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Deutscher Ärztetag:Ärzte fordern mehr Engagement gegen Cyberangriffe auf Patientendaten

Campus Benjamin Franklin stellt neue Operationssäle vor

Digitalisierung hält nicht nur in OP-Sälen wie hier in Berlin Einzug. Auch Handy-Apps und Sensoren erfassen Daten.

(Foto: Jörg Carstensen/dpa)
  • Technik-Unternehmen haben schon lange den Körper ihrer Kunden als neues Geschäftsfeld entdeckt.
  • Nach globalen Attacken auf IT-Systeme - wie zuletzt durch den Verschlüsselungs-Trojaner WannaCry - wurde auf dem Deutschen Ärztetag in Freiburg über ein "digitales Medizinproduktegesetz" diskutiert.
  • Der Ärztetag fordert eine Aufstockung der Krankenhaus-Investitionsmittel durch die Bundesländer und ein Sonderprogramm von zehn Milliarden Euro über die kommenden sechs Jahre.

Das Pflaster auf dem Babybauch hat Internetzugang. Ein Sensor misst die Temperatur des Säuglings, friedlich schlafend liegt er auf einem Kissen und schickt seine Werte direkt auf das Smartphone der Eltern. 24 Stunden am Tag. Bei Fieber bekommt Mama eine Push-Nachricht, heißt es auf der Website von Temp Traq. Das smarte Thermometer gibt es im Appstore.

Die Apple Watch misst längst den Puls, und seit Kurzem verkauft der Technikkonzern in seinem Onlineshop ein neues "iPhone Accessory": das Blutzucker-Messgerät One Drop. Es sieht aus wie das silberne Etui eines Füllfederhalters und steckt in einer schwarzen Ledertasche. Die selbstgemessenen Glukose-Werte können iPhone-Besitzer mit ihrer Ernährung und ihren Medikamenten abgleichen. Oder vielmehr: Apple gleicht diese Daten für sie ab.

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Längst hat die Technik-Branche den Körper ihrer Kunden als neues Geschäftsfeld entdeckt. Immer öfter wenden sich die Entwickler kranken Menschen zu. Auf dem Deutschen Ärztetag in Freiburg, der an diesem Freitag zu Ende geht, haben Mediziner über die Folgen dieser Entwicklung beraten und von der Bundesregierung Regeln für die Digitalisierung der Medizin gefordert. In ihren Beschlüssen zu neuen Sensoren und Analyse-Tools für Smartphones plädieren die Ärzte etwa für die Einführung einer Bewertungsagentur und eines Gütesiegels von Gesundheits-Apps und für eine "erhöhte Sicherheit im Umgang mit diesen sensiblen Daten".

"Cyberangriffe auf Kliniken und Praxen gefährden die Patientensicherheit"

Damit Geräte und Computer, die sie in ihren Praxen und Kliniken verwenden, besonders sicher werden, hoffen die Mediziner auch auf finanzielle Unterstützung vom Staat. Krankenhäuser, heißt es etwa in ihren Papieren, verfügten "über deutlich geringere IT-Budgets als andere Wirtschaftszweige".

Der Ärztetag fordert deshalb eine Aufstockung der Krankenhaus-Investitionsmittel durch die Bundesländer und ein Sonderprogramm von zehn Milliarden Euro über die nächsten sechs Jahre. Denn: "Cyberangriffe auf Kliniken und Praxen gefährden die Patientensicherheit."

Nach globalen Attacken auf IT-Systeme - wie zuletzt durch den Verschlüsselungs-Trojaner WannaCry auf britische Kliniken - wünschen sich die 250 Ärztetag-Delegierten nun ein "digitales Medizinproduktegesetz". Technische Hilfsmittel wie Insulinpumpen seien bereits gehackt worden. Um Medizintechnik abzusichern, müsse bei der Zulassung solcher Geräte der "höchstmögliche Datenschutz" gelten.

In einem weiteren Beschluss einigten sich die Ärzte darauf, "dass vom Gesetzgeber geforderte Digitalisierungsmaßnahmen im Gesundheitswesen nur dann eingeführt werden, wenn deren Praktikabilität und Nutzen erwiesen ist" - obwohl der Delegierte Thomas Lipp aus der Sächsischen Ärztekammer vor der Abstimmung noch seine Kollegen im Ärzteparlament scharf angegangen war. "Wir sitzen hier und machen eine mittelalterliche Standespolitik", sagte er am Rednerpult: "Und draußen sitzt die Jugend und lacht uns aus."

"Vehemente Ablehner der Digitalisierungsstrategie an der Spitze der Bewegung"

Der Präsident der Bundesärztekammer, Ulrich Montgomery, wollte so einen Eindruck vermeiden. Er sagte auf der anschließenden Pressekonferenz, er nehme einen "erheblichen Stimmungsumschwung, einen Meinungswandel" der Ärzte gegenüber der Digitalisierung wahr.

Während die Kollegen bis vor Kurzem noch sehr skeptisch gewesen seien, stünden "vehemente Ablehner der Digitalisierungsstrategie nun an der Spitze der Bewegung". Landärzte besprächen mittlerweile Handyfotos mit ihren Patienten oder diskutierten über deren Selbstdiagnosen aus dem Internet. Die Ärzteschaft wolle die digitale Entwicklung jetzt aktiv mitgestalten, so Montgomery.

Zum Beispiel auch, in dem man sich auf das Konzept der Videosprechstunden einließe. In Baden-Württemberg erprobe die Landesärztekammer zurzeit bereits Fern-Sprechstunden, ohne dass der Arzt den Patienten vorher schon einmal gesehen haben müsse. Der Delegierte Ulrich Clever berichtete dem Parlament von seiner Befunderhebung am Telefon. Die Bundesärztekammer solle nun prüfen, ob die Berufsordnung für Ärzte um einen Zusatz ergänzt werden könne - nachdem die Ärztekammern solche Methoden erproben dürften. Allerdings dürfe man am Ende nicht dubiosen Privat-Heilern in Callcentern ferner Länder ein Geschäft ermöglichen.

Allein bei der Digitalisierung des Freiburger Ärztetags selbst hakte es. Gleich am ersten Tag der Veranstaltung stotterte das Wlan. Die Anträge, die in diesem Jahr papierlos und elegant über ein Online-Portal abgerufen werden sollten, kamen nicht rechtzeitig vor den Abstimmungen bei den Ärzten an. Montgomery musste mehrere Punkte verschieben, Delegierte im Saal protestierten. "Wir kämpfen mit der Technik", sagte der Präsident. Zu allem Übel habe ihn auch ein Servicemitarbeiter im Stich gelassen. Nun benötige man wieder die Papier-Anträge: "Wir überlegen, ob wir auf Altbewährtes zurückgreifen", sagte Montgomery.

© SZ vom 26.05.2017/fehu/stein
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