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Coronavirus:Wie eine Schnelltest-Strategie helfen könnte

Coronavirus - Schnelltestzentrum

Zweimal pro Woche kann sich jeder in Deutschland kostenlos per Schnelltest testen lassen.

(Foto: Bernd Weissbrod/dpa)

Noch immer gibt es keinen einheitlichen Plan für den Einsatz von Corona-Schnelltests. Dabei gibt es gute Ideen, wie dieses unperfekte Werkzeug in der Pandemie eingesetzt werden könnte.

Von Hanno Charisius

Nun soll bald das große Testen beginnen. Regelmäßiges Testen von Schülerinnen und Schülern soll Voraussetzung für Schulöffnungen sein. Auch Betriebe, die nicht aus dem Home-Office arbeiten können, sollen die Beschäftigten mit Schnelltests vor Infektionen schützen. Kann das funktionieren?

Das nötige Werkzeug ist der "Antigen-Schnelltest". Er reagiert auf Bruchstücke der Viren und vervielfältigt nicht das Erbgut, wie der PCR-Test. Dafür kann man das Ergebnis nach 15 Minuten ablesen wie bei einem Schwangerschaftstest und muss nicht mindestens einen halben Tag auf eine Nachricht aus einem medizinischen Fachlabor warten. Allerdings sind Schnelltests nicht so zuverlässig wie die PCR-Tests, das zeigen Studien wieder und wieder. Zuletzt stellte eine große Meta-Analyse der Cochrane-Organisation den Antigentests kein gutes Zeugnis aus. Die Zuverlässigkeit der Tests schwanke stark von Hersteller zu Hersteller. Und selbst die besten Schnelltests finden im Vergleich mit dem PCR-Test weniger Infizierte. Auch die SZ berichtete über die Cochrane-Analyse, die zwar höchste Ansprüche an die wissenschaftliche Evidenz legte, jedoch auf einen möglichen Nutzen des massenhaften Gebrauchs von Schnelltests für die öffentliche Gesundheit nicht im Detail einging.

Wenn oft genug getestet wird, spiele die geringere Zuverlässigkeit keine große Rolle mehr

Befürworter der Schnelltests sehen in der mangelnden Zuverlässigkeit kein großes Problem. Häufiges Testen soll diese Schwäche einerseits ausgleichen, andererseits würden Schnelltests die infektiösen Personen doch recht sicher erkennen. Christian Erdmann, Mitgründer der unabhängigen wissenschaftlichen Initiative Rapidtests.de, kann zwischen den Daten der Cochrane-Analyse und den Werten einer fortlaufenden systematischen Studienauswertung zur Performance von Antigen-Schnelltests, an der er selbst mitwirkt, keinen großen Unterschied finden, "vor allem mit Blick auf Menschen, die wahrscheinlich hoch infektiös sind."

Nur die Schlussfolgerungen, die er und viele seiner Kolleginnen und Kollegen aus den Daten ziehen, sind andere. "Nach der aktuellen Studienlage erkennen Antigen-Schnelltests unabhängig von Symptomen im Schnitt neun von zehn ansteckenden Personen", sagt Erdmann. Die Empfindlichkeit dieser Tests hänge vor allem davon ab, zu welchem Zeitpunkt einer Infektion man testet. In der zweiten Erkrankungswoche fällt der PCR-Test weiter positiv aus, obwohl die meisten Infizierten zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr so ansteckend sind wie in der ersten Woche. Schnelltests zeigen dann jedoch häufig schon wieder ein negatives Ergebnis an. Allerdings übersehen Schnelltests auch solche Fälle, die zum Zeitpunkt des Tests noch nicht infektiös waren, es kurz darauf aber sind. So entgehen den Tests eben auch bald infektiöse Personen, die ein PCR-Test gefunden hätte. Daraus ergibt sich die insgesamt niedrige Zuverlässigkeit der Schnelltests.

Das Robert-Koch-Institut und andere Institutionen geben die mittlere Zuverlässigkeit, mit der ein Schnelltest einen Infizierten richtig erkennt, mit etwa 60 Prozent an. Das sei jedoch kein Problem, wenn man häufig testet, sagt Erdmann. "Ein Schnelltest mit 60-prozentiger Empfindlichkeit, alle drei Tage angewandt, findet schneller infektiöse Menschen als ein wöchentlicher PCR-Test, dessen Ergebnis nicht sofort vorliegt." Die Cochrane-Studie habe die Perspektive der Diagnostik eingenommen, "das ist nicht die Stärke von Schnelltests", sagt Erdmann. "Schnelltests sind ein Screening-Tool, kein Diagnosewerkzeug. Der Kampf gegen die Pandemie braucht beides."

Dass die Cochrane-Gruppe in ihrem Fachartikel betont, für die Wirksamkeit eines massenhaften Einsatzes von Schnelltests bei Menschen ohne Symptome gebe es keinen wissenschaftlichen Beleg, sei laut Erdmann mit Blick auf den Datenstand der Cochrane-Analyse Ende September 2020 zwar korrekt. "Jedoch gibt es frisch veröffentlichte Daten aus der Slowakei, die zeigen, dass ein mehrstufiges Screening der Bevölkerung die Infektionszahlen bedeutend drücken kann, wobei hier leider nicht konsequent weiter getestet wurde, um den positiven Effekt beizubehalten." Weitere Evidenz für regelmäßige Schnelltests in breiter Anwendung benötige es für Erdmann vorerst nicht, da es in einer Pandemie nicht auf Perfektion, sondern vor allem auf schnelles Handeln ankomme. Auch die No-Covid-Initiative, die für eine Strategie der Niedriginzidenz wirbt, schreibt: "Die Umsetzung von lokal angepassten Teststrategien fordert Mut, Kreativität und Pragmatismus; diese Haltung erscheint wichtiger als das Streben nach vollkommenen und fehlerlosen Lösungen." Jede Strategie habe Stärken und Schwächen, "aber jede der Strategien ist besser als keine Strategie".

