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Coronavirus:Virusmutante B.1.1.7 ist deutlich ansteckender

Coronavirus: Untersuchung der britischen Corona-Mutante im Labor

Die zunächst in Großbritannien entdeckte Corona-Variante B.1.1.7 breitet sich auch in Deutschland weiter aus.

(Foto: Andreas Arnold/dpa)

Mathematiker aus London zeigen in einer Analyse, wie die Coronavirus-Variante über Großbritannien rollt. Das hat auch Konsequenzen für Deutschland.

Von Felix Hütten

Deutschland lockert, wenigstens ein bisschen - und Sars-CoV-2 rüstet auf. So ungefähr lassen sich die neuesten Entwicklungen in einem Satz zusammenfassen. Mitten hinein in die Debatte um den Sinn und Unsinn möglicher Lockerungen haben nun Epidemiologen um den Modellierer Nicholas Davies von der London School of Hygiene and Tropical Medicine eine umfassende Analyse zur Ausbreitung der Virusmutante B.1.1.7 veröffentlicht. Diese Variante von Sars-CoV-2 war im November in der englischen Grafschaft Kent aufgetaucht und ist seitdem in über 80 Ländern nachgewiesen worden. Die Mutante trägt 23 Mutationen im Erbgut, von denen ihr manche, das zeigt die aktuelle Studie im Fachmagazin Science, einen deutlichen Vorteil verschaffen. Mittlerweile hat B.1.1.7 in Großbritannien fast vollständig den einstigen Wildtyp verdrängt, auch in Deutschland breitet sich die Mutante weiter aus.

Die Modellierer griffen für ihre Untersuchung auf einen Datensatz von etwa 150 000 Genomsequenzen aus dem ganzen Land zurück und konnten feststellen, dass die Wachstumsrate der im Datensatz entdeckten B.1.1.7-Varianten in den ersten 31 Tagen nach Auftreten deutlich höher war als jene anderer Virustypen. Die Forscherinnen und Forscher untersuchten in verschiedenen Szenarien die Reproduktionszahl R, die je nach Berechnung zwischen 43 und 90 Prozent im Vergleich zum Wildtyp erhöht war.

Für England ermittelten sie eine um 77 Prozent erhöhte Reproduktionszahl unter Annahme einer Generationszeit von 5,5 Tagen. Die Generationszeit beschreibt die Zeitspanne zwischen der Infektion einer Person und der Weitergabe des Virus. Eine erhöhte Reproduktionszahl wiederum bedeutet, dass eine mit der Virusmutante B.1.1.7 infizierte Person im Durchschnitt - wie schon lange angenommen - deutlich mehr Menschen ansteckt. "Ohne strenge Kontrollmaßnahmen, einschließlich einer begrenzten Schließung von Bildungseinrichtungen und einer stark beschleunigten Einführung des Impfstoffs, werden Covid-19-Krankenhausaufenthalte und Todesfälle in ganz England im Jahr 2021 diejenigen im Jahr 2020 übersteigen", schreiben die Autoren. Für Deutschland bedeutet dies: Mit weiterer Ausbreitung von B.1.1.7 könnte die Zahl der Neuinfektionen und damit der Todesfälle selbst bei gleichbleibenden Einschränkungen ansteigen - und noch stärker nach möglichen Lockerungen.

Die Autoren der Studie schränken selbst ein, dass ihre Prognosen auf epidemiologischen Analysen basieren, nicht aber auf experimentellen Labordaten. Für ihre Studie, schreiben sie, konnten sie außerdem nur eine "kleine Anzahl von Interventions- und Impfszenarien betrachten". Dennoch aber müsse man "dringend überlegen, welche neuen Ansätze erforderlich sein könnten, um die anhaltende Übertragung von Sars-CoV-2 ausreichend zu reduzieren".

Was genau die Mutante so ansteckend macht, wissen die Virologen noch nicht

Bislang aber ist es nicht gelungen, die molekularen Details der gesteigerten Infektiosität von B.1.1.7 im Detail zu verstehen. Diverse Arbeitsgruppen weltweit untersuchen derzeit im Labor unter anderem die Replikationsmechanismen der Virusmutante. Virologinnen und Virologen gehen der Frage nach, in welcher Geschwindigkeit und Intensität sich B.1.1.7 auf der Schleimhaut eines Menschen vermehrt.

Erste Befunde deuten darauf hin, dass Patienten, die sich mit der Mutante infiziert haben, stärker und länger infektiös sein könnten als Menschen, die sich mit dem Wildtyp angesteckt haben. Diskutiert wird auch, ob das Virus aufgrund von Veränderungen in einem Oberflächenprotein, mit dem es an menschliche Zellen andockt, Vorteile erlangt hat. Bildlich gesprochen, könnte es sich dadurch dann besser festkrallen. Noch aber fehlen hier belastbare Befunde. Charité-Virologe Christian Drosten formulierte es im NDR-Podcast "Coronavirus Update" so: "Das ist ja das, was uns die ganze Zeit so fuchsig macht, dass wir einfach im Labor das nicht bestätigen können, was die Epidemiologie klar und klarer zeigt. Nämlich dass dieses Virus nun mal einen Verbreitungsvorteil hat."

© SZ/hach/tiba
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