Die Macht der Suchmaschine Nur was Google findet, existiert

Der Konzern als Verb: Wer sucht, der googelt - und Google findet viel. Doch wenn es um die Einzelnen geht, wird das digitale Weltwissen zur Verallgemeinerung.

(Foto: JOHANNES EISELE/AFP)

Wer etwas wissen will, der fragt nicht, der googelt. Und dann? Über die Grenzen des Internetwissens und den Schock, den es auslöst, wenn die Suchmaschine eine Information nicht ausspuckt.

Von Adrian Lobe

Jeden Tag registriert Google 3,5 Milliarden Suchanfragen. Zu den häufigsten Fragen in Deutschland 2018 gehörten laut Google Trends "Wo ist der Mond?", "Wie oft war Frankreich Weltmeister?" und "Wie heißt die Mutter von Niki Lauda?". Das ist zugegeben nicht die hohe Wissenskunst, aber trotzdem wächst Google durch die schiere Masse an Anfragen die Rolle des Debattenschiedsrichters zu. Wo immer in Diskussionen Zweifel an Fakten besteht, wird die Suchmaschine konsultiert. Google ist mittlerweile so etwas wie ein amtliches Zentralregister, das Wissen algorithmisch zertifiziert. Doch was, wenn Google mal keine Informationen hat?

Die Autorin Linda Besner hat kürzlich in einem Essay für das Onlinemagazin Real Life beschrieben, wie ihr auf der Straße der etwas verwegene Gedanke kam, ob sich ihre Großmutter jemals einer operativen Nasenkorrektur unterzog. "Ich dachte: Ich googele es, wenn ich nach Hause komme. Eine Nanosekunde später spürte ich ein Flimmern von Angst." Natürlich hat Google keine Informationen über die Schönheits-OP ihrer Großmutter. Doch der Gedanke an Google sei in dem Moment so intuitiv gewesen, ein Reflex, als würde man blind nach einem Gegenstand in der Küche greifen, der dort immer an derselben Stelle liegt.

Die Erfahrung, an die Grenzen des Internetwissens gelangt zu sein, sei wie ein "physischer Schock gewesen", schreibt Besner. Die Autorin hatte mit widersprüchlichen Empfindungen zu kämpfen: "Ich habe festgestellt, dass, obwohl das Internet viele Fakten über mich besitzt, es überhaupt nicht weiß, wer ich eigentlich bin."

In der australischen Comedy-Serie "Please Like Me", von der Besners Gedankenexperiment inspiriert war, sagt der Hauptdarsteller Josh zu seinem Therapeuten: "Ich googelte ,Warum hat sich meine Mutter umgebracht?', doch es sagte mir nur, warum andere Mütter Suizid begingen. Und immer, wenn ich jetzt ins Internet gehe, versucht Google Ads mir eine neue Mutter zu verkaufen." Der groteske Witz spielt darauf an, dass das Wissen, von dem Google immer spricht, kein enzyklopädisches ist, sondern primär Herrschaftswissen über den Konsumenten.

Man kann gar nicht mehr anders, als "schnell mal zu googeln"

Für das Gefühl, dass das allwissende Internet blinde Flecken offenbart, wählte Besner den sperrigen Begriff "Ungoogleability", was auf Deutsch so viel heißt wie Ungooglebarkeit und sich ein wenig metaphysisch anhört, fast wie Unendlichkeit oder Nichtexistenz. Der Terminus technicus hat eine durchaus kontroverse Geschichte: Im Dezember 2012 wollte der schwedische Sprachrat den Neologismus "ogooglebar" ("nicht googlebar") offiziell in den Wortschatz aufzunehmen. Jedes Jahr veröffentlichen die Sprachhüter zehn neue Wörter, die im schwedischen Sprachgebrauch Verwendung finden. Das Gremium definierte den Begriff als etwas, "das nicht im Netz mit einer Suchmaschine aufgefunden werden kann". Google missfiel diese Definition allerdings. Der Konzern forderte das Gremium auf, die allgemeine Erklärung zu konkretisieren und auf Google zu verweisen. Es müsse zudem um einen Hinweis ergänzt werden, dass es sich bei Google um ein geschütztes Markenzeichen handele.

Um eine gerichtliche Auseinandersetzung in dem Namensstreit zu verhindern, gab der Sprachrat klein bei und entfernte das Wort von seiner Liste. Auf ihrer Webseite teilte die Akademie mit, dass der Begriff weiter im schwedischen Wortschatz bestehen bleibe, weil sich "Sprachentwicklung nicht um Markenschutz schert". Das war ein starkes Argument, doch es zeigt, dass der linguistische Kapitalismus auch die Definitionshoheit beansprucht.

