Medizin:Ärzte warnen vor Totalüberwachung im Kinderbett

Hebamme mit Säugling

In Deutschland kommen auf 10 000 Geburten 214 Kinder, die vor der Geburt Schäden durch Alkohol erlitten haben.

(Foto: Arno Burgi/dpa)

Herzschlag, Puls und Sauerstoffsättigung: Neue Geräte sollen die volle Kontrolle des Säuglings ermöglichen. Es ist ein Geschäft mit den Ängsten der Eltern.

Von Felix Hütten

Unternehmen haben das Geschäft mit der Angst entdeckt. Es geht um die Gesundheit des eigenen Kindes, um die Furcht vor dessen plötzlichem Tod. Es ist ein Geschäft im Zeitalter der Digitalisierung: Egal welches Problem, es gibt eine technische Lösung. Die Antworten auf die Ängste der Eltern heißen Monbaby, Baby Vida oder Owlet Smart Sock.

Kleine Geräte, nicht größer als ein Zwei-Euro-Stück, die an den Strampler geklippt oder Babys als Söckchen über den Fuß gezogen werden. Die Geräte aus den USA messen mithilfe von Licht- und Bewegungssensoren die Sauerstoffsättigung im Blut des Säuglings, Herzschlag, Atmung, jedes Umdrehen. Kabellos per Bluetooth werden die Daten auf das Smartphone der Eltern gespielt. Atmet das Kind länger als 15 Sekunden nicht, schlägt das Gerät Alarm. Auch bei Bauchlage: Alarm. Sinkende Sättigung, niedriger Herzschlag: Alarm.

Alarm für besorgte Eltern, die fürchten, ihr Neugeborenes könnte nicht genug Luft bekommen, aus dem Bett kullern, oder, die absolute Horrorvorstellung, am plötzlichen Kindstod sterben. Der plötzliche Kindstod ist ein Mysterium, denn bisher ist unklar, aus welchem Grund gesunde Kleinkinder unerwartet sterben, meist im Schlaf, einfach so. Mediziner vermuten als einen Risikofaktor die Bauchlage im Bett, weshalb manche Eltern mittels Bewegungssensor die korrekte Schlafposition ihres Kindes überwachen möchten.

"Nicht so schlimm" reicht vielen nicht

Doch auch alltägliche Sorgen treiben Eltern um. Ein Blick in Internet-Foren zeigt das: Da ist die Angst vor zu geringer Sauerstoffsättigung im Blut. Eine Mutter schreibt, ihr Kind sei wegen einer Erkältung im Krankenhaus. Die Sättigungsmessung falle gelegentlich unter 93 Prozent, was nun? Andere Eltern antworten, ist nicht schlimm, ist normal, beruhige dich. "Nicht so schlimm" aber reicht vielen nicht, sie wollen Sicherheit, denn ohne Sicherheit, schreiben die Käufer in Bewertungsforen der Messgerätehersteller, haben sie keine Ruhe.

Deshalb sei die Überwachungstechnik eine große Erleichterung, Kontrolle rund um die Uhr. "Unbezahlbar", schreibt zum Beispiel Vater Kenneth. Kinderärzte sehen die digitale Aufrüstung mit Sorge: "Die Geräte werden Eltern gesunder Kinder angedreht, sie versprechen Ruhe, aber es gibt keine Belege, dass sie Leben retten", sagt Christopher Bonafide vom Children's Hospital Philadelphia. "Dabei können sie unnötige Angst, Unsicherheit und Selbstzweifel bei Eltern auslösen." Im Fachblatt Jama kritisieren Bonafide und seine Kollegen, dass es keine Daten gebe, die zeigen, dass die Geräte Unfälle oder plötzlichen Kindstod verhindern.

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