Gesundheit Mehr Gewalt nach Naturkatastrophen

Auf Dauer könnte nicht nur das seelische Wohlbefinden leiden, sondern auch das Miteinander rauer werden - und das wiederum zusätzlichen Ballast für die Seele erzeugen. Das von der US-Regierung initiierte US Global Change Research Program berichtet von mehr Gewalt in Kommunen, die von einer Naturkatastrophe heimgesucht wurden.

Vor allem die Fälle häuslicher Übergriffe gegen Frauen und Kinder stiegen dann an. Warum das so ist, dafür gibt es viele Theorien. Sie reichen von Überforderung bis zum Versuch der Täter, wieder ein Gefühl von Kontrolle über etwas oder über andere zu erlangen.

Doch nicht nur zerstörerisch einschlagende Desaster fördern Aggressionen. Schon Hitzewellen können streitsüchtiger machen. Steigen die Temperaturen in unerträgliche Höhen, erhitzt das wortwörtlich die Gemüter. Das zeigen Experimente aus mehreren Jahrzehnten. Hitze blockiert logisches Denken, lässt Menschen ungehalten werden, und teilweise gewalttätig.

Der Politikwissenschaftler Matthew Ranson rechnet daher schon jetzt in den USA mit 340 zusätzlichen Morden und 18 000 Fällen schwerer Körperverletzung mehr pro Jahr, die durch vermehrte Hitzewellen ausgelöst werden. Seine Hochrechnung basiert auf Kriminalitäts- und Klimadaten der Jahre 1960 bis 2009 aus den gut 3000 Landkreisen der USA.

Betrifft es nur andere Länder? Nein, der Wetterdienst misst längst mehr Fluten in Deutschland

Auch Klimaflüchtlinge und knappe Ressourcen wie Wasser könnten künftig zu Reibungen führen, vielleicht sogar zu Kriegen. Der Bürgerkrieg in Syrien zählt womöglich schon dazu. "Die Dürre in Syrien zwischen 2007 und 2010 basierte auf menschlicher Zerstörung von natürlichen Systemen, die zu Ernteausfällen und großen Konflikten, Hunger und Verzweiflung führten", erklärt die American Psychological Association (APA) 2017 in ihrem Bericht "Mental Health and Our Changing Climate". Auch wenn die Unruhen nicht auf eine einzige Ursache zurückzuführen seien, so legten Untersuchungen nahe, dass die Dürre ein wichtiger Faktor für den Ausbruch des Krieges gewesen sei.

Auch in gemäßigten Breitengraden führt der Klimawandel zu feindseligem Denken, wie eine Studienreihe von Psychologen aus Jena, Berlin und Belfast 2012 nahelegte. Wenn Menschen an die möglichen Konsequenzen des Klimawandels erinnert werden, so der Befund, dann werten sie andere Bevölkerungsgruppen ab und neigten verstärkt autoritären Haltungen zu. Sie denken eher in den Kategorien "Wir" und "Die". Schubladendenken, das Konflikte begünstigt.

Nimmt man sich die Aussichten auf die Zukunft zu Herzen, kann einem durchaus bange werden. Tatsächlich kursiert unter Psychologen bereits der Begriff der Öko-Angst. Die Angst vor all dem, was durch den Klimawandel passieren könnte. Angst vor möglichen Katastrophen, Sorge um die eigenen Kinder und Kindeskinder, die existenzielle Frage, ob der Klimawandel gar das Ende der Menschheit einläutet.

Der US-amerikanische Psychotherapeut Thomas Doherty listet in dem APA-Bericht entsprechende Erlebnisse seiner Klienten auf. Ein schockierender Segeltörn durch die Meere voll mit Plastikmüll; ein Umweltingenieur, den es tief belastet, dass er seinen CO₂-Ausstoß nicht ausreichend reduzieren kann; ein Ranger im Nationalpark, der versucht, guter Dinge zu bleiben, während er tagein, tagaus seinen Gästen vom Schwinden der Sehenswürdigkeiten berichtet. Regelmäßig berät er Menschen, die von solchen Erkenntnissen und Erlebnissen tief erschüttert sind.

Nur drei Prozent der befragten Deutschen sehen den Klimawandel als Herausforderung

In Europa ist diese Furcht nicht verbreitet. Hier sind die Menschen bislang eher entspannt, gar sorglos. In einer Umfrage unter Bürgern aus Frankreich, Norwegen, Großbritannien und Deutschland strotzen die Deutschen vor Gelassenheit.

Nur drei Prozent der 1000 Teilnehmer aus den hiesigen Regionen sehen den Klimawandel als eine der wichtigsten Herausforderungen in den kommenden 20 Jahren. Unter den Norwegern sind es immerhin dreimal, in Frankreich doppelt so viele. Etwa jeder dritte Deutsche macht sich zwar Sorgen um das Klima, aber die Mehrheit der Befragten vermutet, dass die Veränderungen eher andere Länder betreffen.

Haben sie damit recht? Der Deutsche Wetterdienst warnte Anfang März 2018 in einer Meldung, dass es in Deutschland seit Beginn der Wetteraufzeichnungen am Ende des 19. Jahrhunderts im Schnitt 1,4 Grad wärmer geworden sei und Extremwetterereignisse wie Stürme, Fluten und Hitze messbar häufiger auftreten.

Die Psychologin Maxie Bunz und ihr Kollege, der Humanökologe Hans-Guido Mücke, vom Umweltbundesamt mahnen, die Lage nicht zu unterschätzen. In einem Bericht im Bundesgesundheitsblatt betonten sie 2017, der Klimawandel zeige "aus psychologischer Perspektive gewisse Gemeinsamkeiten mit anderen Risikodomänen wie atomaren Bedrohungen, Terrorismus und nichtklimawandelbedingten Naturkatastrophen".

Wie steht es aber nun um die seelische Verfassung der Deutschen? Die meisten Studien zu den psychischen Auswirkungen des Klimawandels kommen bisher aus weit entfernten Regionen wie den USA, Afrika oder Australien, wo die Folgen der globalen Erwärmung bereits deutlicher zu sehen und zu spüren sind.

Klimawandel Es bleibt womöglich weniger Zeit, um den Klimawandel zu bremsen

Klima

Es bleibt womöglich weniger Zeit, um den Klimawandel zu bremsen

Forscher zeigen, dass die Temperaturen in der Atmosphäre schon viel früher anstiegen als gedacht. Eine beunruhigende Nachricht für den Kampf gegen die Erderwärmung.   Von Marlene Weiß

"Für Deutschland gibt es derzeit keine Studien, die eine Abschätzung der psychischen Folgen des Klimawandels ermöglichen. Jedoch sind die internationalen Forschungsbefunde sehr ernst zu nehmen", sagt Psychologin Bunz. Denn diese sprächen alle eine deutliche Sprache.