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Internet der Dinge:NSA-Affäre lässt Ciscos Umsatz einbrechen - Datenschutz als Chance?

Deshalb ist das "Internet of Everything" so wichtig. Der Begriff gründet sich auf das "Internet der Dinge" ("Internet of Things"), das der britische Techniker Kevin Ashton 1999 erfunden hatte, um die Verbindung von virtueller und physischer Welt zu beschreiben: "Wenn wir Computer hätten, die alles wissen, was man über Dinge wissen kann, und dabei Daten ohne unser Zutun sammeln, dann wären wir in der Lage, alles zu verfolgen und zu messen und in großem Umfang Abfall, Verluste und Kosten vermeiden", schrieb Ashton damals. Es war eine Vision vor ihrer Zeit - ein Jahr später platzte die Internetblase.

Kameras erkennen Blindenhunde

Der Fortschritt ist seither nicht stehen geblieben. Peter Middleton von der Analysefirma Gartner sagt: "Bis 2020 werden die Kosten von Komponenten so gesunken sein, dass Konnektivität eine Standardeigenschaft sein wird. Das eröffnet die Möglichkeit, fast alles miteinander zu verbinden, vom sehr Einfachen bis zum sehr Komplexen, und dafür Fernsteuerung, Überwachung und Messung anzubieten."

Tatsächlich kann man das Internet der Dinge heute schon besichtigen. Zum Beispiel in Barcelona. Dort hat die Stadtverwaltung Straßenlampen installiert, die mit Sensoren ausgestattet sind. Sie schalten sich nur dann ein, wenn sie gebraucht werden, wenn also Passanten unterwegs sind. Zwischen 40 und 60 Prozent Strom kann so gespart werden, glauben die Experten der Stadt. Am Union Square in Manhattan hat die Stadt New York in Zusammenarbeit mit Cisco zwei alte Telefonzellen mit modernen, 80 Zentimeter hohen Bildschirmen ausgestattet. Die sind mit dem Internet verbunden, wodurch Touristen und Anwohner dort alles über Restaurants im Viertel, das Wetter oder Störungen der U-Bahn erfahren können. Irgendwann soll auch eine Kamera installiert werden: Erkennt das System einen Blindenhund, dann schaltet es auf Sprachbedienung.

Wenn alles mit Kameras und Sensoren ausgestattet ist, dann hat dies eine unvermeidbare Konsequenz: Es fällt eine kaum fassbare Menge an Daten an. Die Daten können genutzt, aber eben auch missbraucht werden. "Das Internet der Dinge hat auch eine dunkle Seite", räumt Guido Jouret ein, und er schließt daraus: "Sicherheit und Datenschutz werden zentrale Themen sein", was das Problem beschreibt, aber noch keine Lösung erkennen lässt.

NSA-Affäre lässt Ciscos Umsatz einbrechen

Wie brisant die Sache mit der Datensicherheit ist, hat Cisco gerade erst erfahren. Im laufenden Quartal werden die Umsätze aus den Schwellenländern vermutlich um zwölf Prozent zurückgehen. In Brasilien verkauft Cisco 25 Prozent weniger, in Russland 30 Prozent und in China 18 Prozent weniger. Finanzchef Frank Calderoni räumte ein, dass die Unklarheiten nach den Enthüllungen des Ex-NSA-Mitarbeiters Edward Snowden viele Menschen ins Grübeln brachten - und Unternehmen zögern, wie sie das IT-Budget einsetzen.

Möglicherweise erzwingt jedoch gerade der wirtschaftliche Druck des "Internet of Everything" Fortschritte beim Datenschutz. Dave Evans, der sich "Chef-Zukunftsforscher" von Cisco nennt, fordert in einem Blog nichts weniger als eine "Bill of Rights" des Datenschutzes, was in Amerika einen besonderen Klang hat: In der "Bill of Rights" sind die verfassungsmäßigen Freiheiten der Bürger zusammengefasst. Persönliche Daten sollten "wie Geld" werden und durch das Eigentumsprivileg geschützt werden, schreibt Evans. Er räumt ein, dass das sehr ehrgeizig ist, aber im Silicon Valley ist eben Optimismus angesagt: "Es liegt an uns sicherzustellen, dass, wenn das Internet der Dinge sich entwickelt, das Internet weiterhin eine machtvolle Quelle bleibt, um das Leben der Menschen zu verbessern."

© SZ vom 17.12.2013/bbr

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