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Messenger-Apps:Das Whatsapp-Beben

WhatsApp

Das Icon von Whatsapp auf einem Smartphone-Bildschirm.

(Foto: Arno Burgi/dpa)

Nach viel Kritik an der Einführung der neuen Datenschutzregeln ruft auch noch Jan Böhmermann zum Boykott auf. Die Messenger-App versucht, ihre Nutzer zu halten und reagiert kurzfristig.

Von Jannis Brühl

Was ein Unternehmen zum Start ins Wochenende wenig gebrauchen kann, ist ein Boykottaufruf durch Jan Böhmermann. Der TV-Moderator forderte von seinen 2,2 Millionen Twitter-Followern: "Löscht Whatsapp! JETZT!" Aber den Schmerz spüren sie bei Whatsapp eventuell gar nicht mehr, bei den vielen negativen Nachrichten der vergangenen Tagen. Ein veritabler Nutzeraufstand beschädigt die Erfolgsgeschichte der meistverbreiteten Messenger-App der Welt. Nun hat das Unternehmen reagiert und die Frist für die Zustimmung der neuen Datenschutzregeln bis zum 15. Mai verlängert.

Weil Whatsapp Nutzer beim Öffnen der App aufgefordert hatte, bis 8. Februar seinen geänderten Datenschutzbestimmungen zuzustimmen oder aus der App zu fliegen, sind einige Nutzer zur Konkurrenz geflüchtet. Sie vermuten, dass ihre Daten nicht mehr sicher sind, weil Whatsapp sie mit seiner Konzernmutter Facebook teilen könnte. Apps wie Signal, Threema und Telegram profitieren. Sie versprechen ihren Nutzern mehr Privatsphäre und haben im Gegensatz zu Whatsapp keinen datenhungrigen Konzern im Rücken, wobei die Stärke von Telegrams Sicherheitsmechanismen umstritten ist. Ob Whatsapp tatsächlich in nennenswertem Umfang Nutzer verloren hat, wollte eine Sprecherin auf Nachfrage nicht sagen.

Indizien dafür gibt es jedoch. Die konkurrierenden Apps Signal, Telegram und Jitsi liegen in den Stores in der Kategorie der Gratis-Apps nun vor Whatsapp. Die täglichen Downloads von Signal haben sich Reuters zufolge in einer Woche verachtzehnfacht. Während Whatsapp der Financial Times zufolge 14 Prozent weniger Downloads im Google Play Store verbuchen konnte als in der Vorwoche, verdoppelte sich diese Zahl bei Telegram.

Anekdoten von aus Whatsapp Geflüchteten gibt es zuhauf. Nutzer berichten auch, ihre lange in Whatsapp etablierten Familienchats seien komplett zur Konkurrenz umgezogen. Aber ist die Unruhe unter Messenger-Nutzern gerechtfertigt?

Whatsapp beteuert, für Nutzer in der EU ändere sich in der Praxis gar nichts. "WhatsApp teilt weiterhin keine Nutzerdaten aus der europäischen Region mit Facebook zur Verbesserung von Facebook-Produkten oder -Werbeanzeigen", so eine Sprecherin. Tatsächlich ist zum Beispiel das Gerücht falsch, dass Whatsapp und Facebook auf Inhalte von Chats zugreifen können. Das verhindert die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung. Sicher ist: Whatsapp erfasst Verbindungsdaten: Wer also wann mit wem chattet oder telefoniert. Wie genau es die mit Facebook teilt und ob es dem Konzern so noch detailliertere Persönlichkeitsprofile über Menschen ermöglicht, bleibt aber unklar. Was genau mit den Daten passieren kann, ist in den Datenschutzbestimmungen so verwirrend dargestellt, dass Behörden einschreiten.

Der Hamburgische Datenschutzbeauftragte Johannes Caspar sagte der SZ: "Tatsächlich werden die Daten von Whatsapp an Facebook weitergegeben. Es bleibt völlig intransparent, was damit im Hintergrund geschieht." Er habe das Thema im Europäischen Datenschutzausschuss angesprochen, in dem sich die obersten EU-Datenschützer abstimmen. "Ich habe meine irischen Kollegen aufgefordert, die Rechtmäßigkeit der geplanten Weitergabe von WhatsApp-Daten an Facebook genauestens zu überprüfen." Facebooks Europa-Sitz ist in Irland.

© SZ
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