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Probleme bei der Hirntod-Feststellung:Wer ist qualifiziert, den Hirntod festzustellen?

Einfacher wäre eine Blutuntersuchung. Sie könnte feststellen, dass der Patient keine Medikamente bekommen hat, die die Diagnose unsicher machen. So werde in der Hektik im Rettungswagen mitunter vergessen, die Gabe solcher Mittel zu notieren, fürchtet Gundolf Gubernatis, ehemaliger geschäftsführender Arzt der DSO: "Und wenn ein Mensch, der Medikamente nimmt, einen Unfall erleidet, stehen die Arzneien sowieso in keiner Akte."

Stefanie Förderreuther hält dagegen die Blutanalyse nur bei Verdacht auf eine Vergiftung für notwendig. "Der Hirntod stellt sich extrem selten an dem Tag ein, an dem ein Patient ins Krankenhaus eingeliefert wird", sagt sie. Gemeinhin vergingen drei bis vier Tage. "Bis dahin ist die Wirkung der Arzneien abgeklungen", so die Ärztin.

Im Krankenhaus verabreichte Schlaf- oder Schmerzmittel müssen rechtzeitig vor der Hirntodfeststellung abgesetzt werden, damit sie das Ergebnis nicht beeinflussen. Aber welche Medikamente in welchem Maße stören, ist wie viele andere Aspekte der Hirntoddiagnostik kaum erforscht, bestätigt auch die DSO. So ist bekannt, dass ein hoher Natriumwert im Blut das Gehirn in einen Dämmerzustand versetzt, so dass der Hirntod nicht mehr zuverlässig festgestellt werden kann. Aber wie viel Natrium ist zu viel?

Wer den Hirntod feststellen darf, muss nie zuvor einen Hirntoten gesehen haben

Ebenso unklar ist, wie kühl der Körper des Patienten sein darf, wie viel Kohlendioxid beim Atemtest zugefügt werden muss und wie viel Zeit zwischen den beiden Hirntoduntersuchungen mindestens vergehen muss und höchstens vergehen darf, um sicher zu gehen, dass nicht einfach die äußeren Umstände das Gehirn vom Arbeiten abhalten. Für viele Regeln bei der Hirntoddiagnostik gebe es "keine gesicherte Evidenz", sagte Sabine Müller im Herbst während der Jahrestagung der DSO.

Ebenso wenig sei festgeschrieben, was genau Ärzte, die den Hirntod feststellen, wissen müssen, beklagt Christoph Goetz: Ärzte bräuchten für alles Mögliche einen Fortbildungsnachweis. "Es ist nicht zu begreifen, dass ausgerechnet auf diesem sensiblen Gebiet die Ansprüche so niedrig sind." Wer den Hirntod feststellen darf, muss nie zuvor einen Hirntoten gesehen haben. In diesem Punkt hat die DSO inzwischen eingelenkt: Es sei auch in ihrem Interesse, "die Anforderungen an die Qualifikation der Ärzte für eine Hirntoddiagnostik zu verschärfen", teilte sie mit, schob aber den schwarzen Peter der Ärztekammer zu: Das sei deren Aufgabe.

Bei der Bundesärztekammer gibt man sich verschlossen. Die Richtlinien würden derzeit durch den Wissenschaftlichen Beirat überarbeitet, hieß es, ohne Veränderungen in Aussicht zu stellen. Die aktuelle Version stammt aus dem Jahr 1997.

"Aus neurowissenschaftlicher Sicht" sei das "uralt", meint Sabine Müller. Dennoch müsse nichts Grundsätzliches geändert werden, glaubt Stefanie Förderreuther, die dem Beirat angehört: "Die Richtlinien sind wasserdicht. Ich könnte nicht mehr ruhig schlafen, wenn ich nicht daran glauben würde."

© SZ vom 04.03.2014/rus

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