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Chat-App:Das Telegram-Prinzip

Die App Telegram wird immer beliebter.

(Foto: Alexander Nemenov/AFP)

Wenige Projekte profitieren so vom Unbehagen an digitaler Überwachung wie die Chat-App. Telegram gilt als subversive Variante von Whatsapp und zieht auch Corona-Verschwörungsgläubige an.

Von Jannis Brühl

Wer die App Telegram herunterlädt, wird staatstragend begrüßt. Für wichtige Informationen zu Covid-19 solle man dem offiziellen Kanal des Bundesgesundheitsministeriums beitreten. So steht es in der ersten Nachricht, die ein Neuling erhält. Diese Informationen dürften wenig Anklang finden in jener Gruppe von Nutzern, die sich seit Wochen auf ebenjener App ballen: den Gegnern von Impfungen und einer vermeintlichen "Gesundheitsdiktatur" sowie anderen Verschwörungsgläubigen.

In Telegrams privaten Gruppen und öffentlichen Kanälen mobilisieren sie für Demos, auch mit Unwahrheiten: Zwangsimpfungen stünden an, um Menschen Chips zur Überwachung in den Körper zu schießen. Für sie ist Telegram das Zentrum des deutschen Widerstandes, auf andere mag die App wie ein Durchlauferhitzer wirken, in dem sich Menschen gegenseitig immer tiefer in ihre Paranoia hineintreiben. Tatsächlich dürfte Telegram das erfolgreichste Projekt sein, das dem Unbehagen an kommerzieller Überwachung durch das Silicon Valley und staatlicher Überwachung durch Polizei und Geheimdienste Rechnung trägt. Mit 400 Millionen Nutzern liegt die App auf Platz drei der Chat-Programme hinter Facebooks Messenger und Whatsapp (die zwei großen ostasiatischen Apps Wechat und QQ ausgenommen).

Auf Telegram gibt es private Gruppen wie auf Whatsapp, aber auch eine halb-öffentliche Sphäre wie auf Facebook. Whatsapp hatte vor einiger Zeit ein Limit von 256 Mitgliedern pro Gruppe eingeführt, um die Verbreitung von Desinformation zu bremsen. Auf Telegram liegt die maximale Gruppengröße bei 200 000. In Telegrams "Kanälen" gilt gar keine Beschränkung. Im Unterschied zu den Gruppen können Teilnehmer den Gründern eines Kanals nicht direkt antworten, aber deren Beiträge weiterverbreiten. Diese Chat-Einbahnstraßen werden auch von den Wortführern des unseriösen Teils der Bewegung gegen die Anti-Corona-Maßnahmen genutzt: der Sänger Xavier Naidoo, der Koch Attila Hildmann, die ehemalige Tagesschau-Sprecherin Eva Herman. Hildmann verkündet dort etwa, der Virologe Christian Drosten sei "DER GOEBBELS VON GATES". Eine Auswertung des Politikwissenschaftlers Josef Holnburger ergab: Zehntausende folgen diesen Kanälen, ihre Mitgliederzahl hat sich seit Anfang April verdreifacht. Um die Kanäle dieser Influencer herum hat sich ein Ökosystem kleinerer Gruppen entwickelt, in denen sich zehntausende Gegner der staatlichen Maßnahmen mit Slogans, Links und Videos gegenseitig anheizen. Angela Merkel heißt bei einigen hier nur "Merkill".

Herunterladen als subversiver Akt

Vielen gilt allein das Herunterladen der App als subversiver Akt. Das ist ganz im Sinne des Firmengründers Pawel Durow. Der heute 35-Jährige gründete das Unternehmen 2013 in Russland mit seinem Bruder, dem Mathematiker Nikolai. Durow denkt libertär, Staaten sind für ihn Monster, die dem Einzelnen seine Freiheit nehmen wollen. Durows politische Einstellung ist auch seine PR-Strategie. Er verspricht: Nur bei Urheberrechtsverletzungen, Terrorpropaganda und Kinderpornografie helfe er der Polizei. Gehe es um Politik, spielten "lokale Beschränkungen der Redefreiheit" keine Rolle. Das bedeutet in der Praxis, dass anders als auf Facebook problemlos der Holocaust geleugnet werden kann. Telegram ignoriert das entsprechende deutsche Verbot. Das in den vergangene Jahren mühsam aufgebaute System zur juristischen Kontrolle sozialer Medien wie Facebook oder Twitter greift auf Telegram nicht.

Durows Versprechen ziehen Leute an, die anonym kommunizieren wollen. Das hat Telegram zum Mobilisierungs-Werkzeug für Rechtextremisten gemacht und zum Basar für Drogenhändler, die in Gruppen ihre Ware anpreisen ("Selbst gemachte Moonrocks aus Atomical Haze, Lemon Haze, THC Öl und einem Haschisch Kern?") Das Argument, auf Telegram gebe es keine Zensur oder Strafverfolgung, zieht. Dass Durow nicht gänzlich immun gegen politischen Druck ist, zeigt das Beispiel Terrorpropaganda. Seit den Anschlägen von Paris geht Telegram verstärkt gegen Rekrutierer des "Islamischen Staates" vor und kooperiert dazu auch mit Europol.

