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Gesundheit - Wiesbaden:Hessen verlängert Kontaktregeln: Aber schrittweise Lockerung

Corona
Ein Mitglied der Wachpolizei überprüft am Nachmittag die Einhaltung der Kontaktsperre an der Weseler Werft am Mainufer. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa/Archivbild (Foto: dpa)

Wiesbaden (dpa/lhe) - Hessen verlängert wegen der Corona-Pandemie die umfassenden Kontaktbeschränkungen für zunächst zwei Wochen, lockert aber zugleich an anderen Stellen die strengen Regeln. So sollen zahlreiche Geschäfte wieder öffnen dürfen, die wegen der Ausbreitung des Coronavirus schließen mussten. Nach den Worten von Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) waren die bisherige Maßnahmen insgesamt erfolgreich, das Infektionsgeschehen habe sich deutlich verlangsamt.

"Diese Gefahr der Corona-Epidemie ist nicht gebannt, und sie ist keineswegs bewältigt", mahnte er aber am Mittwoch nach einer Telefonkonferenz mit den Regierungschefs der Länder und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Bei allem Verständnis für Wünsche nach der Rückkehr zu einem normalen Alltag müsse man jetzt aufpassen, nicht zu weit zu gehen.

Es gehe weiter darum, das Gesundheitssystem nicht zu überlasten und bisherige Erfolge nicht zu gefährden, sagte Bouffier. "Es ist besser, in kleinen Schritten voranzugehen, als jetzt große Schritte zu machen ohne zu wissen, wie es eigentlich wirkt." Die nächste große Gesprächsrunde mit Merkel sei für Ende April vorgesehen.

Nach einem zuletzt moderaten Anstieg hat sich die Zahl der registrierten Coronavirus-Infektionen in Hessen wieder deutlicher erhöht: Bis Mittwoch wurde der Covid-19-Erreger nach Angaben des Sozialministeriums bei 6334 Menschen nachgewiesen, 155 mehr als am Vortag. Die Zahl der Todesfälle stieg um 27 auf 174. AUSGANGSBESCHRÄNKUNGEN

Hessen verlängert die strengen Kontaktbeschränkungen wegen der Corona-Pandemie bis zum 3. Mai. Um die Ausbreitung des Virus einzudämmen dürfen Menschen seit 22. März grundsätzlich nur noch alleine oder zu zweit aus dem Haus gehen. Ausnahmen gelten für Familien und häusliche Gemeinschaften. In den ersten Tagen hatte es die Polizei überwiegend bei mahnenden Worten belassen und an die Vernunft der Menschen appelliert. Seit 3. April gilt ein hessenweit einheitlicher Bußgeldkatalog bei Verstößen gegen die Corona-Regeln. Wer mit mehr Menschen als erlaubt draußen unterwegs ist - dem drohen 200 Euro Strafe. Events und größere Feste sollen bis Ende August tabu bleiben.

LADENÖFFNUNGEN Bisher geschlossene Läden mit einer Verkaufsfläche bis 800 Quadratmeter dürfen in Hessen wieder aufmachen, unabhängig von der Ladengröße auch Kfz-Händler, Fahrradhändler und Buchhandlungen. Bouffier geht davon aus, dass dies im Laufe der kommenden Woche soweit sein wird. Gastronomiebetriebe dürfen weiter ausliefern oder Essen zum Abholen bereitstellen, Restaurants oder Cafés müssen aber geschlossen bleiben. Neu ist, dass Eisdielen vom kommenden Montag an ebenfalls ausliefern dürfen, bislang waren sie davon ausgenommen. Friseure sollen laut Bouffier ab dem 3. Mai wieder öffnen dürfen .

Bei 800 Quadratmetern Ladenfläche verläuft nach den Worten des Ministerpräsidenten per Definition die Grenze zwischen Einzel- und Großhandel. Bei den geplanten Lockerungen müssten in den Geschäften strenge Schutzkonzepte mit Abstands- und Hygieneregeln gelten. Weitere Öffnungen im Einzelhandel über die geplanten hinaus stünden unter dem Vorbehalt, wie sich das Pandemiegeschehen entwickele.

