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Corona-App:Ob das wirklich was bringt?

Seibert zu Corona-Warn-App

Bislang haben fast 18 Millionen Menschen in Deutschland die Corona-Warn-App heruntergeladen. Nachdem die Nachfrage anfangs sehr groß war, wächst sie nun nur noch langsam.

(Foto: Michael Kappeler/dpa)

Die Akzeptanz für die Corona-Warn-App steigt laut einer neuen Studie. Gleichzeitig glauben immer weniger Anwender an ihren Nutzen. Was die Software wirklich taugt, lässt sich nur schwer beurteilen.

Von Karoline Meta Beisel, Simon Hurtz, Christina Kunkel und Sören Müller-Hansen

Auf den ersten Blick liest es sich wie eine Erfolgsmeldung: Die Akzeptanz für die deutsche Corona-Warn-App ist seit Juni gestiegen. Zudem fürchten immer weniger Menschen, dass die App ungewollt private Daten sammelt und weitergibt. Das hat eine erneute Befragung von Internet-Nutzern durch die TU München und die Initiative D21 ergeben. Doch in den Umfrageergebnissen steckt auch ein großes "Aber": Dass die Corona-Warn-App einen positiven Effekt auf ein Ende der Pandemie in Deutschland haben wird, denkt nur eine Minderheit - und die Skepsis wächst. Nur noch 23 Prozent erwarten, dass sich mithilfe der Software die Zahl der Neuinfektionen reduzieren lässt (Juni: 29 Prozent). Die Hälfte der Befragten stimmte der Aussage zu, dass die Corona-Warn-App nichts ändern wird, im Juni gaben dies nur 41 Prozent an.

Die Anwendung aus der Schweiz liefert mehr Informationen zur Nutzung

Es gab ja auch tatsächlich viel Lob von Softwareexperten für die deutsche Corona-App. Viel Datenschutz, viel Transparenz - und das alles in vergleichsweise kurzer Zeit. Doch zugleich fordert die App auch ein großes Investment - an Vertrauen, aber auch an Geld. Für die Entwicklung der App wurden sieben Millionen Euro an SAP gezahlt, die Telekom hat von den veranschlagten 7,8 Millionen Euro bisher etwa 5,4 Millionen in Rechnung gestellt. Natürlich gibt es da den Wunsch zu erfahren, ob die Software wirklich taugt zur Eindämmung der Pandemie. Ob viele Menschen sie nutzen und die Technik auch in der Praxis funktioniert.

Die Gesundheitsbehörden kommunizieren nur spärlich, was sie über die Nutzung der App wissen. Das Gesundheitsministerium und das Robert-Koch-Institut (RKI) geben nur die Zahl der Downloads bekannt (aktuell etwa 17,8 Millionen). Doch die harte Währung wären eigentlich die aktiven Nutzer. In der Schweiz, wo es eine vom Ansatz her ähnliche Corona-Warn-App gibt, informiert man die Bürger offener: Nur etwa die Hälfte aller Downloads führt dazu, dass die App auch dauerhaft auf dem Handy aktiviert ist. Die dortigen Behörden melden zudem täglich die Zahl der über die App eingegebenen positiven Testergebnisse. Aufgrund des datensparsamen, dezentralen Ansatzes könne man das in Deutschland nicht, heißt es dazu vom RKI. Umso erstaunlicher erscheint es, dass externe Softwareentwickler auch für die deutsche Warn-App derartige Datenanalysen auf Online-Dashboards anbieten.

Allerdings handelt es sich bei diesen Analysen lediglich um grobe Schätzungen. Die verfügbaren Daten erlauben es aber, sich der Zahl der Meldungen anzunähern. Die SZ hat dazu eigene Berechnungen vorgenommen, die, anders als in den Online-Dashboards, eine Spanne angeben, innerhalb derer die tatsächliche Zahl liegen müsste.

