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Nach dem Sturm auf das Kapitol:Doxxing für die gute Sache

USA: Sturm auf das US-Kapitol am 6. Januar 2021

Ein Mob aus Trump-Unterstützern stürmte am 6. Januar das Kapitol in Washington.

(Foto: REUTERS)

Neben Polizisten suchen auch Netzaktivisten nach den vermeintlichen Rebellen des Sturms auf das US-Kapitol - und veröffentlichen deren Namen. Es gibt bereits Kollateralschäden.

Von Michael Moorstedt

Der 6. Januar 2021, der Tag der Erstürmung des US-Kapitols in Washington durch fanatische Trump-Anhänger, wirkt nach. Während die neue Regierung ihre Arbeit aufnimmt, sind die Strafverfolgungsbehörden nicht die Einzigen, die mit der Aufarbeitung der Bilder des Mobs beschäftigt sind, der dort wütete. Auch zahlreiche Online-Laien versuchen systematisch, die Täter zu identifizieren und zur Rechenschaft zu ziehen. Zentrales Organ der Suche dabei ist - wie gesagt nur unter anderen - ein Instagram-Account mit dem Namen "homegrownterrorists". Mittlerweile wird er von beinahe 400 000 Nutzern abonniert.

Hier werden mögliche Identitäten kolportiert, Namen zusammengetragen und mit Gesichtern verknüpft. Die Ergebnisse der Privatrecherchen werden dann entweder an die Polizei weitergeleitet oder gleich ohne weitere Skrupel online veröffentlicht. In einigen Fällen ist die Detektivarbeit dabei gar nicht so schwierig. Immerhin haben die Möchtegern-Aufständischen bei ihrer Randale teilweise lauthals ihren Namen, Beruf und Wohnort in die laufenden Smartphone-Kameras geschrien. Eine texanische Immobilienmaklerin nutzte die Gelegenheit gar, um ihre Firma zu bewerben.

Heiligt der gute Zweck wirklich alle Mittel?

Doxxing nennt sich diese Praxis, Offline-Identitäten ins Netz zu stellen. Auf der Rangliste für zivilisiertes Online-Verhalten wird es im Allgemeinen in die unterste Schublade einsortiert, es gilt als kaum weniger schlimm als Cyber-Mobbing. Aber schließlich geht es hier ja um die gute Sache, oder? Gibt es also so etwas wie ethisches Fehlverhalten? Um diese Frage ist in der Gemeinschaft von Internet-Extremismus-Forschern eine heiße Debatte entbrannt.

Letztendlich geht es um die sehr alte Frage, ob der Zweck alle Mittel heiligt. Während das eine Lager darauf hinweist, dass es auch hier Grenzen zu geben habe, beruft sich der zweite Teil auf die moralische Verantwortung, Feinde der Zivilgesellschaft bloßzustellen. Selbstverständlich aber sei bei der Verifikation mit absoluter Gewissenhaftigkeit vorzugehen.

Genau daran scheint es jedoch zu hapern. Jedenfalls wird bereits von ersten Kollateralschäden berichtet. Ein pensionierter Feuerwehrmann aus Chicago, der während der Geschehnisse den Geburtstag seiner Frau feierte, wurde ungerechtfertigterweise beschuldigt, während des Aufstand mit einem Feuerlöscher auf Sicherheitskräfte eingedroschen zu haben. "Die Geschichte hat mein Leben kaputtgemacht", zitieren ihn nun Lokalmedien.

Es ist schließlich nicht das erste Mal, dass Internetnutzer im Namen des Gesetzes die Falschen verdächtigen. So machte man sich schon nach dem Bombenanschlag auf den Boston-Marathon im Jahr 2013 auch online auf die Suche nach dem Täter. Sämtliche öffentlich zugänglichen Videoaufnahmen wurden von zahlreichen Reddit-Usern ausgewertet, und schon bald waren sie sich sehr sicher, den Verantwortlichen aufgespürt zu haben. Sämtliche private Informationen des falsch Verdächtigten wurden im Internet veröffentlicht - noch Wochen später erhielt die Familie Todesdrohungen. Die Episode ist inzwischen das Paradebeispiel für fehlgeleitetes Vigilantentum.

Doxxing ist nicht das einzige Werkzeug aus dem Online-Giftschrank, das benutzt wird, um Trump-Anhänger mit den Konsequenzen ihres Handelns zu konfrontieren. Die Täter sollen ihren Verrat auch finanziell büßen. Betroffen ist unter anderem der Kissenhersteller "Mypillow", dessen Chef Mike Lindell sich in den vergangenen Monaten als treuer Trump-Anhänger und hartgesottener Verschwörungstheoretiker präsentierte. Lindell sprach unter anderem bei der Kundgebung in Washington, die zum Sturm auf das Kapitol führte. Nun werden seine Produkte in allen gängigen Online-Shops gnadenlos mit den niedrigsten Bewertungen versehen.

Review-Bombing nennt sich diese Praxis, und auch dadurch bekommen Unbeteiligte den Zorn der Menge ab. Da ist zum Beispiel eine Frau, die das Pech hat, mit der aufständischen Trump-Maklerin nicht nur Vor- und Nachnamen zu teilen, sondern auch den Beruf. Dass die zweite Immobilienfachfrau aber im kanadischen Ontario lebt und arbeitet, fiel den Instagram-Kriminalisten erst auf, als ihre Facebook-Seite bereits mit wüsten Beschimpfungen vollgekleistert war. Man entschuldigte sich halblaut und zog weiter.

© SZ/beg
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