SCHULEN Der Unterricht an Hessens Schulen soll schrittweise wieder beginnen. Ein Konzept dafür solle noch erarbeitet werden, sagte Bouffier. Deswegen könnten die Schulen nicht gleich am kommenden Montag öffnen. Für Schüler in Abschlussklassen sei aber ein Unterrichtsbeginn am 27. April denkbar. Grundschulen seien am Ende dieser Kette. "Wir beginnen also mit den Großen, weil wir glauben, dass dort insbesondere auch die Abstandsregeln und die Hygieneregeln wesentlich besser eingehalten werden können als bei den Grundschülerinnen und Grundschülern." Der reguläre Schulbetrieb im Land ist seit dem 16. März ausgesetzt.

KITAS

Kitas werden noch eine ganze Zeit geschlossen bleiben müssen, wie Bouffier ankündigte. Es sei aber geplant, die Notbetreuung noch mal auszubauen. Bislang gibt es dieses Angebot für Kita-Kinder sowie Schülerinnen und Schüler der Klassen 1 bis 6, wenn deren Eltern arbeiten gehen und bestimmten Berufsgruppen angehören. Dazu zählen etwa Polizisten, Altenpfleger oder Richter. Zuletzt war die Notbetreuung für Kinder berufstätiger Eltern aus dem Gesundheitswesen bereits zusätzlich ausgeweitet worden. Für diese Kinder gibt es auch an Wochenenden und Feiertagen ein Angebot.

GOTTESDIENSTE Die Länder wollen mit den Kirchen und Religionsgemeinschaften besprechen, wie religiöse Veranstaltungen in den Gotteshäusern künftig unter Abstands- und Hygienevorschriften wieder möglich werden könnten. "Das heißt, das kirchliche Leben kann auch in der näheren Zukunft nicht wie gewohnt stattfinden, aber es gibt Möglichkeiten, wie es überhaupt wieder stattfinden kann", sagte Bouffier.

ATEMMASKEN

Hessen will seinen Bürgern empfehlen, an belebten Orten einen Mundschutz zu tragen. Dies könne etwa im öffentlichen Nahverkehr oder beim Einkaufen der Fall sein, erläuterte Bouffier. Eine Pflicht wolle man nicht einführen. Experten hatten gewarnt, dass eine Maskenpflicht für alle nicht dazu führen darf, dass im Gesundheitswesen wichtige Schutzausrüstung noch knapper wird. Besonders die medizinischen Atemschutzmasken mit hoher Wirksamkeit sollten weiterhin den Ärzten und Pflegern vorbehalten sein.

Unterdessen werden Stoffmasken für den Privatgebrauch derzeit von zahlreichen helfenden Händen hergestellt - teils an der heimischen Nähmaschine. Für den eigenen Schutz bringt eine selbst gemachte Maske nach der Einschätzung von Virologen kaum etwas. Doch das Risiko, andere Menschen anzustecken, wird leicht verringert.

PFLEGE- und ALTENHEIME

In Hessens Alten- und Pflegeheimen soll das strenge Kontakt- und Besuchsverbot zunächst bestehen bleiben. Bouffier schränkte jedoch ein, dass es sehr schwer vertretbar sei, ältere Menschen über Wochen oder Monate von ihren Kindern oder Ehepartnern fern zu halten. "Das wird man auf Dauer nicht aufrechterhalten können", sagte er und lehnte auch eine Ausgangssperre für Ältere ab. Das sei nicht mit der Menschenwürde in Einklang zu bringen. Daher sei es wichtig, besondere Schutzkonzepte für diese Einrichtungen zu entwickeln, um maximalen Schutz zu erreichen und zugleich sozialen Kontakt zu ermöglichen.

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