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Musik und Künstliche Intelligenz:Die Summe der Schönheit

Wenn Künstliche Intelligenzen malen: So sieht der „Deep Dream Generator“ Joseph Karl Stielers Beethovenporträt als Pop Art.

(Foto: Deep Dream Generator/gemeinfrei)

Was Beethoven einst begann, soll eine Künstliche Intelligenz nun fertig schreiben: die unvollendete 10. Symphonie. Immer häufiger sind es Maschinen, die Bilder malen, Sonaten komponieren, Bücher schreiben.

Pierre Barreau ist ein Wunderkind in allen Welten - in den analogen wie digitalen. Der heute 25-jährige Ingenieur komponiert, programmiert, schreibt Drehbücher, filmt, führt Regie und ist Gründer des Unternehmens AIVA Technologies mit Sitz in Luxemburg. Natürlich besagen Umtriebigkeit und Charme wenig, aber die Kombination macht ihn zum Darling auf Ted-Konferenzen. Dort hielt er im Sommer vor einem Jahr einen Vortrag, der die Errungenschaften der von ihm entwickelten Aiva vorstellte.

Sie ist eine künstliche Intelligenz (KI), die darauf spezialisiert wurde, Musik zu komponieren, etwa Werke im Geist großer historischer Vorbilder. Aiva bringt auch mal zu Ende, was ein Künstler unfertig hinterlassen hat. So hat diese KI ein Stück für Klavier des vor 115 Jahren gestorbenen Antonín Dvořák vollendet, das von den Prager Philharmonikern unter dem Dirigat von Emmanuel Villaume im November ... was eigentlich? Uraufgeführt wurde?

Aiva steht für "Artificial Intelligence Virtual Artist", Barreaus Start-up für KI-Musik bietet die Schöpfungen seiner virtuellen Künstlerin für Filme, TV, Werbung und Videospiele seit 2016 erfolgreich an. Sein Unternehmen ist keineswegs allein, die Konkurrenz schläft auch hier nicht. Die nie fertiggestellte zehnte Sinfonie von Gustav Mahler etwa wurde von einem intelligenten Algorithmus, dem MuseNet, am Ars Electronica Futurelab vollendet und in diesem Herbst in Linz konzertant zur Aufführung gebracht. MuseNet ist eine autonom agierende KI, die kompositorisch alles beherrscht: von Mozart über Country bis zu den Beatles. Und Huawei ließ Schuberts unvollendete Achte vollenden, die im Februar in London aufgeführt wurde.

KI in der Klassik

Rasterfahndung: Die KI von Pierre Barreau zerlegt die Musik von Antonín Dvořák.

(Foto: Pierre Bardeau)

Gerade meldet die Deutsche Telekom, deren Hauptsitz sich in Bonn befindet, dass man eine eigene KI auf die unvollendete 10. Sinfonie Ludwig van Beethovens, des berühmtesten Sohnes der Stadt, angesetzt hat, um mithilfe von Methoden des Machine Learnings aus des Komponisten musikalischen Skizzen ein vollständiges Werk synthetisieren zu lassen. Im kommenden Frühjahr hat es Premiere.

Wie geht das? Und: Sind dies Kompositionen, die mit den Originalen mithalten und den Werken der alten Meister "auf Ohrhöhe" begegnen können?

Eine erste Antwort gibt der smarte Barreau in seinem Ted-Vortrag, der - wie alle anderen Entwickler bei solchen Gelegenheiten - gleich am Rad der großen Zahl dreht. Mehr als 30 000 originale, sprich: menschengemachte Notensätze müssen bei ihm für ein "Neuwerk" maschinenlesbar gemacht und verschlagwortet werden, damit sie von Aiva nach Harmonie, Rhythmus und Stil analysiert werden. Um neue Musik komponieren zu lassen, das ist eine erste Faustregel, braucht man die alte.

Sehr viel von der alten, und sie muss KI-bekömmlich in einer Matrix-Form eingespeist werden. Die Datenberge beinhalten dann etwa alle Werke eines Komponisten, die Werke seiner Epoche oder Werke eines Stils oder Genres. Mit Musik hat das erst einmal nichts mehr zu tun. Es ist ein Rauschen, die Kakofonie aus den Werken aller Zeiten und Kulturen, Stilen und Komponisten - gleichzeitig gespielt.

Doch für Computer, genauer: für neuronale Netzwerke, die hier zum Einsatz kommen, gibt es kein größeres Glück als das der großen Zahl. Sie lernen, im Datenberg künstlerische Konzepte zu erkennen, die sie in Hierarchien ordnen. Was die Technologie unseres Jahrtausends revolutioniert hat, ist: sie können dies auch ohne Vorwissen, sie bringen es sich selbst bei.

KI-Computerverbünde sind Rasterfahnder, die in großen Daten Muster entdecken, seien es individuelle Besonderheiten und Ticks, seien es die großen Kompositionsgesetze. Sie finden Harmonielehren wie schrullige Idiosynkrasien. Regeln wie Abweichungen. Und auf Grundlage dieser Muster extrapolieren sie, was nach einer Notensequenz als nächstes kommen könnte. Müsste. Sollte. Sie sind nicht genial, sie sind nicht kreativ. Sie können nur rechnen.

