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Demenz:Wird es jemals wirksame Mittel geben?

Noch sind das ungewohnte Worte in der Alzheimerforschung, in der es bislang vor allem um Botenstoffe, Proteine, Rezeptoren und sterbende Neuronen ging - stets in der Hoffnung, das Übel eines Tages aus der Welt schaffen zu können. Doch rechnen viele Experten nicht mehr damit, dass es jemals wirksame Medikamente geben wird. Und die bisher verfügbaren Therapien helfen Patienten kaum.

Die Arzneien versuchen vor allem, den fortschreitenden Verlust der Nervenzellen zu stoppen, der Patienten vergesslich und orientierungslos werden lässt. Medikamente wie Donepezil oder Galantamin zögern zwar bei manchen Betroffenen das Absterben der Neuronen etwas hinaus. Doch keine Arznei kann verhindern, dass die Krankheit immer weitere Teile des Gehirns zerstört. Die Patienten haben weder eine bessere Lebensqualität noch eine längere Lebensdauer.

Dies soll sich dank neuer, noch nicht auf den Markt gebrachter Medikamente ändern, so die Hoffnungen der Hersteller. Die neuen Mittel sollen zum Beispiel verhindern, dass sich das Protein Amyloid beta im Gehirn ansammelt oder sich das Tau-Protein chemisch in unerwünschter Weise verändert. Beides spielt der gängigen Hypothese zufolge eine Rolle beim Absterben der Nervenzellen - genau weiß es niemand.

Ein zweiter Typ von Arzneien soll direkt das Wachstum von Nervenzellen fördern. Doch ob davon endlich auch Patienten profitieren werden? Die Erfahrungen der vergangenen 25 Jahre lassen daran zweifeln.

Die Industrie versucht uns einzureden, dass wir das Problem lösen könnten, wenn wir erst die passenden Medikamente haben", sagt der Psychiater Alexander Kurz von der TU München. "Aber damit ist gar nichts gelöst. Nur Pillen helfen nicht." Bleiben werden grundsätzliche Fragen: Warum definiert man das Altern des Gehirns als Krankheit - weil nur Jungsein der Normalität entspricht?

Diese Sichtweise habe, so der Psychiater Whitehouse , zu der Trennung von normal funktionierenden Menschen und Dementen geführt - und zu "einer Gesellschaft, die Menschen mit Gedächtnisproblemen geringschätzig oder gar verachtend begegnet".

Ebenso wenig werden neue Pillen bei der Antwort helfen, wie sich eine würdevolle Pflege und Betreuung umsetzen und bezahlen lassen, ob Menschen mit den ersten leichten kognitiven Einschränkungen bereits als dement (wörtlich heißt das "ohne Verstand") gelten und damit "Opfer der Versorgung" werden, wie es laut dem Psychiater Kurz heutigen Patienten widerfährt.

Ein Verdacht drängt sich angesichts der ungelösten Probleme auf: Hat sich die Alzheimerforschung vielleicht deshalb jahrzehntelang auf Moleküle und Zellkulturen konzentriert, weil diese trotz aller technischen Schwierigkeiten leichter zu handhaben sind als die Sorgen und Ängste einer alternden Gesellschaft? Schließlich muss, wer diese ernst nimmt, Fragen stellen, die auch viele Forscher gerne umgehen. Zum Beispiel, ob neue Alzheimer-Medikamente auch für Betroffene sinnvoll sind, die bereits unter schwerer Demenz leiden.

"Ist es angebracht, die Zeit zu verlängern, die diese Patienten mit einer erheblichen Behinderung und in Abhängigkeit anderer Menschen verbringen?", fragt Kurz. "Man kann sagen, das ist eine individuelle Entscheidung. Es ist aber wegen der hohen Kosten auch eine gesellschaftliche."

In den zahlreichen Veröffentlichungen über Alzheimer klingt dieser Aspekt jedoch kaum an. Stattdessen jubeln Forscher beinahe wöchentlich über neue Tests, die in der Lage sein sollen, Alzheimer schon Jahre vor den ersten Symptomen zu diagnostizieren: mittels Hirnaufnahmen oder Analysen bestimmter Substanzen im Blut und in der Rückenmarksflüssigkeit.