Crispr und HIV Grotesk verzerrte Botschaft

Im Kampf gegen HIV engagieren sich Menschen überall auf der Welt für ihr gemeinsames Ziel.

(Foto: REUTERS)

Dass der chinesische Forscher He ausgerechnet HIV als Ziel seiner Genmanipulation gewählt haben will, verkennt alles, wofür der Kampf gegen Aids seit Jahrzehnten steht.

Kommentar von Berit Uhlmann

Wenn der chinesische Wissenschaftler He Jiankui tatsächlich die weltweit ersten genmanipulierten Babys erschaffen hat, dann hat er damit nicht nur in unvergleichlicher Unbekümmertheit ethische Tabus gebrochen. Er hat nebenbei auch die Furcht vor der Immunschwächekrankheit Aids für sein Spektakel missbraucht. Von allen Möglichkeiten entschied er sich ausgerechnet dafür, die neue Genschere Crispr-Cas am Angriffspunkt der HI-Viren anzusetzen - und seine Versuchspersonen somit immun gegen Aids zu machen. Ob es ihm nun klar war oder nicht: Damit zeichnet er ein grotesk verzerrtes Bild der Krankheit. Ein Leiden, das einen derart unwägbaren und riskanten Einschnitt in das Erbgut rechtfertigt, wirkt ja wie eine Geißel, an der jede Hoffnung scheitert.

Aids ist noch immer ein Problem. Aber kein Grund, Ängste zu schüren

He rechtfertigte die Wahl seiner Anwendung auch mit dem Stigma, mit dem Aids-Kranke leben müssen. Es ist richtig, dass HIV-Infizierte vielerorts noch immer ausgegrenzt werden. Doch es sind ja gerade die unrealistischen Ängste, die zu diesem Problem führen und die der Wissenschaftler, ob bewusst oder unbewusst, noch schürt.

Sein Experiment negiert völlig, welche Erfolge im Kampf gegen die Immunschwächekrankheit erreicht wurden. Mehr als 20 Millionen Menschen erhalten mittlerweile Medikamente, mit denen sich die Krankheit in Schach halten lässt. Heute sterben nur noch halb so viele Menschen an der Infektion wie vor 15 Jahren. Auch die Zahl der Neuansteckungen hat sich drastisch reduziert, dank einer ganzen Reihe Präventionsmaßnahmen, darunter Kondome, HIV-Tests für Schwangere und die vorbeugende Einnahme von Medikamenten.

Dass die prophylaktischen und therapeutischen Mittel in nahezu jede Ecke der Welt gebracht wurden, ist dem Zusammenhalt der Weltgemeinschaft zu verdanken. In einem unglaublichen Kraftakt hat sie es dabei zugleich geschafft, über Grenzen hinweg Unterstützung auch für jene benachteiligten Gruppen zu erreichen, die von Aids besonders betroffen sind: für Prostituierte, Drogenabhängige, Gefängnisinsassen.

Aids ist unbestreitbar noch immer ein gewaltiges Problem. Das Ziel, HIV bis 2020 unter Kontrolle zu bringen und zehn Jahre später fast ganz zu besiegen, erscheint derzeit nicht erreichbar. Um die Krankheit drastischer einzudämmen, braucht es möglicherweise weitere wissenschaftliche Fortschritte. Womöglich sind eines Tages sogar Methoden der Gentechnik eine Option. Doch wenn diese tatsächlich eingeführt werden sollten, dann muss dies in einer Weise geschehen, die den Kampf gegen Aids von seiner besten Seite widerspiegelt: als global abgestimmtes, von Solidarität und Respekt geprägtes Vorgehen.

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