Richtig eingesetzt können demnach auch die fehleranfälligen Schnelltests das Infektionsgeschehen bremsen. Für die richtige Interpretation der Ergebnisse sei aber eine gute Kommunikation notwendig, sagt Florian Klein, Direktor des Instituts für Virologie an der Uniklinik Köln. "Eine gerade beginnende Infektion kann besonders den Antigen-Schnelltests leicht entgehen. Es wäre daher gefährlich, wenn jemand mit einem negativen Selbsttest in der Hand meint, dass er auch in den kommenden Tagen nicht ansteckend sein kann."

Schnelltests in Schulen und Kitas können Infektionsketten in Familien unterbrechen

Gerade an Schulen und Kitas hält Klein regelmäßige Tests für wichtig. Einerseits, um Infektionen schnell zu erkennen und so weitere Erkrankungen zu verhindern, andererseits aber auch, um Infektionsketten im jeweiligen häuslichen Umfeld der Kinder zu unterbrechen. "Wir können mit Schul- und Kitatests Infektionen in unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen erkennen, auch in Bereichen, in denen Testangebote manchmal weniger wahrgenommen werden", sagt Klein, der mit seinen Kolleginnen und Kollegen ein Modellprojekt in Kölner Schulen und Kindergärten angestoßen hat.

Zweimal pro Woche werden Kinder mit der "Lolli-Methode" getestet. Dazu lutschen sie am Morgen für 30 Sekunden an einem Abstrichtupfer. Diese werden eingesammelt und gruppenweise in einem gemeinsamen "Pool" per PCR nach Virusspuren untersucht. Bis zum Abend liege das Ergebnis vor. Sollte die Sammelprobe positiv ausfallen, bleibe die gesamte Klasse oder Gruppe zu Hause, bis eine Nachuntersuchung neuer Einzelproben das infizierte Kind gefunden hat. "Wir haben zu diesem Vorgehen bislang sehr viele positive Rückmeldungen bekommen", sagt Klein. Für größere Kinder und Jugendliche, die schon selbst einen Nasenabstrich bei sich machen können, kann jedoch ein Antigen-Schnelltest mindestens zweimal pro Woche eine Alternative darstellen.

Nach Auffassung von Sebastian Hoehl, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin vom Institut für Medizinische Virologie des Universitätsklinikums Frankfurt, ist die PCR zwar sehr präzise, aber eben vergleichsweise langsam. "Eine ganze Klasse in Quarantäne schicken, bis die Pool-Probe aufgelöst ist und Klarheit herrscht, da müssen die Leute auch mitmachen", sagt Hoehl. "Schnelltests machen, was sie sollen. Viele der wahrscheinlich Infektiösen schnell aufspüren." Die Frage nach dem besten Test hänge davon ab, ob man eine Diagnose für einen einzelnen Menschen stellen möchte oder Massenuntersuchungen im Dienste der öffentlichen Gesundheit. In letzterem Bereich können auch nicht-perfekte Tests funktionieren, wenn man sie nur oft genug wiederholt. Diese Strategie bewirbt der Epidemiologe Michael Mina von der Harvard University wie viele seiner Kolleginnen und Kollegen seit Monaten.

Experten warnen davor, Lockerungen mit Schnelltests zu begründen

Von der Idee, bei steigenden Fallzahlen Lockerungen mit Schnelltests zu legitimieren, halten die meisten Expertinnen und Experten allerdings nichts. Nach Auffassung der Rapidtests-Gruppe sollten Schnelltests primär "zur Eindämmung der Pandemie genutzt werden, indem diese bei regelmäßiger Anwendung, insbesondere von Personen mit unvermeidbaren Kontakten, möglichst viele Ansteckende frühzeitig erkennen." Die Schulen wieder zu öffnen und erst dann eine Teststrategie zu entwickeln und ausreichend Tests zu ordern, sei die falsche Reihenfolge gewesen, sagt Christian Erdmann.

Wenn die Infektionszahlen jedoch ausreichend niedrig sind, hält Virologe Florian Klein aus Köln auch Modellversuche für richtig. "Wenn man sich zum Beispiel einen geöffneten Baumarkt anschaut, besteht dort bei Maskenpflicht und Abstandsregeln eine geringe Ansteckungsgefahr. Wenn man hier vor dem Zutritt alle Personen testet, wird man sicher ein paar infizierte Personen erkennen können."

Testkonzepte seien teuer, aber ein wichtiger Baustein zur Kontrolle der Pandemie. Im Verhältnis zu den großen gesundheitlichen, aber auch persönlichen und wirtschaftlichen Schäden erscheinen ihm die Kosten strategisch angelegter Testkonzepte sehr gering. "Mögliche Öffnungen von Bereichen wie Schulen, Kindergärten und Arbeitsstätten sollten immer durch kluge Testkonzepte abgesichert werden, sagt Klein, "und zwar so, dass man dadurch mehr Infektionen erkennt, als durch eine Öffnung entstehen."

© SZ/cku
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