Chronische Schmerzen Überflüssige Bildgebung

Ohnehin bringen Durchleuchtungsmethoden wie Röntgen und Kernspintomographie zwar häufig ein Bild vom Schmerz, aber ein falsches. "Auf den Bildern sieht man viel - oft mehr als nötig", sagt Michael Pfingsten. So werden häufig Alterserscheinungen erkennbar, die mit den Beschwerden gar nichts zu tun haben. "Veränderungen, wie man sie auf Röntgenbildern sieht, finden sich auch bei Menschen, die gar keine Schmerzen haben", sagt Pfingsten.

Daher ist die körperliche Untersuchung wichtiger als die Bildgebung. Nur so lässt sich erkennen, ob etwa die Muskulatur zu schwach ist oder Muskeln und Bänder zu schlecht zusammenarbeiten. Dabei untersucht der Arzt den Rücken mit den Händen und schaut sich auch den Gang seines Patienten an. Durchleuchtet wird erst, wenn die Untersuchungen einen Hinweis auf körperliche Ursachen geben, so Pfingsten. "Aber mehr als 90 Prozent der chronischen Schmerzpatienten haben eben keinen organischen Schaden. Deshalb gehören diese Patienten auch nicht unters Messer."

Trotzdem wird geschnippelt, was das Zeug hält. "80 Prozent der Patienten, die am Rücken operiert werden, bräuchten gar keine Operation", betont der Bremer Schmerztherapeut Hubertus Kayser, der im Auftrag von Krankenkassen Zweitmeinungsverfahren durchführt. Das liegt nicht nur an den Ärzten, sondern auch an den Patienten, die auf einen Eingriff dringen, weil sie sich davon Rettung erhoffen. So kommt es, dass in Deutschland doppelt so viele Wirbelsäulenoperationen vorgenommen werden wie in England und sogar dreimal so viele wie in Frankreich. Doch am Ende ergeht es den Patienten meist nur schlechter.

Der Zustand der Schmerzmedizin in Deutschland ist eine menschliche und ökonomische Katastrophe", sagt Gerhard Müller-Schwefe. Rückenschmerzen verursachten nicht nur unermessliches Leid, sondern auch Kosten in Höhe von 50 Milliarden Euro pro Jahr. Davon entfällt aber nur etwa ein Viertel auf die Behandlung der Patienten; der Rest wird für Sozialausgaben wie Frühverrentung und Arbeitsunfähigkeit aufgewendet.

Dabei ließe sich aus Müller-Schwefes Sicht vieles leicht besser machen. Das zeige der Erfolg der "Integrierten Versorgungsprogramme" einiger Krankenkassen. Das Wichtige daran: Die Kassen bieten Patienten schon eine multimodale Behandlung an, sobald diese wegen Rückenschmerzen nur vier Wochen krankgeschrieben sind. Wer sich auf das Programm einlässt, kann nach fünf Tagen eine Behandlung in einem Schmerzzentrum beginnen.

Vier oder acht Wochen lang wird er dort täglich mehrere Stunden lang von Schmerztherapeuten, Psychologen und Krankengymnasten betreut. "Danach gehen Studien zufolge 87 Prozent der Patienten wieder arbeiten", sagt Müller-Schwefe, "ohne das Intensivprogramm sind es nur 30 Prozent." Weshalb sich die Programme nicht stärker durchgesetzt haben, ist dem Schmerzmediziner ein Rätsel: "Die Krankenkassen sparen damit sogar - und für die Patienten sind die Maßnahmen ein Segen. Sie werden aus der Isolation zurück ins Leben geholt."