Eine KI-Komposition ist ein proof of concept, eine errechnete Hypothese auf Basis von Big Data. Sollte sie sich als tragfähig erweisen, dann erstellen die Rechner Sets von Regeln, nach denen wahrscheinlich in einem bestimmten, epochalen oder individuellen Stil komponiert wurde. In der Klassik ermittelt dieses Verfahren dann also etwas wie die Beethoven-, Bruckner,- oder Mahler-Formel.

2018 versteigerte Christie's ein KI-Gemälde für 432 500 Dollar

Die Form der autonom ablaufenden mathematischen Näherungen an ein neues Werk gehört zum Prinzip des Deep Learning. Denn Menschen haben es den Rechnern überlassen, sich selbst schlauzumachen. Was auch bedeutet, sie wissen nicht, was genau sich in den Netzwerken abspielt, wie sie zu ihren Ergebnissen kommen. Einen Beethoven programmiert man nicht, heißt das dann aber eben auch.

Mit Deep Learning, das für ein Werk bis zu hundert Millionen einzelne Parameter in der Matrix berücksichtigt, lassen sich auf allen möglichen Feldern Muster finden und fortführen, nicht nur der Kreativität. Das berühmteste Beispiel ist das "Porträt von Edmond Belamy". Ein errechnetes Gemälde im Geist des ausgehenden 19. Jahrhunderts, das Christie's 2018 für 432 500 Dollar versteigerte. Es lassen sich also mit der gleichen Methode Bilder malen, Handschriften erkennen, Sonaten komponieren, Bücher schreiben und auch bösartige Krebszellen auf einem Röntgenbild diagnostizieren. Kein Wunder also, dass die Bonner Beethoven-Programmierer eine KI zur Erkennung von Textbedeutung modifiziert haben, um zu ihrer Version der 10. Sinfonie zu gelangen.

All das kann nur funktionieren, wenn es eine Richterinstanz gibt, die jedes Zwischenstadium auf dem Weg zur Vollendung beständig prüft. Dann macht die KI im nun approbierten Sinne weiter, und verwirft alle als falsch eingestuften Vorschläge. Dieses Richteramt bekleiden im Fall der Bonner Beethoven-Vollendung menschliche Experten. Dieses Verfahren macht die Computerkompositionen mit jedem Approbationsschritt genauer, Beethoven-wahrscheinlicher und vor allem: menschlicher. Es macht sie aber nicht automatisch besser und schon gar nicht authentisch. Denn es kann ja auch ein antagonistisches Computersystem darauf angesetzt werden, dieses Richteramt zu übernehmen. Man kann ihm dann die Prüfung dessen überlassen, was die protagonistischen Systeme erarbeiten. Das geht auch wesentlicher schneller. Produktiv werden Netzwerke aber nur dann, wenn dieselbe Intelligenzstärke prüft, mit der auch hergestellt wird. Das klingt tautologisch, ist es auch.

Es stecken Paralleluniversen der Musik in der Retorte

Denn woher soll der Prüf-Algorithmus seine Kompetenz nehmen, wenn nicht aus den Mustervorlagen, nach denen der Produzent vorgeht? KI-Kreation ist ein guessing game von zwei sich belauernden Trickstern. Der eine weiß nicht, ob sein Vorschlag durchgeht, der andere nicht, ob dieser Vorschlag nicht sogar plausibel sein könnte. Man nähert sich so allmählich an.

Jede dann gefundene Lösung ist darum nur eine von vielen. Pierre Barreau etwa will das ausnutzen, um individuelle Lebensmusiken für jeden einzelnen Menschen anfertigen zu lassen, variabel nach Stimmung, Notendichte, Epoche oder Stil. Mehr als 30 Kategorienlabel, nach denen Kompositionskandidaten eingespeist und begutachtet werden, hat er bereits für die Musikgeschichte vergeben. Danach lassen sich Musiknarrative schier unendlich fortführen. Denn hat ein System erst einmal seinen "Stil" gefunden, kann es sein Sujet nahezu unendlich variieren. Es stecken Paralleluniversen der Musik in der Retorte. Ist KI dann also kreativ?

Niemals. Denn Schöpfung geschieht hier a posteriori, destilliert aus einem zwar gigantischen, aber bereits vorhanden und approbierten Musikkorpus. Dessen Set an Regeln werden mit jedem neuen KI-Werk nur anders angewandt. So entsteht immer anderes, aber nie etwas wirklich Neues. Die Werke der künstlichen Intelligenzen mögen imponieren, aber sie bereichern die Kunst nicht. Ihnen fehlen Überschuss und Ausbruch aus dem Bekannten, mit einem Wort: Genialität. Einprogrammierte Überraschungen sind keine mehr.

Wenn im Frühjahr eine 10. Sinfonie in Bonn vorgestellt werden wird, dann wird sie vermutlich berückend schön sein. Aber sie ist nicht von Beethoven. Sie ist die hochkomplexe Synthese aus all seinen alten Sinfonien, aber kein neues Werk. Er hätte sie ganz anders komponiert. Sicher. Das wird jede künstliche Intelligenz bestätigen.

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