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Pro und Contra: Impfpflicht:Alles andere als produktiv

Vorbereitungen für Corona-Impfungen

Medizinstudent*innen simulieren während eines Auffrischungskurses eine Impfung an Pflegeschülerinnen

(Foto: dpa)

Sie würde die Fraktion der Zweifler, Skeptiker und Unentschiedenen nur vergrößern. Was es hingegen braucht, sind Menschen, die sich aus Überzeugung und Solidarität impfen lassen. Ganz ohne Zwang.

Kommentar von Werner Bartens

Sinnvoll wäre es unbedingt, wenn sich möglichst viele Menschen gegen das Coronavirus impfen lassen würden. Dies gilt vordringlich für jene Berufsgruppen, die Alte und Kranke versorgen. Bewohner in Pflegeheimen und Patienten im Krankenhaus sind besonders gefährdet und sie stecken sich ja nicht primär untereinander an, da sie meist wenig mobil sind. Das Virus wird vielmehr hineingetragen. Von Angehörigen und anderen Besuchern - aber eben auch von jenen Menschen, die beruflich für die Gesundheit und das Wohlergehen der ihnen Anvertrauten zuständig sind. In den vergangenen Monaten haben sie nicht nur getröstet, gepflegt, Medikamente, Essen und frische Wäsche gebracht, sondern manchmal auch Leid und Tod.

Trotzdem wäre eine Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen oder die ganze Bevölkerung falsch. Auch wenn etwas sinnvoll ist, sollte es nicht automatisch per Gesetz verordnet werden. Überzeugen, aufklären, zum Vorbild werden, immer und immer wieder - das ist der richtige Weg. Zudem wird es sich vermutlich an den Infektionszahlen zeigen, wenn immer mehr Menschen geimpft sind. Dieser absehbare Erfolg könnte die Zögernden dazu bringen, sich bald impfen zu lassen.

Zwar gibt es in Deutschland (und anderswo) eine gesetzliche Impfpflicht, beispielsweise gegen die Masern für bestimmte Einrichtungen, doch diese wurde erst nach jahrelangen Abwägungen eingeführt. Der Unterschied zur Impfung gegen Sars-CoV-2 besteht darin, dass der Umgang mit der Corona-Pandemie vergleichsweise neu und von vielen Unsicherheiten und Unwägbarkeiten geprägt ist. Die Unzufriedenheit mit der gegenwärtigen Lage ist groß. Leider hat sich diese Irritation auch auf die Impfung übertragen. Eine Verpflichtung zur Impfung wäre auch deshalb kontraproduktiv.

Wer etwas nicht will, will eben nicht

Die früh und ostentativ vorgetragenen Vorbehalte und Vorurteile gegen die Impfung haben sich zwar nicht bewahrheitet. Oft beruhen sie auf einer Mischung aus Unwissen und Unbehagen - dass gerade unter den Pflegenden so viele die Impfung ablehnen, ist ebenso erstaunlich wie bedauerlich. Fast 700 000 Menschen sind in Deutschland bisher geimpft worden, weltweit sind es schon mehr als 28 Millionen. Nein, das Erbgut wird durch die Impfung mit mRNA-Vakzinen nicht verändert. Wer in der zehnten Klasse im Biologie-Unterricht aufgepasst hat, weiß das. Und nein, es gab bisher erstaunlich wenig Nebenwirkungen und allergische Reaktionen. Langfristige Komplikationen können in der Medizin nie ausgeschlossen werden, aber aufgrund der Struktur des Impfstoffes und der bisherigen Erfahrungen sind sie nicht zu erwarten.

Unwissen lässt sich ausräumen, Unbehagen nicht. Wer etwas nicht will, will eben nicht. Diese Haltung ist oft irrational, manchmal trotzig, doch gegen ein mulmiges Gefühl lässt sich schlecht argumentieren. Eine Impfpflicht wäre falsch. Sie würde die Fraktion der Zweifler, Skeptiker und Unentschiedenen nur vergrößern. Es gibt schon genügend Leute, die ihre Freiheitsrechte und die Demokratie in Gefahr sehen, weil ihr Fitnessstudio gerade geschlossen ist. Was es hingegen braucht, sind Menschen, die sich aus Überzeugung und Solidarität impfen lassen. Ganz ohne Zwang.

© SZ/fzg
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