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"Project Nightingale":50 Millionen Patientendaten landen auf Googles Servern

In Europa sterben mehr Menschen in Folge einer Operation als Ärzte bisher dachten.

Was im Operationssaal passiert, interessiert auch Google. Fast alle großen Tech-Konzerne drängen auf den lukrativen Gesundheitsmarkt.

(Foto: Friso Gentsch/dpa)
  • Die Gesundheitsorganisation Ascension speichert Millionen sensibler Patientendaten auf Googles Servern und lässt sie von Google auswerten.
  • Die Betroffenen erfahren nichts davon, dennoch ist "Project Nightingale" in den USA wohl legal.
  • Auch in Deutschland könnten Krankenhäuser mit Google und anderen Dienstleistern zusammenarbeiten - allerdings müssten Patienten zumindest informiert werden.
  • Der Fall zeigt, wie vehement große Tech-Konzerne auf den lukrativen Gesundheitsmarkt drängen.

Hochsensible Gesundheitsdaten von Millionen Menschen landen auf den Servern eines Konzerns, der mehr über seine Nutzer weiß als fast alle anderen Unternehmen der Welt. Dieser Konzern speichert die Daten nicht nur, sondern gibt Mitarbeitern Zugriff. Maschinen werten die Datensätze aus und bauen eine gigantische Suchmaschine für Gesundheitsdaten. Weder Patienten noch Ärzte wissen davon. Und vermutlich ist all das vollkommen legal.

So lässt sich zusammenfassen, was in den vergangenen Tagen durch mehrere Medienberichte bekannt wurde. Google arbeitet in den USA seit 2018 mit der Gesundheitsorganisation Ascension zusammen, die 150 Krankenhäuser und Tausende Arztpraxen betreibt. Bis kommenden März sollen Gesundheitsdaten von 50 Millionen Menschen auf Googles Servern landen. Das umfasst Laborergebnisse, ärztliche Diagnosen, Behandlungsverläufe und Krankenhausaufenthalte - nicht etwa anonymisiert, sondern verknüpft mit Namen und Adressen der Patienten.

"Project Nightingale", wie Google die Initiative intern nennt, zeigt, wie vehement große Tech-Konzerne versuchen, im Gesundheitsbereich Fuß zu fassen. Neben Google drängen auch Amazon, Apple und Microsoft in diesen lukrativen Markt, der allein in den USA mehr als drei Billionen Dollar umfasst. Von Apple-Chef Tim Cook etwa ist die Aussage überliefert, dass "Apples größter Beitrag zur Menschheit" im Gesundheitsbereich liegen werde.

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Über das "Project Nightingale" berichtete zuerst das Wall Street Journal. Dem Blatt zufolge sollen 150 Mitarbeiter Zugriff auf die Daten haben. Die New York Times schreibt von Dutzenden Personen, die in unterschiedlichen Abteilungen der Muttergesellschaft Alphabet arbeiten. Google selbst nennt auf Anfrage keine genaue Zahl.

Der Süddeutschen Zeitung liegen interne Dokumente und Präsentationen vor, die zeigen, wie groß die Ambitionen von "Project Nightingale" sind. Google entwickelt eine Software, die mit Hilfe von künstlicher Intelligenz (KI) und maschinellem Lernen (ML) vorschlägt, wie sich die Versorgung einzelner Patienten verbessern lässt. Es soll eine gewaltige Patientendatenbank entstehen, die optisch an Googles Suchmaschine erinnert.

Die Software vervollständigt automatisch Eingaben zu den Patientennamen, die mit sämtlichen gespeicherten Gesundheitsdaten verknüpft sind. Ärzte sollen nicht nur individuelle Informationen einsehen, sondern grafische Zeitverläufe erstellen und Datensätze miteinander vergleichen können. Google hofft, diese Infrastruktur künftig an andere Gesundheitsdienstleister verkaufen zu können.

Die Daten sollen nicht verwendet werden, um Werbung zu personalisieren

All das geschieht, ohne dass die Betroffenen zugestimmt haben. Ascension und Google müssen die Patienten nicht einmal informieren. Der sogenannte Health Insurance Portability and Accountability Act, ein US-Gesetz aus dem Jahr 1996, erlaubt es Ärzten und Krankenhäusern, Gesundheitsdaten an Geschäftspartner weiterzugeben. Allerdings dürfen die Informationen nur genutzt werden, um Patienten besser zu behandeln.

Beide Vertragspartner beteuern, dass alle Daten sicher und verschlüsselt gespeichert würden und nur ausgewählte Google-Mitarbeiter darauf zugreifen könnten. Google trenne die Patientendaten strikt von Informationen aus Produkten wie Gmail oder der Suchmaschine. Die Daten sollen nicht verwendet werden, um Werbung zu personalisieren. Google verspricht, die Patientendaten von Ascension auch nicht mit Informationen zu verbinden, die es von anderen Gesundheitsorganisationen erhält.

Doch es gibt Zweifel, ob "Project Nightingale" tatsächlich so harmlos ist, wie es die Beteiligten darstellen. Mehrere US-Senatoren haben Bedenken geäußert: Der Demokrat Mark Warner will das Programm stoppen, bis US-Behörden ihre Ermittlungen abschließen, die sie am Dienstag aufgenommen haben.

Warners Parteikollegin Amy Klobuchar fordert neue Gesetze, um stärker zu regulieren, wie Gesundheitsdaten ausgewertet werden. Das Wall Street Journal zitiert betroffene Patienten aus Ascension-Krankenhäusern. Sie fürchten, dass Google Geld mit ihren Gesundheitsdaten verdienen wolle und hätten sich gewünscht, vorher informiert zu werden.