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"Multisystemisches Entzündungssyndrom":Rätselhafte Corona-Spätfolgen bei Kindern

Coronavirus: Eine Schule während der Corona-Pandemie

Schwere Covid-19-Verläufe sind bei Kindern selten - doch rätselhafte Entzündungen können noch Wochen nach einer Infektion auftreten.

(Foto: Stephane Mahe/Reuters)

In seltenen Fällen erleiden Kinder nach einer Corona-Infektion lebensbedrohliche Entzündungen. Eine Auswertung von 1700 Fällen zeigt, was das für Betroffene bedeutet.

Von Berit Uhlmann

Gewissheiten sind in der Corona-Krise so rar, wie unerwartete Wendungen häufig. Dazu gehört auch, dass Kinder aus noch immer nicht verstandenen Gründen zwar sehr viel seltener an schweren Covid-19-Verläufen leiden als Erwachsene, dass sie jedoch in seltenen Fällen noch Wochen nach der Infektion in einen kritischen Zustand geraten können. Fieber, Entzündungen, Blutdruckabfall, Schock und die Beeinträchtigung gleich mehrerer Organe werden seit dem vergangenen Frühjahr bei einigen Kindern und Jugendlichen beobachtet. Mittlerweile werden die Symptome unter dem Namen multisystemisches Entzündungssyndrom (MIS) zusammengefasst.

Wissenschaftler um den Epidemiologen Ermias Belay von der US-Seuchenschutzbehörde CDC haben nun die bislang größte Analyse zu diesem noch immer rätselhaften Syndrom vorgelegt. Die Verläufe von insgesamt 1733 Patienten im Alter bis 21 Jahre sind in die im Fachblatt Jama Pediatrics veröffentlichte Auswertung eingeflossen.

Die Befunde bestätigen weitgehend, was auch frühere Studien gezeigt haben. 90 Prozent der jungen MIS-Patienten hatten mit Beschwerden an mindestens vier Organen zu kämpfen. Ihre häufigsten Symptome waren Fieber, Magen-Darm-Probleme, Hautausschläge und Bindehautentzündungen. 60 Prozent der Betroffenen entwickelten im Laufe der Erkrankung einen Blutdruckabfall, fast 40 Prozent einen Schock, etwa ein Drittel erlitt Herzprobleme. Insgesamt 60 Prozent wurden auf der Intensivstation behandelt. Kinder bis zu vier Jahren blieben etwas häufiger vor sehr schweren Verläufen verschont, doch auch von ihnen benötigten noch 44 Prozent eine Intensivbehandlung.

Eine überschießende Immunantwort löst womöglich die Entzündungen aus

Das Entzündungssyndrom trat im Mittel 27 Tage nach dem Beginn erster Covid-Symptome auf. Als die Forscher den zeitlichen Verlauf der MIS-Diagnosen mit dem Verlauf aller pädiatrischen Covid-Fälle während der Pandemie verglichen, beobachteten sie zumindest teilweise, dass beide in Wellen auftraten, die etwa zwei bis fünf Wochen auseinanderlagen. Damit sehen die Epidemiologen die bisher gängigste Hypothese gestützt, dass die Entzündungen durch eine verzögerte überschießende Immunantwort auf eine Corona-Infektion ausgelöst werden.

Allerdings können die Forscher nicht für alle Fälle sicher sagen, ob tatsächlich eine Sars-CoV-2-Infektion vorlag. Die Diagnose MIS kann auch ohne Labornachweis gestellt werden; es genügt, wenn die Betroffenen Kontakt zu einem Infizierten hatten, geben Jennifer Blumenthal und Jeffrey Burns vom Boston Children's Hospital in einem begleitenden Kommentar zu bedenken.

Noch nicht sicher zu beantworten ist auch die grundsätzliche Frage, ob es sich bei MIS und Covid-19 tatsächlich um zwei verschiedene Erkrankungen handelt. Auch Covid kann mit heftigen Entzündungen und einer Vielzahl unterschiedlicher Symptome einhergehen; der Verlauf kann langwierig sein, so dass eine Abgrenzung zwischen beiden Leiden nicht immer eindeutig möglich ist. Mehrere pädiatrische Fachgesellschaften aus Deutschland schreiben daher in einer Stellungnahme, dass MIS eher als lebensbedrohliche Verlaufsform beziehungsweise Komplikation der Sars-CoV-2-Infektion und nicht als eigene "Entität" betrachtet werden sollte.

© SZ/cvei
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