2006 verschickten Google-Anwälte Briefe an zahlreiche Medienhäuser, unter anderem an die Washington Post, versehen mit der Aufforderung, die Redaktionen mögen doch bitte nicht mehr den Ausdruck "googeln" verwenden, sondern korrekterweise schreiben "eine Google-Suche ausführen", weil sonst die Markenrechte verletzt würden. Im Juni 2006 fand das Verb "to Google" dann Eingang in das Oxford English Dictionary - in Großschreibung, um der Marke Rechnung zu tragen, was als großes Zugeständnis zu werten war. Auch der Duden, der das Verb "googeln" 2004 aufnahm, musste auf Drängen des Konzerns den entsprechenden Eintrag ändern.

Selbstwahrnehmung läuft nur noch innerhalb des algorithmischen Korridors ab

Die Argumentation dreht sich im Kreis: Google fordert Markenschutz für einen Begriff, zu dessen Markenbildung die Verwendung erst beiträgt. Es geht hier aber nicht bloß um die juristische Frage, ob "googeln" ein generischer Begriff wie etwa Heroin oder Tempo und damit nicht mehr vom Markenschutz umfasst ist (ein Gericht in den USA hat diese Frage verneint), sondern darum, dass ein Konzern, der mit Suchbegriffen Geld verdient, ein Verbverbot ausspricht und Redaktionen Sprachregelungen aufoktroyiert.

Der Fall erinnert ein wenig an George Orwells Roman "1984", in dem Syme, der im "Ministerium für Wahrheit" an der überarbeiteten Ausgabe des Wörterbuchs für Neusprech arbeitet, am Mittagstisch in der Kantine deklamiert: "Es ist eine herrliche Sache, dieses Ausmerzen von Worten. (...) Zum Schluss werden wir Gedankenverbrechen buchstäblich unmöglich gemacht haben, da es keine Worte mehr gibt, in denen man sie ausdrücken könnte."

Dass man "googeln" mittlerweile synonym mit "suchen" verwendet, verweist nicht nur auf die Sprachmacht des Suchmaschinenriesen, sondern auch auf eine noch nie dagewesene Privatisierung des Wissens. Der Konzern hat sozusagen ein geistiges Markenrecht an den Informationen im Netz gesetzt. Das Sprechen über Google, als wäre die Ausleuchtung von Personen und ihrem Innersten das Normalste auf der Welt, eine Aktivität wie kochen oder schlafen, banalisiert und normalisiert zum einen eine Überwachungspraktik, zum anderen zementiert es die Autorität des Konzerns, unsere Gedanken zu steuern. Man hat die algorithmische Suchtechnik mittlerweile derart internalisiert, dass man gar nicht anders kann, als "schnell mal zu googeln".

Der amerikanische Philosoph Michael Patrick Lynch schreibt in seinem Buch "The Internet of Us: Knowing More and Understanding Less in the Age of Big Data", dass googeln so etwas wie glauben sei. Das Wissen sei bloß rezeptiv und nicht mehr reflektiv, man würde Informationen nur noch "herunterladen". Die Ungooglebarkeit ist in dieser Logik ein systemischer Error, ein Bug im Großrechner namens Gesellschaft, philosophisch gesprochen: eine nihilistische Leere.

Eigentlich sollte man meinen, dass Nichtgooglebarkeit die ultimative Form des Datenschutzes und der Autonomie ist, weil das digitale Subjekt nicht von irgendwelchen Webcrawlern identifiziert und indexiert werden kann. Doch es ist ja gerade umgekehrt, dass die Googlebarkeit funktionale Voraussetzung für die Existenz von Informationen ist. Nur was googlebar ist, ist. Die Seinsvoraussetzung ist wiederum unmittelbar mit der digitalen Existenz verknüpft, weil Selbstwahrnehmung letztlich nur innerhalb des algorithmischen Korridors abläuft.

Google ist, um mit McLuhan zu argumentieren, eine mediale Erweiterung des Körpers, eine Veräußerung des Innerlichen, wo jede Leerstelle auf einen Funktionsdefekt verweist. Die Suchmaschine hat die Nutzer so konditioniert, dass Wissenslücken in der Gehirnprothese als Phantomschmerz empfunden werden - als eine Art virtuelle Amnesie, eine Störung des kollektiven Gedächtnisses, die sich nur durch Eingriffe in den Programmcode heilen lässt. Womöglich haben die neurotischen Algorithmen, die in jeder Eingabe eine Anomalie wittern, schon für so manchen kognitiven Kurzschluss gesorgt, den die Community als solchen gar nicht erkannt hat. Die Nichtgooglebarkeit ist zur Pathologie der digitalen Gesellschaft geworden. Ein Phänomen, zu dem auch Google keinen Rat weiß.

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