Allerdings wüssten deutsche Polizisten wohl gar nicht, wer der Ansprechpartner des Unternehmens hierzulande ist. Durow hält Details zur Organisation des Betriebs bewusst vage. Als Telegram vor wenigen Jahren Berlin als Sitz angab, fanden Journalisten bei der Suche nach Büros des Unternehmen in der Hauptstadt: nichts. Heute betreiben Durow und sein Team Telegram von Dubai aus. In der dortigen Wüste lässt sich der Gründer auch mal mit nacktem Oberkörper für sein Instagram-Konto fotografieren. Die Ansprechpartner, die Telegram im Netz nennt, reagierten auf Anfragen der SZ nicht.

Ruf politischer Unabhängigkeit

Den Ruf politischer Unabhängigkeit hat sich Durow erarbeitet, indem er es sich mit der Regierung in seiner Heimat Russland verscherzte. Dort gründeten er und Nikolai 2006 den Facebook-Klon VKontakte, auf dem die Opposition während der Protestbewegung gegen Wladimir Putin 2011 aktiv war. Durow hat erklärt, der Geheimdienst habe ihm deshalb so viel Druck gemacht, dass er seinen Anteil am Netzwerk verkaufte. Mit den angeblich 300 Millionen Dollar, die er dafür bekam, betreibt er Telegram - ohne Gewinnabsicht, wie er sagt. Was die Frage aufwirft, wie der teuer zu betreibende Dienst weiterexistieren soll, wenn Durows Geld alle ist. Telegrams Versuch, ein Blockchain-Netzwerk à la Bitcoin einzuführen und mit dem Verkauf einer zugehörigen "Kryptowährung" die App zu finanzieren, scheiterte vor einer Woche. Die US-Börsenaufsicht das Projekt hielt das Projekt für illegal. Das Unternehmen muss Investoren nun ihr Geld zurückzahlen.

Als VKontakte-Chef wurde Durow noch als "Russlands Mark Zuckerberg" gefeiert. Wie er sich in seinem Blog an der mangelnden Sicherheit seines Hauptkonkurrenten, der Facebook-Tochter Whatsapp, abarbeitet, lässt darauf schließen, dass er den Zuckerberg-Vergleich nicht mehr gerne hört. In seinen seltenen Interviews stellt er sich lieber in eine Reihe mit Edward Snowden ("Mein persönlicher Held").

Telegram wirbt auch mit seiner schwer zu knackenden Verschlüsselung. Wer Nachrichten abfängt, soll sie nicht lesen können. Fachleute kritisierten Telegrams Technik aber seit längerem. Denn die Geheimniskrämerei bei der Firmenstruktur setzte sich lange in der Software selbst fort. Erst seit Ende 2019 erleichterte Telegram es Fachleuten, den komplizierten Programmcode der App eingehend zu überprüfen. Nur quelloffene Software gilt als nachprüfbar sicher, weil jeder Experte ihren Code nach Schwachstellen abklopfen kann. Jörg Schwenk, Professor für Netz- und Da­ten­si­cher­heit an der Ruhr-Universität Bochum, sagt, die Telegram-Verschlüsselung nutze ein Verfahren von 1978. "Da wird plötzlich was aus der Mottenkiste geholt, das nicht breit getestet wurde." Allerdings sei auch der Konkurrent kein Vorbild: "Whatsapp verschlüsselt völlig unsichtbar, deshalb kann der Nutzer nicht merken, ob plötzlich was fehlt." Mit einem Update könne Whatsapp die Verschlüsselung schlagartig abschaffen.

Dominique Schröder, Professor für Angewandte Kryptographie an der Friedrich-Alexander-Universität in Nürnberg, sagt: "In Telegram ist Ende-zu-Ende-Verschlüsselung optional und sie muss explizit angeschaltet werden, Gruppen-Chats sind generell nicht verschlüsselt." (Nach Veröffentlichung dieses Artikels meldete sich doch noch ein Telegram-Sprecher und verwies darauf, dass Chats bereits standardmäßig verschlüsselt seien. Dabei handelt es sich allerdings lediglich um Verschlüsselung zwischen dem Nutzer und den Telegram-Servern, nicht um die starke Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, die Nachrichten für wirklich alle außer den Chat-Teilnehmern unlesbar macht. Diese Passage wurde entsprechend präzisiert.)

Trotz dieser beschränkten Verschlüsselungstechnik erklärt auch die Organisation Reporter ohne Grenzen, die sich für die Pressefreiheit einsetzt, dass Telegram "in autoritären und unfreien Staaten ein wichtiges Medium zum Austausch unabhängiger Informationen darstellt".

Fest steht, dass die Covid-19-Pandemie bei den Betreibern von Telegram keine Krisenstimmung auslöst. Sie schreiben in ihrem Blog, die App habe zuletzt jeden Tag 1,5 Millionen neue Mitglieder hinzu gewonnen.

© SZ/mxm/magi
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