Grundlage der Berechnungen sind die mehrmals täglich veröffentlichten Pakete mit anonymen Schlüsseln, die auch die Corona-Warn-App herunterlädt. Sie werden vom Smartphone erzeugt und bei einer Begegnung mit einem anderen App-Nutzer zwischen den Handys ausgetauscht. Die Schlüssel bestehen aus einem wirren Zahlen- und Buchstaben-Code, sind keiner Person zuzuordnen und damit auch datenschutzkonform. Meldet ein Nutzer sein positives Testergebnis in der App, werden seine Schlüssel auf einen Server hochgeladen und die Apps der anderen Nutzer prüfen, ob sie diesem Schlüssel innerhalb der letzten zwei Wochen begegnet sind.

Bis zu diesem Punkt ließe sich einfach abzählen, wie viele positive Testergebnisse übermittelt wurden. Im Sinne des Datenschutzes wird es nun aber noch komplizierter: Zum einen übermittelt jede Person nicht nur einen Schlüssel, sondern einen für jeden Tag. Das können bis zu 14 Schlüssel sein, aber auch weniger, wenn ein Nutzer die App beispielsweise erst vor wenigen Tagen installiert hat oder sie eine Zeit lang deaktiviert hatte. Wie viele Schlüssel von einem Nutzer kommen, lässt sich nur grob anhand des dem Schlüssel zugeordneten Datums und eines vom RKI definierten und von Tag zu Tag schwankenden Ansteckungsrisikos abschätzen. Zum anderen werden zu jedem echten noch mehrere falsche Schlüssel erzeugt. Sie sollen die Zuordnung zu einer Person nochmals erschweren.

Berücksichtigt man all diese Punkte, zeigen die SZ-Berechnungen eher ernüchternde Ergebnisse. Zwischen 1900 und 3300 positive Testergebnisse dürften in den letzten 74 Tagen an die Corona-Warn-App übermittelt worden sein. Die Kurve der über die App gemeldeten positiven Resultate passt zu der Zahl der vom RKI veröffentlichten Neuinfektionen, sie stieg ab Ende Juli an und hat sich in den vergangenen Tagen bei etwa 90 eingegebenen positiven Testergebnissen im Sieben-Tage-Schnitt eingependelt.

Noch immer sind viele Labore nicht an das Erfassungssystem angeschlossen

Wie effektiv die App ist, lässt sich daran ablesen, wie viele der Neuinfektionen insgesamt über diesen Weg gemeldet werden. Die SZ-Berechnungen ergeben, dass das für 3,3 bis 5,5 Prozent aller positiven Testergebnisse zutrifft. Zuletzt ist dieser Anteil etwas gestiegen. Eine Erklärung dafür könnte die wachsende Zahl junger Infizierter sein. Doch selbst wenn zehn Prozent aller Infizierten ihr Testergebnis in die App eingeben würden und der gleiche Anteil aller Deutschen die App nutzt, so wird nur bei einem Prozent aller Risikobegegnungen auch eine Warnung durch die App verschickt. Zwar könnte der Effekt dadurch wachsen, dass sie in bestimmten Alters- und Kontaktgruppen mehr genutzt wird als in anderen und dadurch eine Warnung durch die App häufiger erfolgt. Dennoch dürfte der Anteil der über die App gewarnten Infizierten an allen Menschen, die sich mit dem Coronavirus angesteckt haben, im niedrigen einstelligen Bereich liegen.

Auch zur Zuverlässigkeit der Technik gibt es weiterhin Fragen: Zwei Forscher des Trinity College in Dublin kamen Ende Juni in einer Studie zum Ergebnis, dass die Kontaktverfolgung mit der Corona-Warn-App im öffentlichen Nahverkehr nur äußerst unzuverlässig funktioniere. Die metallenen Oberflächen in Bussen und Bahnen reflektierten die Bluetooth-Signale und machten aussagekräftige Abstandsmessungen zwischen einzelnen Personen nahezu unmöglich. Die irischen Forscher sagen, das Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen (IIS) habe das ÖPNV-Szenario lediglich in einem offenen Raum nachgestellt. Fotos aus der Dokumentation der App auf Github bestätigen die Aussage. Diese Simulation führt den Forschern zufolge zu anderen Ergebnissen als ein Test in einem echten Zug.

