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Streaming und Corona:Netflix und Youtube versprechen, das Internet zu entlasten

An internet cable is seen at a server room in this picture illustration taken in Warsaw

Wie viele gestreamte Videos in die Kabel des Internets passen, treibt mittlerweile uach die EU-Kommission um.

(Foto: Kacper Pempel/Reuters)

Die EU-Kommission fürchtet, das ganze Streaming der Daheimgebliebenen könnte das Netz verstopfen. In letzter Konsequenz könnten Netflix und Youtube gedrosselt werden. Die Unternehmen reagieren.

Im Internet sind alle Daten gleich, so will es die Regel der Netzneutralität. Kein Bit soll diskriminiert werden. Eigentlich. Denn es gibt ein Schlupfloch, das Internet-Anbieter wie die Telekom bald in Anspruch nehmen könnten. Zumindest, wenn das so weiter geht mit dem extremen Netflix- und Youtube-Schauen im Zuge der Corona-Quarantäne. Die Provider könnten Streamingseiten den Hahn abdrehen, sprich: Daten anderer Dienste, die weniger Platz in den Netzwerken brauchen, schneller durchleiten.

Das Schlupfloch findet sich in den Leitlinien zur Umsetzung der europäischen Netzneutralitätsregeln durch die nationalen Regulierungsbehörden. Demnach dürfen Provider "in Ausnahmefällen und nicht länger als erforderlich" bestimmte Dienste verlangsamen oder blockieren. Das geht nur bei "außergewöhnlichen oder vorübergehenden Netzüberlastungen". Dass dieses Szenario mittlerweile nicht mehr unrealistisch ist, bestätigten EU-Kommission und die zuständige EU-Regulierungsstelle Berec am Donnerstag: "Dies könnte relevant werden nach den Einschränkungen, die die Mitgliedsstaaten gegen die Covid-19-Krise beschlossen haben."

Derzeit sitzen Millionen zuhause, und das lässt neben der Videotelefonie im Home Office und Chats den Konsum von Filmen, Serien, und anderen Videos steigen. In Spanien und Italien melden die Anbieter deutlich mehr Datenverkehr. Die Schweizer Regierung hat bereits dazu aufgerufen, weniger Videos zu streamen. Videos sollten nur zurückhaltend übertragen werden, teilte das Kommunikationsministerium mit. "So bleiben genügend Ressourcen für die wichtigen Dienste frei" - wie Sprachanrufe und der Zugang zu Notrufen. Andernfalls werde man entsprechende Dienste blockieren. Die Provider dürfen jedoch nicht einzelne Dienste blockieren sondern nur bestimmte Arten von Diensten, etwa alle Anbieter von Videostreaming. Kommission und Berec wollen nun mit den nationalen Aufsehern den Datenverkehr überwachen, um rechtzeitig reagieren zu können. Derzeit gebe es noch keine "allgemeine Verstopfung".

Um das zu verhindern, versucht es die Kommission mit gutem Zureden. Netflix-Chef Reed Hastings kam drastischeren Maßnahmen am Donnerstagabend zuvor. Nach einer persönlichen Bitte von Thierry Breton, dem EU-Kommissar für den Binnenmarkt, verkündete Netflix in einer gemeinsamen Erklärung mit Breton: Aufgrund der "außerordentlichen Herausforderungen durch das Coronavirus" werde das Unternehmen die Bitraten seiner Videos reduzieren. Das soll etwa 25 Prozent des Datenverkehrs des Unternehmens in europäischen Netzen einsparen - bei Netflix' Beliebtheit eine ganze Menge. Den Kunden versprach er, sie würden trotzdem "gute Qualität" bekommen. Am Freitagmorgen erklärte auch Youtube, die weniger datenintensive Standardauflösung (SD) für 30 Tage zur Standardeinstellung seiner Videos zu machen. Man wolle den "Stress im System" weiter verringern. Auch Amazon begann am Freitag, die Datenmengen in seinem Dienst Prime Video zu drücken.

Mit dem Start des Videodienstes Disney+ am kommenden Dienstag dürfte die Belastung der Netze durch Streaming-Angebote ansteigen. Nach Informationen der Zeitung Les Echos appellierte die französische Regierung bereits an Disney, das Debüt in dem Land aufzuschieben.

Achim Berg, Chef des deutschen IT-Verbandes Bitkom, lobte im Handelsblatt den Vorstoß der Kommission. Streaming sei für einen großen Teil der Last in den Netzen verantwortlich: "Eine Verringerung der Videoauflösung kann diese Belastung erheblich reduzieren und damit gleichzeitig die grundsätzliche Verfügbarkeit der Angebote sicherstellen."

Experten sind sich einig, dass Streaming und Online-Spiele Haupttreiber des Datenverkehrs sind. Aber wie ernst ist die Lage in Deutschland?

In den vergangenen Tagen erklärten die deutschen Internetanbieter Telekom und Vodafone, sie hätten keine Probleme, auch wenn das Datenvolumen deutlich gestiegen sei. Beide sind offiziell als Betreiber kritischer Infrastrukur eingestuft - deshalb müssen sie Pandemiepläne parat haben. Vodafone meldet, die Datennutzung übers Festnetz sei am Mittwoch 30 Prozent höher als normal gewesen, im Mobilfunk sei sie rückläufig. Die Bundesnetzagentur sieht die deutschen Anbieter gut gerüstet.

Einige Nutzer beschweren sich

Gleichzeitig beschweren sich online immer mehr Nutzer, dass ihre Verbindungen nur zäh oder gar nicht funktionieren. Das kann passieren, wenn in einem Haus oder einer Häuserzeile zu viele gleichzeitig online zocken und glotzen. Der Betreiber des weltgrößten Internet-Knoten DE-Cix in Frankfurt teilte mit, der durchschnittliche Datenverkehr habe zuletzt um zehn Prozent zugelegt. Man halte stets mindestens 25 Prozent zusätzliche Kapazitäten vor: "Selbst wenn alle Firmen Europas ausschließlich Home-Office betreiben würden und nebenher noch die Fußball-EM übertragen wird, kann der DE-CIX die notwendigen Bandbreiten für reibungslose Interconnection bereitstellen."

Einzelne Anbieter melden allerdings Probleme, etwa Betreiber von Home-Office-Software, die nun unter der Last vieler Zugriffe ächzen. Auch Facebook hat Probleme: Konzernchef Mark Zuckerberg sagte am Mittwoch, die Nutzung des Netzwerks sei durch Corona stärker als zum Jahreswechsel, wenn sich dort Massen gratulierten. Facebook arbeite daran, die Infrastruktur so aufzustellen, dass man auch "in einen massiven Ausbruch" des Corona-Virus "in der Mehrheit der Staaten" nicht zu einer "Kernschmelze" komme.

© SZ vom 20.03.2020/jab
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