge, mit denen es in drei weitere Länder gelangte, wo es zusätzliche Opfer und neue Reiserouten fand. Die Hälfte der weltweit 8000 Infektionen wird auf jene Momente zurückgeführt, die der chinesische Mediziner in den Gängen des Hotels verbracht hatte.

Als kanadische Epidemiologen das Haus später durchsuchten, fanden sie nur eine Auffälligkeit: große Mengen Viruspartikel vor Zimmer 911. Ihr plausibelstes Szenario lautet, dass der Mann sich dort übergeben und die Spuren selbst beseitigt hat. Zurück blieben wohl Viren, die dann von Passanten eingeatmet wurden.

Der spektakuläre Fall hob das Phänomen der Superverbreitung auf die Agenda von Infektiologen - und er lieferte zumindest einen Hinweis, der in einigen folgenden Fällen bestätigt wurde. Superspreader scheinen ungewöhnlich große Mengen von Keimen mit sich herumzutragen und diese besonders üppig oder lange auszuscheiden.

Was macht man mit den Superspreadern?

Alternativ oder auch zusätzlich befeuern ungünstige Umweltfaktoren die rasante Verteilung der Keime. Dass Sars sich in Hongkong weiter verbreitete, geht höchstwahrscheinlich auch auf ein miserabel funktionierendes Abwassersystem zurück. Sars-Viren eines schwer Erkrankten - auch er mit ungewöhnlich hoher Viruslast - gelangten offenbar über dessen Toilette in die Badezimmer anderer Bewohner, wo sie durch Ventilatoren in die Luft gewirbelt worden waren. In der Folge infizierten sich mehr als 300 Menschen innerhalb eines Gebäudekomplexes - eine Art Super-Superspreading. In anderen Fällen scheinen unzureichende Lüftungssysteme gepaart mit Enge in Kliniken oder Verkehrsmitteln die massenhafte Verbreitung von Mikroben forciert zu haben.

Der dritte und am schwersten zu fassende Faktor in einem explosiven Infektionsgeschehen ist das menschliche Verhalten. Der Ausbruch des Middle East Respiratory Syndromes (Mers) in Südkorea begann mit dem Schweigen eines Reisenden. Der 68-Jährige hatte den mit Sars verwandten Erreger 2015 von der Arabischen Halbinsel eingeschleppt, einen Aufenthalt im Nahen Osten aber zunächst geleugnet.

Immerhin kann ein durch Superspreader verbreitetes Leiden auch schnell wieder abebben

Ohne diese entscheidende Information nahmen Ärzte sein steigendendes Fieber und die Hustenanfälle nicht so recht ernst; der Mann zog auf der Suche nach Hilfe durch drei verschiedene Kliniken. Als er schließlich aufgenommen und diagnostiziert war, hatte er bereits 28 Menschen angesteckt. Er war einer von drei Superspreadern dieses Ausbruchs, in dessen Verlauf fast 200 Menschen erkrankten, Tausende unter Quarantäne gestellt wurden und unzählige in Panik verfielen. Ein anderer Superverbreiter infizierte 82 Menschen in einer überfüllten Notaufnahme.

Wäre die Epidemie in Südkorea anders verlaufen, wenn man die drei rechtzeitig identifiziert hätte? "Das Phänomen der Superspreader ist sehr relevant, um die Ausbreitungsdynamik von Infektionskrankheiten besser zu verstehen", sagt Christian Althaus, Epidemiologe an der Universität Bern. "Infektionskrankheiten mit dieser Charakteristik können sich innerhalb kurzer Zeit explosionsartig ausbreiten." Auf der anderen Seite können derart getriebene Epidemien auch schnell wieder abebben, da die meisten Infizierten keine oder nur wenige weitere Menschen anstecken. Es läge also nahe, den Seuchenschutz an der ungleichen Verteilung der Infektionen auszurichten, sagt Althaus. Auch Benjamin Dalziel und seine Kollegen glauben, dass individuell angepasste Kontrolle unter Umständen hilfreicher ist als Maßnahmen, die auf die gesamte Bevölkerung abzielen.

Dies wirft allerdings ethische Fragen auf, die bislang noch gar nicht diskutiert wurden. Wie verhindert man, dass Superspreader stigmatisiert werden? Was tut man überhaupt mit ihnen? Typhus-Mary wurde drei Jahre lang in Quarantäne gezwungen, nur weil sie unwissentlich eine Krankheit verbreitet hat. Geholfen hat diese Maßnahme auf lange Sicht nicht. Nachdem man sie mit der Auflage in die Freiheit entließ, nicht mehr mit Lebensmitteln zu arbeiten, fand man sie in einer Großküche. Sie versorgte Krankenhauspatienten mit Essen - und steckte dabei 25 Menschen an. Die Behörden der Stadt New York hielten sich mit ethischen Erwägungen nicht lange auf. Den Rest ihres Lebens musste die Köchin in Isolation verbringen.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.3392322
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 24.02.2017
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.