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Impfstoffe:Nur die Reichen haben die Wahl

FILE PHOTO: Rwanda to kick off coronavirus vaccination campaign in Kigali

Impfungen gegen Covid-19 in Ruanda: In Afrika wird derzeit fast ausschließlich das Vakzin von Astra Zeneca verwendet.

(Foto: Jean Bizimana/ Reuters)

Die Einschränkungen des Astra-Zeneca-Vakzins offenbaren Ungerechtigkeiten der globalen Impfstoffverteilung. Ärmere Länder wären im Falle von Nebenwirkungen gefährdeter - können aber nicht so leicht verzichten.

Kommentar von Berit Uhlmann

Deutschland empfiehlt den Astra-Zeneca-Impfstoff vorerst nur noch über 60-Jährigen vorbehaltlos. Kanada, Frankreich, Schweden und Finnland haben sich zu ähnlicher Vorsicht entschlossen. In den USA ist das Corona-Vakzin noch immer nicht zugelassen, und nach diversen Irritationen ist fraglich, ob das Produkt dort uneingeschränkt auf den Markt gelangt. Es ist nicht ausgeschlossen, dass andere Länder dem Kurs folgen werden, da der Verdacht sehr seltener, aber schwerer Nebenwirkungen nun einmal in der Welt ist.

Denn in vielen reicheren Ländern gibt es mehr oder weniger ausreichende Alternativen. Deutschland beispielsweise kann nach den aktuellen Plänen im zweiten Quartal dieses Jahres etwa 57 Millionen Impfstoffdosen anderer Hersteller verabreichen. Astra Zenecas Produkt macht nur ein Fünftel der in den kommenden drei Monaten erwarteten Lieferungen aus. Insgesamt hat sich die Bundesregierung weit mehr Dosen gesichert, als sie für alle Einwohner benötigt. Was von den Vakzinen übrig bleibt, kann an ärmere Länder gespendet werden.

Hier fangen Probleme an, die noch gar nicht richtig in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt sind. Für die weniger wohlhabenden Staaten ist der preiswerte Impfstoff von Astra Zeneca momentan die wichtigste Option. In Afrika etwa erfolgen derzeit nahezu 90 Prozent aller Impfungen mit dem Produkt.

Ärmere Staaten müssen im Notfall auf andere Präparate ausweichen können

Gleichzeitig gilt: Wenn man von einem Thrombose-Risiko bei jüngeren Geimpften ausgeht, dann wären die Folgen in den ärmeren Regionen deutlich größer. Die Bevölkerungen dort sind im Durchschnitt jünger, die Zahl der Gefährdeten ist also besonders hoch. Dagegen sind die Kapazitäten zur Überwachung und Behandlung eventueller Nebenwirkungen eingeschränkt. Wohlgemerkt, bislang geht es nur um Befürchtungen und nicht um bestätigte Risiken.

Aber allein der Verdacht, dass reichere Länder ein Produkt, dass ihnen trotz all ihrer medizinischen Möglichkeiten als nicht ausreichend sicher erscheint, in ärmere Länder abschieben, muss unbedingt vermieden werden. Er wäre quälend, wäre verheerend - nicht nur für die weitere Entwicklung der Pandemie, sondern für das gesamte Vertrauen in die Bemühungen zur globalen Gesundheit.

Die in Deutschland so hitzig diskutierten Befürchtungen müssen daher ein Anlass sein, den Blick nicht allein auf nationale Thrombose-Statistiken zu richten, sondern auch auf die gigantische Gerechtigkeitslücke der globalen Impfstoffverteilung. Die ärmeren Staaten haben nicht nur viel zu wenig Vakzine; in ganz Afrika waren bis Mitte März nur 1,7 Prozent der Menschen geimpft. Sie haben auch sehr viel weniger Möglichkeiten, Impfprobleme schnell zu erkennen und zu bewältigen. Sie müssen daher dringend in die Lage versetzt werden, im Notfall ebenso auf alternative Präparate ausweichen zu können wie andere Staaten. Größtmögliche Sicherheit und Flexibilität dürfen keine Privilegien des globalen Nordens sein.

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