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Bildschirme und Homeschooling:Kurzsichtig durch Corona

Schülerinnen in Wuhan kurz nach Ende des ersten Lockdowns.

(Foto: STR/AFP)

Die Zahl von Kindern mit Sehschwäche ist 2020 in China drastisch gestiegen. Augenärzte beklagen zu lange Bildschirmzeiten und fehlende Aufenthalte im Freien infolge von Lockdown und Homeschooling.

Von Werner Bartens

Eine Infektion mit Sars-CoV-2 kann neben Lunge, Herz und Nieren nahezu alle anderen Organe beeinträchtigen und zu entsprechenden Langzeitfolgen führen. Die Pandemie hat allerdings auch gesundheitliche Auswirkungen, die auf den ersten Blick kaum zu erahnen sind. Die ausgedehnten Kontaktbeschränkungen und Ausgangssperren, das limitierte häusliche Umfeld mit begrenzten Möglichkeiten für Bewegung, Spiel und Sport haben offenbar buchstäblich den Blick eingeengt. So zumindest könnte man die Befunde von Augenärzten aus China und den USA deuten, die im Fachmagazin Jama Ophthalmology erschienen sind.

Die Mediziner um Xuehan Qian haben Daten von mehr als 120 000 chinesischen Schulkindern im Alter zwischen sechs und 13 Jahren untersucht. Demnach hat der Anteil der kurzsichtigen Schüler im Jahr 2020 im Vergleich zu den Jahren 2015 bis 2019 erheblich zugenommen. Verglichen mit den Vorjahren sei Kurzsichtigkeit um eineinhalb bis dreimal häufiger gewesen. Besonders auffällig waren demnach die Veränderungen bei jüngeren Kindern im Alter zwischen sechs und acht Jahren. Auf die untersuchte Gesamtgruppe bezogen, habe sich die Sehschärfe um etwa 0,3 Dioptrien in Richtung Kurzsichtigkeit entwickelt, was als Folge der Pandemie und des dadurch veränderten Alltagsverhaltens interpretiert werden könne.

In China waren die Schulen von Ende Januar bis Mai geschlossen

Im Kampf gegen die Pandemie waren die Schulen in China landesweit von Ende Januar bis Mai geschlossen; 220 Millionen Schüler mussten zu Hause bleiben. Im Juni nahmen die Augenärzte Messungen und Bestimmungen der Sehkraft vor. Während die Häufigkeit der Kurzsichtigkeit von 2015 bis 2019 unter den Sechsjährigen zwischen 3,5 und 5,7 Prozent lag, stieg sie im Jahr 2020 auf 21,5 Prozent an. Bei den Achtjährigen lag die Quote 2020 bei fast 40 Prozent, bei den 13-Jährigen gar bei 80 Prozent. In den älteren Jahrgängen fiel der Anstieg allerdings nicht so stark aus.

"Die Begrenzung auf das häusliche Umfeld in Corona-Zeiten scheint eine beachtliche Verschiebung in Richtung Kurzsichtigkeit mit sich zu bringen", schreiben die Autoren. "Jüngere Kinder sind offenbar noch anfälliger für die Einschränkungen, im Alter zwischen sechs und acht Jahren finden wichtige Entwicklungen für die Sehfähigkeit statt." In dieser Altersgruppe war denn auch der größte Anstieg der Zahl der Kurzsichtigen im Vergleich zu den Vorjahren zu verzeichnen. Bei Sechsjährigen lag der Anteil im Jahr 2020 dreimal so hoch wie 2015 bis 2019, bei den Siebenjährigen doppelt so hoch und bei den Achtjährigen betrug er das 1,4-Fache. Zu Beginn der Grundschulzeit verändern sich Linse und Augapfel besonders stark.

Seit Jahren beobachten Augenärzte, dass in vielen Ländern die Kurzsichtigkeit zunimmt. Rund um den Globus ist dieses Phänomen zu beobachten und es wird besonders auf die Fokussierung auf nahe liegende Objekte und fehlenden Aufenthalt im Freien zurückgeführt. In Südkorea sind bereits deutlich mehr als 90 Prozent der jungen Leute kurzsichtig, wie Tests bei Rekruten ergaben.

Lesen war zwar schon immer eine Tätigkeit in Nahdistanz, die Nutzung von Smartphone, Tablet und PC für Schule und Freizeit trägt jedoch dazu bei, dass immer mehr Kindern der Weitblick fehlt. Sie schauen nur noch selten in die Ferne, und wenn die Pausen zwischen Schule und Hausaufgaben für Spiele am Handy genutzt werden, wechseln die Augen nicht den Fokus, um sich auch mal auf entferntere Objekte zu konzentrieren.

Gerade in Kindheit und Jugend kann dies dazu führen, dass sich die Anatomie des Auges einseitig in Richtung Kurzsichtigkeit entwickelt. Hinzu kommt, dass Licht das Längenwachstum des Augapfels hemmt und damit Kurzsichtigkeit vorbeugt. Selbst in hellen Räumen gibt es aber nicht so viel Licht wie an einem trüben Tag im Freien.

Kurzsichtigkeit kann schwere Folgen bis zur Netzhautablösung haben

Als "Quarantäne-Kurzsichtigkeit" bezeichnen Augenärzte um Caroline Klaver von der Universität Rotterdam den veränderten Blick der Kinder 2020. Zwar seien Entzündungen der Netzhaut und des Sehnerven als Komplikation einer Covid-19-Erkrankung selten, was Augenärzte zunächst glauben ließ, ihr Fachgebiet sei wenig von der Pandemie betroffen. Nun sind nicht die Viren selbst, sondern die Maßnahmen dagegen zu einem Problem geworden. Schulschließungen und häusliche Isolation zeigen sich an den Augen der Kinder - "die Kurzsichtigkeit beginnt früher und betrifft einen größeren Anteil", so Klaver.

Die Verschiebung der Kurzsichtigkeit hin zu jüngeren Altersgruppen kann in späteren Jahren zu gesundheitlichen Problemen führen. Je früher und ausgeprägter die Kurzsichtigkeit, desto wahrscheinlicher sind Folgeschäden wie Netzhautablösungen und Glaukome. "China steht vor einem größeren Gesundheitsproblem", befürchten die niederländischen Augenärzte. "Und der Rest der Welt könnte folgen."

Noch ist unklar, wie sich in den verschiedenen Ländern im Kampf gegen die Pandemie das Leben zu Hause und vor dem Bildschirm abgespielt hat. Eine Studie aus Kanada ergab, dass sich Achtjährige im Lockdown durchschnittlich weit mehr als die aus augenärztlicher Sicht maximal empfohlenen zwei Stunden vor dem Bildschirm aufhielten - sie kamen auf täglich durchschnittlich 5,1 Stunden Bildschirmzeit. Für weitere Lockdowns müsse daher darauf geachtet werden, dass Kindern genügend Möglichkeiten bleiben, um sich draußen zu bewegen und Weitblick zu üben.

© SZ
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