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Impfstoff-Studien:Worum geht's hier eigentlich?

Tübinger Impfstoff-Studie

Mehr als 100 000 Menschen haben an Studien zur Erforschung der bisher in Europa zugelassenen Corona-Impfstoffe teilgenommen.

(Foto: Christoph Schmidt/dpa)

Menschen, die einen Corona-Impfstoff an sich testen ließen, wurden zwar über Details der Forschung informiert. Allerdings mit Dokumenten, die für die meisten wohl nur schwer verständlich waren.

Von Berit Uhlmann

Für einige dürfte es eine Ehrensache gewesen sein, für manche aber vielleicht auch ein Entschluss, über den sie länger nachdenken mussten: Weit mehr als 100 000 Menschen haben an Studien zur Erforschung der bisher in Europa zugelassenen Corona-Impfstoffe teilgenommen. Wussten sie wirklich genau, worauf sie sich einlassen? Die Aufklärungsschreiben, die sie unterzeichnen mussten, waren jedenfalls nicht sonderlich gut geeignet, Ziel, Ablauf und Risiken der Impfstofftests zu erläutern, legt ein Artikel im Fachblatt Jama Network Open nahe.

Der Medizinethiker Ezekiel Emanuel und sein Kollege Connor Boyle, beide von der University of Pennsylvania in Philadelphia, hatten die Erläuterungen ausgewertet, die Pharmaunternehmen ihren Teilnehmern der dritten Studienphase aushändigten. Es ging um Tests von Biontech/Pfizer, Astra Zeneca, Moderna und Johnson & Johnson.

Eine einfache Lektüre war keines der Dokumente. Im Schnitt umfassten die Schriftstücke 22 Seiten, ein durchschnittlicher Leser braucht 35 Minuten, um diese Menge an Informationen zu erfassen. Wer eher langsam liest, benötigte für die Aufklärungsbögen bis zu 53 Minuten. "Je länger ein Dokument ist, desto weniger wahrscheinlich ist, dass Menschen es vollständig lesen", schreibt der Mediziner Stefan Grant von der Wake Forest University in North Carolina in einem begleitenden Kommentar: Alles, was über 1000 Wörter ist, also ungefähr vier Seiten lang, senke die Lesebereitschaft deutlich.

Womöglich bestehen die Informationsschreiben auch aus Versatzstücken anderer Dokumente

Vor diesem Hintergrund ist besonders ungünstig, dass die Länge der Aufklärungsschreiben zum Teil aus irrelevanten Informationen resultiert. Modernas Dokument beispielsweise erläutert den Probanden zunächst den zoonotischen Ursprung von Coronaviren, arbeitet sich über die Entdeckung von Sars-CoV-2 in Wuhan voran, um dann erst die entscheidende Information zu geben: Was genau ist das Ziel dieser Studie?

In ihrem Stil erinnert die Passage von Moderna an die Einleitung einer Studie oder eines Forschungsantrags. Die Studienautoren vermuten, dass in die Aufklärungsbögen einfach Abschnitte aus bereits vorhanden Dokumenten hineinkopiert wurden - "ohne jede Bemühung, sie prägnanter zu gestalten". Manche der fragwürdigen Informationen mögen auch juristischen Erwägungen geschuldet sein. Bisweilen könnten sie auch besten Absichten entspringen, vermuten die Autoren: So könnte die Detailtiefe aus der Motivation heraus entstanden sein, Vertrauen zu erwecken.

Zugleich erfüllte keiner der Texte die Anforderungen, die in den USA an die Verständlichkeit medizinischer Erläuterungen gestellt werden. Ihnen zufolge sollen Texte auch von Menschen problemlos verstanden werden, die eine sechs- bis achtjährige Schulbildung absolviert haben. Tatsächlich setzten die Beschreibungen der Corona-Impfstudien im Durchschnitt das Leseverständnis eines Zehntklässlers voraus. Die Erläuterungen von Astra Zeneca waren auf dem Niveau von Zwölftklässlern verfasst.

Während der Pandemie ist mehrfach gezeigt worden, dass Aufklärungsmaterial längst nicht immer gut verständlich ist. Menschen mit geringerer Schulbildung, jene, die die Sprache nicht perfekt beherrschen oder durch Krankheiten in ihrer Auffassung beeinträchtigt sind, können so von wichtigen Informationen ausgeschlossen werden. Besonders heikel aber ist dies im Falle von Studienteilnehmern. Sie setzen sich für die Allgemeinheit potenziellen Risiken aus; sie wenden Zeit auf, teilen persönliche Daten mit Unternehmen. All das sollte ihnen ohne jeden Zweifel klar sein.

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