Streit um neuen Bundesbank-Chef "Der Kollege ist einfach nur beleidigt"

Zoff im akademischen Elfenbeinturm: Der ursprüngliche Doktorvater des künftigen Bundesbank-Chefs Jens Weidmann ätzt, der sei "der Aufgabe nicht gewachsen" - der echte Doktorvater schlägt zurück.

Interview: Johannes Aumüller

Es ist die Stunde der Doktorväter: Der Doktorvater von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, der Bayreuther Staatsrechtler Peter Häberle, verteidigt seinen Schützling trotz der vielfachen Plagiatsvorwürfe. Und rund um den künftigen Bundesbank-Chef Jens Weidmann ist zwischen dessen ursprünglichem und dessen tatsächlichem Doktorvater ein heftiger Streit im Gange.

Jens Weidmann ist der kommende Bundesbank-Präsident.

(Foto: dpa)

Weidmann sei ein "farbloser Technokrat" und "der Aufgabe nicht gewachsen", sagt der Mannheimer Wirtschaftsprofessor Roland Vaubel. Bei Vaubel hatte der heute 42-Jährige ursprünglich seine Promotion begonnen, war dann aber zurück zu seiner ursprünglichen Uni Bonn gewechselt und promovierte bei Manfred Neumann über Geldpolitik.

Vaubel bestreitet im Gespräch mit sueddeutsche.de, dass seine Einschätzungen irgendetwas mit dem Wechsel Anfang der neunziger Jahre zu tun hätten. "Das war sein gutes Recht", sagt er. Der tatsächliche Doktorvater Neumann aber empört sich über den ursprünglichen Doktorvater.

sueddeutsche.de: Herr Professor Neumann, Ihr Kollege Roland Vaubel, der anfängliche Doktorvater von Jens Weidmann, hat den künftigen Bundesbankchef massiv kritisiert. Was sagen Sie als tatsächlicher Doktorvater zu diesen Vorwürfen?

Manfred Neumann: Der Kollege Vaubel ist beleidigt. Der hat noch eine Rechnung offen, weil er damals gerne Doktorvater geworden wäre, aber ich ihm den Jens abgeworben habe.

sueddeutsche.de: Das bestreitet Herr Vaubel. Aber wie sah die Abwerbung konkret aus?

Neumann: Herr Weidmann hat bei uns in Bonn studiert und bei mir die Diplomarbeit geschrieben. Nachdem er die Arbeit abgegeben hatte, schaute er sich anderswo schon nach wissenschaftlichen Stellen um. Aber als ich dann die Diplom-Arbeit gelesen hatte, habe ich gesagt: Wo ist der Bursche? Den müssen wir haben!

sueddeutsche.de: Doch da hatte er schon ein Jahr lang eine Stelle in Mannheim bei Herrn Vaubel.

Neumann: Das stimmt. Ich habe damals einen Vortrag bei den Ökonomen in Mannheim gehalten und Herrn Weidmann überzeugt, wieder nach Bonn zu kommen. Und zum Kollegen Vaubel habe ich gesagt: Sie sind doch immer für Marktwirtschaft und Wettbewerb. Ich bin das auch, und jetzt akzeptieren Sie mal, für wen sich der Jens entschieden hat.

sueddeutsche.de: Und wie haben Sie den Jens geködert?

Neumann: Den brauchte ich nicht groß zu ködern. Der hatte ja bei mir studiert und kannte mich, er wusste bloß nicht, dass da eine Stelle offen war. Und ich habe zu spät gemerkt, wer mir da durch die Lappen ging. Fast zu spät.

sueddeutsche.de: Vaubel schimpft Weidmann einen "farblosen Technokraten" und sagt, dieser sei "der Aufgabe nicht gewachsen".

Neumann: Nein, es gibt derzeit keinen Besseren als ihn. Vaubel hätte das so nicht formulieren dürfen. Ich meine, wenn er damals zu diesem Schluss kam, ist das ja das eine. Aber es geht einfach nicht, dass er diese Meinung auch jetzt noch so vertritt, obwohl er ihn seit 17 Jahren nicht gesehen hat. Ich habe Weidmann seitdem oft gesehen.

sueddeutsche.de: Welche inhaltlichen Schwerpunktsetzungen erwarten Sie sich?

Neumann: Erstens, dass er Axel Webers Linie in Bezug auf die Stabilität des Geldes weiterführt. Da habe ich auch keinen Zweifel, er kommt aus derselben Schule. Zweitens hoffe ich, dass er den Weg der Verwissenschaftlichung in der Geldpolitik weiter fortsetzt. Ich habe auch Grund zu dieser Annahme, weil er in seiner Zeit als Generalsekretär des Sachverständigenrates (von 1999 bis 2003; Anm. d. Red.) dort moderne Methoden empirischer Forschung eingeführt hat und die Gutachten des Rates seitdem wissenschaftlich viel besser geworden sind.

sueddeutsche.de: Aber Sie können zwei Argumente nicht ignorieren. Erstens seine bisherige Nähe zu Angela Merkel, ...

Neumann: ... Entschuldigen Sie, dass ich Sie unterbreche. Aber kennen Sie Thomas Becket?

sueddeutsche.de: Den englischen Lordkanzler und späteren Erzbischof aus dem Mittelalter? Den beschlagnahmt gerade jeder Verteidiger des Weidmann-Wechsels für sich.

Neumann: Ja, genau den und der ist auch ein sehr gutes Beispiel. Er diente zuerst dem König gegen die Kirche, dann der Kirche gegen König, und immer hochmotiviert. Becket ist das beste Beispiel dafür, dass das Handeln des Menschen bestimmt wird durch die Bedingungen. So ist das auch bei Weidmann. Die bisherige Nähe zu Merkel ist kein Problem.

sueddeutsche.de: Und was ist mit seinem Alter? 42 ist für einen Bundesbankchef nun wirklich sehr jung.

Neumann: Das ist kein Argument. Ich habe Ihnen ja schon einmal gesagt, dass ich, und im Grund auch Herr Vaubel, Vertreter von Marktwirtschaft, Wettbewerb und Leistungsgedankem sind. Da sollte also auch beim Bundesbank-Präsidenten nur die Fähigkeit und nicht das Alter eine Rolle spielen.

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