Berlin:Berlin und das Virus: Appelle und wenig Ablenkung

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Test auf Coronavirus. (Foto: Sebastian Gollnow/dpa/Illustration)

Während das Robert Koch-Institut am Mittwoch eindringlich appelliert, Kontakte zu reduzieren, sitzen in Straßencafés der Hauptstadt Menschen bei strahlend...

Direkt aus dem dpa-Newskanal: Dieser Text wurde automatisch von der Deutschen Presse-Agentur (dpa) übernommen und von der SZ-Redaktion nicht bearbeitet.

Berlin (dpa/bb) - Während das Robert Koch-Institut am Mittwoch eindringlich appelliert, Kontakte zu reduzieren, sitzen in Straßencafés der Hauptstadt Menschen bei strahlend schönem Frühlingswetter beieinander. Mindestabstand von 1,5 Meter wegen des Coronavirus? Scheint sich noch nicht überall herumgesprochen zu haben oder wird nicht ernst genommen. Ob in der Bergmannstraße in Kreuzberg, an der Marzahner Shoppingmall Eastgate oder in Prenzlauer Berg - manche Café-Besucher scheinen nicht darauf zu achten, sich einzeln zu setzen. Angst vor Ansteckung mit dem neuartigen Virus sieht anders aus.

„Bitte reduzieren Sie Ihre sozialen Kontakte. (...) Wir brauchen jetzt Vernunft und Solidarität“, wendet sich der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI) Lothar Wieler an die Bevölkerung und warnt vor einem Szenario mit zehn Millionen Coronavirus-Infektionen bis in einigen Monaten. Inzwischen wurden beim RKI knapp 8200 bestätigte Fälle bundesweit gemeldet, gut 1000 mehr als am Vortag. Experten gehen davon aus, dass sich 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung mit dem Virus infizieren könnten, das nur von Mensch zu Mensch übertragen werde.

Im Britzer Garten scheint etwas vom Ernst der Lage angekommen zu sein, aber es geht entspannt zu. Gruppen, die dicht zusammensitzen, sind nicht zu beobachten. „Die Menschen achten darauf, genügend Abstand zu halten, auch auf den Spielplätzen“, sagen zwei junge Mütter. „Ich finde, die Leute verhalten sich hier sehr vernünftig“, meint eine andere Besucherin. Die rund 70 Hektar große Anlage ist am um die Mittagszeit deutlich stärker besucht als an bisherigen Wochentagen. Viel mehr Senioren und Mütter oder Familien mit Kindern als sonst sind im Park unterwegs.

Im Schlosspark Biesdorf sind hingegen nur wenige Menschen anzutreffen, ein paar Jogger, eine Mutter mit Kinderwagen, eine Familie hat die Picknickdecke ausgebreitet. „Wir wollten nicht auf den vollen Spielplatz“, sagt der elfjährige Henri, der später zu Hause noch etwas für die Schule tun müsse. Seine Mutter meint ruhig: „Wir werden uns in die neue Situation reinleben.“ Jeder solle auf sich aufpassen.

Im Volkspark Wilmersdorf räumte die Polizei am Nachmittag einen Park. Alle Leute auf den Wiesen müssen weg, Menschenansammlungen sollten verhindert werden, hieß es. Strafen gab aber nicht. Auf dem Tempelhofer Feld hingegen genießen viele Familien den Frühling, der Abstand zu anderen scheint gewahrt. Polizei ist nicht zu sehen. Und der Volkspark Friedrichshain wirkt fast wie eine Oase. Die Leute gehen spazieren, einige mit Kinderwagen, Spielplatz und Gaststätte sind besucht.

Noch am Dienstag verkündete der rot-rot-grüne Senat, dass die Spielplätze in der Hauptstadt offen bleiben. Doch am Mittwoch schließen die Bezirke Marzahn-Hellersdorf, Reinickendorf, Spandau und Mitte diese Flächen in eigener Regie - aus Sorge um eine Weiterverbreitung des Virus. Marzahn-Hellersdorf bietet Alternativen für Familien an der frischen Luft. „Es wird eindringlich gebeten, diese Alternativen zu nutzen und den nötigen Mindestabstand untereinander zu halten, um die Ansteckung durch die Ansammlung vieler Kinder und Eltern zu verlangsamen“, so das Bezirksamt.

Die CDU fordert indes vom Senat, entschlossener vorzugehen, die Schutzmaßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus reichten nicht. Zusammenkünfte von mehr als fünf Personen sollten unter Androhung von Bußgeldern verboten werden. Ein Krisenstab müsse rund um die Uhr die nötigen Vorhaben koordinieren und umsetzen.

Es bleiben immer weniger Ablenkungen für die Großstädter. Das Shoppen ist nun auch erstmal passé. In den Neukölln Arcaden sind alle Geschäfte außer Apotheke, Drogerien und Supermarkt geschlossen. Zwei junge Männer wollen zum Elektronikmarkt und drehen enttäuscht um, als eine Servicekraft sie auf die Schließung des Ladens hinweist. „Bis 20. April?“ Sie hätten nichts von den Ladenschließungen nichts mitbekommen, sagen sie in gebrochenem Deutsch.

Im Eastgate in Marzahn, einem der größten Einkaufszentren im Berliner Osten, zeigen am Vormittag zwei Blumenverkäuferinnen Trauer. Sie räumen im geschlossenen Laden die restlichen, nicht verkauften Pflanzen sowie Gerbera und Rosen zusammen - alles müsse weg. „Uns blutet das Herz“, sagt die Ältere der beiden Frauen. „Aber wir sind kein Gartenmarkt und müssen dicht machen.“ Am Dienstagabend hätten sie aber noch viel verbilligt verkauft.

Eine Etage höher wird in einem Schuhladen hinter verschlossener Glas-Eingangstür neue Ware sortiert. Das Frühlingssortiment mit bunten Sandalen sei da, sagt die 37-jährige Antje durch den Türspalt. „Wir richten alles so her, dass wir sofort wieder öffnen können“, so die Verkäuferin, deren Kinder derzeit allein zu Hause seien. Die Ungewissheit sei nicht einfach wegzustecken.

Neben den verwaisten Läden warten Mitarbeiter in mehreren Imbissen auf Kundschaft. Einen Gemüsekebab habe heute noch keiner gewollt, sagt der junge Inhaber. Nebenan sagt Doreen Glöde, die etwa Pommes anbietet, es käme nur noch ein Viertel der Leute. „Wir kämpfen um jeden Kunden.“

Ein Ehepaar aus Marzahn findet die Geschäftsschließungen richtig. „Aber an den Flughäfen müsste viel mehr kontrolliert werden“, meinen sie. Eine Rentnerin findet die geschlossenen Läden „reine Hysterie“. Man sollte sich so verhalten wie bei einer normalen Grippe: viel an die frische Luft. „Kinder einzusperren“, finde sie unmöglich, so die 67-Jährige.

Im Prenzlauer Berg berichtet der Chef eines Küchengeschäfts, er arbeite drin mit seinen Kollegen weiter, Kundschaft dürfe aber nicht reingelassen werden. „Wir versuchen durchzuhalten“, betont er. Robert von Kiezradler freut sich, dass die Fahrradwerkstätten offen bleiben dürfen. „Der Staat sagt, wir sollen alle Fahrrad fahren und U-Bahn - das ist mein Vorteil.“ Ein Feinkostgeschäft hat im Eingangsbereich Desinfiziermittel platziert und bittet seine Kunden um Abstand. Vor der Kasse weisen gelbe Linien auf dem Boden darauf hin. Es gebe viel Verständnis, sagt der Chef.

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