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Pro und Contra: Impfpflicht:Bei der Aufklärung über das Impfen kann es nicht bleiben

Sitzung des bayerischen Kabinetts

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) wirbt für eine Impfpflicht gegen das Coronavirus.

(Foto: dpa)

Söder hat recht: Die Impfung ist Bürgerpflicht. Der Staat sollte für bestimmte Berufsgruppen ähnliche Regelungen erlassen wie für die Bekämpfung der Masern. Das ist er den Bewohnern der Alten- und Pflegeheime schuldig.

Kommentar von Sebastian Beck

Es klingt widersinnig: Seit einem Jahr wird in den Labors der Welt nach Impfstoffen gegen das Coronavirus geforscht, dann kommen sie endlich auf den Markt - aber laut einer Umfrage will ungefähr die Hälfte der Pflegekräfte sich nicht impfen lassen. Das ist schon deshalb unverantwortlich, weil die Impfverweigerer damit nicht nur ihre eigene Gesundheit riskieren, sondern auch das Leben derjenigen Menschen, die ihnen anvertraut sind. Zwar ist noch nicht endgültig geklärt, ob auch Geimpfte das Virus weiterverbreiten. Eine geimpfte Pflegekraft fällt aber nicht wochenlang krankheitsbedingt aus, sie kann sich um Patienten kümmern. Und das ist der entscheidende Punkt, gerade in diesen Monaten, in denen das Gesundheitssystem an der Grenze der Belastbarkeit arbeitet.

Zur Erinnerung: Im März 2020 ist das Masernschutzgesetz in Kraft getreten. Seitdem müssen Eltern nachweisen, dass ihre Kinder geimpft sind, wenn sie in den Kindergarten oder die Schule kommen. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, zumal aus Sicht jener Generation, die in den Siebzigerjahren noch die Polio-Schluckimpfungen an den Schulen erhielt, mit denen die fürchterliche Kinderlähmung besiegt wurde. Der Masern-Entscheidung ging eine jahrelange Diskussion voraus, in der Impfgegner neben ihren Freiheits- und Persönlichkeitsrechten allerlei abstrusen Unsinn über angebliche Nebenwirkungen von Schutzimpfungen ins Feld führten. Nicht nur unter AfD-Anhängern, sondern auch in bildungsbürgerlichen Schichten, die Grünen und Linken nahestehen, hat sich die Ablehnung des Impfens breitgemacht: Wer sich impfen lässt, der unterwirft sich nach diesem Verständnis dem Diktat der stets skrupellosen Pharmaindustrie und des Staats, die ganz sicher unter einer Decke stecken.

Bei der Aufklärung über das Impfen kann es nicht bleiben

Auch unter Beschäftigten im Gesundheitswesen ist dieses Gedankengut weitverbreitet. Laut einer Erhebung des Robert-Koch-Instituts ließen sich in der Grippe-Saison 2016/2017 gerade einmal 40 Prozent der befragten Mitarbeiter von Krankenhäusern gegen das Influenzavirus impfen; unter den Ärzten waren es 61 Prozent, unter dem Pflegepersonal 33 Prozent. Jene Impfverweigerer gaben an, sie hätten Angst vor Nebenwirkungen - und das, obwohl die Grippeimpfung unter Wissenschaftlern als sicher gilt.

Immerhin, in der Frage der Masernimpfung hat sich der Staat zu einer indirekten Impfpflicht durchgerungen. Wer nicht geimpft ist, darf halt nicht in den Kindergarten. Im Vergleich zu Masern ist die Covid-19-Erkrankung um ein Vielfaches gefährlicher. Inzwischen sind der Pandemie weltweit fast zwei Millionen Menschen zum Opfer gefallen. Hinzu kommen Millionen, die unter den Folgen leiden. Der einzig wirksame Schutz dagegen ist bisher die Impfung.

Bei der Aufklärung über das Impfen kann es aber nicht bleiben. Denn es geht hier um eine elementare Frage der Solidarität und nicht bloß um eine private Entscheidung. Markus Söder hat recht: Die Impfung ist Bürgerpflicht. Doch ein Teil der Bevölkerung ist rationalen Argumenten bei diesem Thema nicht zugänglich. Der Staat sollte deshalb für bestimmte Berufsgruppen ähnliche Regelungen erlassen wie für die Bekämpfung der Masern. Das ist er den gefährdeten Bewohnern der Alten- und Pflegeheime schuldig.

© SZ/fzg/fie
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