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Island:In der Inselkälte rattern die Bitcoin-Server

Polarlicht über dem Westen Islands: Die abgelegene Insel verschlief zwei industrielle Revolutionen, in der digitalen ist sie dagegen fortschrittlicher als Deutschland.

(Foto: AP)

Islands Rechenzentren sind ein Symbol dafür, dass dort alle die Digitalisierung verstanden haben. Deutschland wirkt dagegen wie ein Entwicklungsland.

Von außen wirken die grauen Flachbauten wie überdimensionierte Container. Um sie herum ziehen sich die verschneiten Landschaften, nur unterbrochen von Leitungsmasten, in einigen Metern Entfernung ragt ein meterhoher Zaun in den Nebel. Dort, in der Nähe von Keflavík, wird das analog, was sonst nur digital ist: Der Bitcoin-Boom.

Im Süden von Island nämlich türmen und quetschen sich Hunderte Rechner in die länglichen Flure der Serverfarmen und rattern rund um die Uhr, bunte Kabel verbinden sie. Was sie da machen? Sie minen, wie es in der Szene heißt. Oder: Sie schaffen neue Einheiten von Kryptowährungen. Ein Computer führt eine hochkomplexe Rechenoperation aus und erschafft eine Einheit einer Kryptowährung. Daraus ist längst ein gigantisches Geschäft geworden - und Island ist mittendrin.

Gerade die Bedingungen auf der Insel locken die "Miner". Zum einen ist es verhältnismäßig kalt, was die Kühlung der Rechenzentren einfacher macht als etwa in Marokko oder in Thailand. Zum anderen ist die Stromerzeugung in Island sehr günstig und besteht fast ausschließlich aus erneuerbaren Energieträgern. Das lockt die Firmen in Scharen nach Island, sagte Jóhann Snorri Sigurbergsson, Sprecher eines isländischen Energieunternehmens, Anfang des Jahres der BBC.

Viel zu viel Strom

In diesem Jahr verbrauchen die Rechner voraussichtlich mehr Strom als die gesamte isländische Bevölkerung, rechnet Sigurbergsson vor. Schlimm sei das aber nicht: Immerhin ist Island reich an Thermalenergie, mehr als 80 Prozent des Stroms werden mit erneuerbaren Energien erzeugt, viel zu viel, um alles zu verbrauchen. Deshalb will man die Firmen machen lassen, solange die Energie reicht, noch gibt offenbar keine Grenze.

840 Gigawattstunden

...Strom verbraucht die Herstellung von Bitcoins auf Island wohl in diesem Jahr. Um eine digitale Münze herzustellen, löst ein Computer komplexe Rechenoperationen. Auf der Insel herrschen optimale Bedingungen, um die heißlaufenden Rechner zu kühlen. Das hat Dutzende Firmen angezogen. Hinzu kommt, dass es in Island Strom aus erneuerbarer Energie zu niedrigen Preisen gibt. Jede Kilowattstunde kostet dort nur 3,25 Cent. Die Inselgruppe im äußersten Norden ist das am dünnsten besiedelte Land Europas. Über 60 Prozent der Bevölkerung konzentriert sich auf die Hauptstadtregion von Reykjavík.

Die Rechenzentren in Island - sie sind ein Symbol dafür, dass Island die Digitalisierung verstanden hat. Nicht nur Bitcoin-Schürfer errichten sie zuhauf und treiben damit die Digitalisierung des Geldes voran. Viele Firmen haben ihre Daten mittlerweile auf der Insel vor Grönland gelagert. Auch sie schätzen die niedrigen Stromkosten, die saubere Produktion und die Datensicherheit, anders als etwa in den USA. Vieles in Island gehört dem Staat oder den Bürgern, etwa die Leitungen des Internets. Nun, könnte man sagen, machen ein paar Serverfarmen noch kein digitales Land aus. In Island aber geht beides Hand in Hand. Politiker setzen sich dort seit den 1990ern-Jahren für Digitalisierung ein, die Infrastruktur für Firmen ist gut, die Betreiber der Netze in Island wollen einer der Ersten sein, die den 5G-Standard einführen.

Schon heute besitzen 95 Prozent der Bevölkerung Zugang zu Breitbandinternet. Ebenfalls 95 Prozent der Isländer lesen ihre Nachrichten online, 83 Prozent haben die nötigen digitalen Fähigkeiten, um die Möglichkeiten des Internets auch zu nutzen, zeigt eine Studie der Europäischen Union aus dem Jahr 2014.

Deutschland wirkt dagegen wie ein Entwicklungsland und sicherlich keines von denen, die bald den Durchbruch schaffen könnten. In allen Belangen schneidet man weit schlechter ab als die Isländer. Dort auf der Insel im Norden, die nur gut 350 000 Einwohner hat, ist das Internet selbst zur Selbstverständlichkeit geworden und trägt neben dem Tourismus und der verarbeitenden Industrie mittlerweile auch zur Wirtschaftsentwicklung bei. 2016 lag das Wachstum bei über sieben Prozent, 2017 bei fast vier Prozent, in Deutschland pendelt es bei rund zwei Prozent.

Zwei Revolutionen verschlafen

Dass das Land in den vergangenen Jahre so digital geworden, liege aber nicht nur an der Infrastruktur, sagt Ingi Björn Sigurðsson, Projektmanager bei Icelandic Start-ups. Island, so erklärt er, habe die ersten beiden Revolutionen verschlafen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg begann sich das Land zu entwickeln, übersprang zwei Revolutionen und sprang direkt in die dritte Phase. "Es ist für viele Unternehmen aus Island deswegen einfacher, sich an das Internetzeitalter anzupassen", sagt Sigurðsson.

Hinzu komme, dass das Land eben eine Insel sei, und dabei nicht einmal eine große. "Wir sind sehr wenige", sagt Sigurðsson. Wann immer ein Unternehmen wachsen will, muss es sich einen größeren Markt suchen als nur Island. Dabei hilft das Internet enorm. Das Gleiche gilt für die Sprache, die außerhalb von Island kaum jemand spricht, weshalb viele auf Englisch ausweichen. Gerade die jüngere Generation ist sehr techaffin, und anders als bei den europäischen Nachbarn ist die Bevölkerung in Island generell sehr jung. "Die jungen Menschen treiben die Nutzung des Internets extrem stark voran", erklärt Sigurðsson.

Einen Anteil an der Digitalisierung im Land hat auch die Politik. Die Piraten-Partei, die in Deutschland kläglich im Nichts verschwand, bekommt in Island regelmäßig zehn Prozent der Stimmen. Und auch was E-Government angeht, ist Island Vorreiter. Bereits seit 2015 können die Bürger der Insel ihre Steuererklärung vollkommen elektronisch einreichen. Mehr als 85 Prozent der Bevölkerung nutzen das Internet, um mit Behörden in Kontakt zu treten. In Zukunft will die Regierung ihre digitalen Pläne weiter ausbauen. In ihrer Vision "Iceland 2020" heißt es, man wolle eines der zehn führenden Länder werden, wenn es um E-Government geht. Bisher ist man auch hier auf einem guten Weg dorthin.

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