Dies könne man "nicht nachvollziehen", heißt es dazu aus dem Gesundheitsministerium: Bei den letzten Testreihen seien 80 Prozent der Begegnungen richtig erfasst worden. Wo und wie genau die verschiedenen Szenarien simuliert wurden, lässt die Behörde offen. Dennoch arbeite man weiter an der Genauigkeit der Software. "Nach meiner Auffassung sind die Ergebnisse der irischen Studie durchaus belastbar und nicht überraschend", sagt Hannes Federrath, Professor für Sicherheit in verteilten Systemen an der Uni Hamburg.

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Ein Knackpunkt ist auch die digitale Anbindung aller Labore an die Warn-App. Nur wenn diese gegeben ist, bekommt man sein Testergebnis direkt auf das Smartphone und kann es dann unkompliziert über die App teilen. Als technische Krücke fungiert immer noch eine Telefonhotline, bei der man nach Erhalt seines Testergebnisses per Post anrufen muss, um sich zu verifizieren und dann eine TAN zu erhalten, die man letztlich in die App eintippt. Dass das für eine möglichst schnelle Warnung von Kontaktpersonen nicht gerade optimal ist, erklärt sich von selbst. Bis zum 1. September wurden laut RKI 2500 solcher "teleTANs" ausgegeben. Aktuell sind laut Angaben der Gesundheitsbehörden etwa zwei Drittel aller Labore an das digitale Erfassungssystem angeschlossen. Diese Größenordnung kommunizierte man allerdings auch schon vor einem Monat.

Dazu kommt, dass es mittlerweile neben der offiziellen Corona-Warn-Software weitere Apps gibt, über die Labore Covid-19-Testergebnisse per Smartphone übermitteln. So bekamen etwa Tausende Menschen, die sich an der Münchner Theresienwiese testen ließen, den Hinweis, sie sollten ihre Resultate über die App "DoctorBox" abrufen. So steigt die Gefahr, dass immer mehr Einzellösungen die Nutzer verwirren, wo es doch besonders wichtig wäre, dass es eine einzige Software gibt, die immer und überall gleich funktioniert.

Jetzt erweitern auch noch die Softwareriesen Apple und Google ihre Betriebssysteme, sodass man auch ohne Installation einer Corona-Warn-App über Risikobegegnungen informiert werden kann. Apple hat die entsprechende Technik bereits mit dem Update auf iOS 13.7 am Dienstag zur Verfügung gestellt. Google plant das für Android-Geräte später im Monat. Die Techkonzerne betonen, das System würde weder Ortsdaten speichern, noch persönliche Daten der Nutzer an Apple oder Google weiterleiten.

So transparent wie die Corona-Warn-App, deren Quellcode jeder online einsehen kann, ist die Lösung der Softwarefirmen jedoch nicht. Außerdem greifen die Systeme zum Hoch- und Runterladen der Schlüssel auf dieselben Server zurück wie die nationalen Apps - wenn die Gesundheitsbehörden in dem jeweiligen Land das erlauben. Doch will man ein positives Testergebnis teilen, wird man direkt in die offizielle Corona-App des jeweiligen Landes gelotst. Das Problem, dass die nationalen Apps einzelner Gesundheitsbehörden bislang nicht miteinander kommunizieren können, lässt sich mit dem Update also auch nicht lösen.

Die EU-Kommission arbeitet bereits seit dem Frühsommer an einer technischen Lösung, um die Kontaktnachverfolgung auch über Grenzen hinweg zu ermöglichen. Eigentlich hätte ein Pilotversuch dafür bereits starten sollen, aber die Verhandlungen mit den Anbietern dauerten länger als erwartet. Nun hofft man in der Kommission, in der ersten Septemberhälfte damit beginnen zu können.

© SZ
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