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Gesichtserkennung:Diese Technik ist zu gefährlich

DFB-Pokal - Karlsruher SC - Alemannia Aachen

2016 protestierten Fans des Karlsruher SC im Stadion mit Papptellern vor den Gesichtern gegen einen Test von Gesichtserkennungstechnik. (Archivbild)

(Foto: picture alliance / dpa)

Überwachungskameras mit Gesichtserkennung werden verändern, wie die Menschen sich öffentlich bewegen. Die deutsche Politik setzt nun großflächig darauf - doch die Technik gehört verboten.

Horst Seehofer hätte es in Las Vegas diese Woche sicher gefallen. Auf der Technikmesse CES präsentierten Hersteller Fortschritte der Gesichtserkennungstechnik. Immer mehr Geräte lesen unsere Gesichter - vom Flughafen-Check-in bis zum Auto, das seinen Fahrer beobachtet. Das passt gut zu den Plänen des Bundesinnenministers: In 135 Bahnhöfen und 14 Flughäfen sollen Überwachungskameras bald fähig sein, Gesichter von in der Öffentlichkeit gefilmten Menschen zu erkennen.

2020 wird das Jahr, in dem Gesichtserkennung den öffentlichen Raum erreicht - und damit ein Überwachungsnetz übers Land legt, das sich von jenem im digitalen Raum unterscheidet: Man kann ihm nicht entkommen. Im Gegensatz zum Smartphone lässt sich ein Gesicht weder zu Hause lassen noch abschalten. Die NSA zapfte Internetkabel an, deutsche Innenpolitiker versuchen seit Jahren, die Vorratsdatenspeicherung von Telefonnutzern durchzuboxen - mit Gesichtserkennung springt Massenüberwachung nun in die physische Welt über. Jeder wird gescannt.

Natürlich beobachten Polizisten schon jetzt öffentliche Plätze und Demonstrationen oder suchen nach zur Fahndung Ausgeschriebenen. Aber Tausende Kameras mit angeschlossenen Datenbanken unserer Gesichter sind eine neue Qualität. Sie ermöglichen blitzschnelles, automatisiertes Durchleuchten Hunderttausender, die vorbeilaufen, und die automatisierte Verfolgung eines Menschen über mehrere Kameras hinweg. Ein automatischer Abgleich rund um die Uhr. Roboteraugen sehen mehr. Aber nicht immer richtig.

Denn Überwachungstechnik wirkt auch dann als Gift für die Freiheit, wenn sie schlecht funktioniert. So sind die Erkennungsquoten des derzeitigen Pilotprojekts am Berliner Bahnhof Südkreuz eher mittelmäßig, heißt: Das System markiert zu viele Menschen als verdächtig, nach denen es gar nicht fahndet. Die Sicherheit der Zukunft sieht nach derzeitigem Stand also so aus: Tausende Fehlalarme, und damit Tausende anlasslose Polizeikontrollen. Das wird Bürger Nerven, Beamte Zeit, Behörden Geld kosten. Am schlechtesten sind die Erkennungsquoten bei Frauen und dunkelhäutigen Menschen. Minderheiten müssen damit rechnen, noch öfter grundlos kontrolliert zu werden.

Die neue Technik gehört untersagt. Denn sie führt direkt in den Überwachungsstaat

Aber auch die Perfektionierung der Technik kann für sie gefährlich werden. Aus China kommen Meldungen, dass Algorithmen trainiert werden, Angehörige ethnischer Gruppen anhand ihrer Gesichtszüge live zu erkennen. Tritt ein Uigure ins Bild, schlägt ein entsprechend eingestelltes System an. So lassen sich theoretisch "unerwünschte" Gruppen aus bestimmten Wohnvierteln fernhalten.

Gesichtserkennung ist nur der Anfang. Biometrie-Experten erforschen, wie Software Menschen an ihrem Gang erkennen kann. In Mannheim testet die Polizei Software, die Schlägereien, aber auch - völlig legales - "auffälliges" Verhalten erkennen soll. Obwohl das Datenschutzrecht biometrische Informationen als besonders schützenswert einstuft, hat sich die EU davor gedrückt, Behörden Überwachung mit Gesichtserkennung zu verbieten. Auch im angeblich datenschutzfanatischen Deutschland tut sich nichts. In den USA dagegen wollen Städte wie San Francisco und Portland ihrer Polizei die Technik untersagen. Da könnte Europa wirklich von der Westküste lernen.

© SZ vom 11.01.2020/jab
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