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Coronavirus:Einsame Impf-Entscheidung

Coronavirus - Sachsen

Mit Sneaker ins Impfzentrum. Nur: Welcher Stoff soll es für junge Menschen sein?

(Foto: Sebastian Willnow/dpa)

Der Covid-Impfstoff von Astra Zeneca ist frei für alle - wie toll! Kleiner Haken: Junge Menschen, die sich schützen wollen, stehen mit der Entscheidung jetzt alleine da.

Kommentar von Felix Hütten

Jedes Glück, das liest man schon in Kinderbüchern, hat auch ein paar bittere Tropfen. Nach vielen Monaten Pandemie flimmert endlich mal eine Glücksnachricht über die Sperrbildschirme, Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) macht den Weg frei für Astra für alle. Wie toll! Ab sofort also darf sich jeder im Land, der denn will, mit dem Vakzin gegen Sars-CoV-2 immunisieren lassen. Egal, ob Risikogruppe oder nicht, ab in den Arm mit dem Zeug, das Ende der Pandemie fest im Blick.

Wenn es doch so einfach wäre. Was heißt das schon, Risikogruppe? Vor nur wenigen Wochen verursachten Schlagzeilen Aufregung, dass das Astra-Vakzin lebensbedrohliche Hirnvenenthrombosen insbesondere bei jungen Menschen, noch insbesondere bei jungen Frauen verursachen soll. Sind das nicht also im strengsten Sinne Astra-Risikopatienten? Die Ständige Impfkommission, nur zur Erinnerung, reagierte damals prompt: Das Vakzin solle fortan nicht mehr nur an Menschen bis 60 Jahre verimpft werden, sondern - Achtung - nur noch ab 60 Jahren. Immerhin ist hier der Nutzen des nach wie vor sehr guten Astra-Impfstoffs in Abwägung zum Risiko einer Covid-Erkrankung deutlich höher als bei jungen Menschen.

Jetzt also wird eine Schutzimpfung für junge Menschen zur Mutprobe erklärt

Und nun? Vergessen.

Junge Frauen, mittelalte Männer, es ist, so lautet die Nachricht aus Berlin, fortan eure Entscheidung. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) formulierte es vor ein paar Wochen noch treffender: Wer sich halt "traut", sagte er, krempelt seinen Arm für Astra hoch.

Es ist ein weiteres Armutszeugnis einer wenig bis gar nicht wissenschaftsbasierten Pandemiepolitik. Jetzt also wird eine Schutzimpfung, die nur für ältere Menschen empfohlen ist, für junge Menschen zur Mutprobe erklärt. Das ist abenteuerlich, wenn man bedenkt, dass diese seit Monaten Oma und Opa solidarisch - gerne! - geschützt, Home-Office und Schulschließungen in einer Wohnung ertragen oder das Risiko ausgeblendet haben, dass das Kind das Virus aus der Kita mit nach Hause bringt, Grüße an alle ungeimpften Schwangeren. (Die sind übrigens, kurzer Hinweis, Risikopatienten erster Klasse!)

Also googeln nun Mitte-30-Jährige halb verzweifelt und ganz erschöpft im Internet nach Risikoprofilen, wie genau war das jetzt noch mal mit der Hirnvene? Was wiegt schwerer? Ein Thrombus im Schädel oder die Bauchlage auf Intensivstation? Der eine Hausarzt sagt so, der andere so. Na toll.

Es wäre, spätestens mit Blick auf eine neue Bundesregierung, nur wünschenswert, wenn die Politik junge Menschen in diesem Land mit medizinischen Entscheidungen nicht alleinlassen würde, die sie überhaupt nicht treffen können. Lösungsvorschlag: Vielleicht mal die Wissenschaft zurate ziehen. Man könnte es auch im Sinne von Markus Söder formulieren: Traut euch, liebe Bundesregierung, Verantwortung zu übernehmen.

© SZ
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