Digitale Selbstoptimierung Die Fitnessbranche will Gesundheitsdienstleister sein

Ein Mitarbeiter der Firma Ambiotex demonstriert auf der Fibo ein Shirt das biometrische Daten misst und an ein Smartphone sendet.

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Daten zu sammeln ist für die Branche wichtig, um die nächste Stufe ihrer Evolution abzuschließen: die Verwandlung "vom Freizeitanbieter zum Gesundheitsdienstleister", wie Niels Nagel vom Industrieverband DIFG sagt. Das Versprechen eines gesünderen Lebens zieht zusätzliche Kunden an, denen Aussicht auf gutes Aussehen allein nicht reicht. "Dokumentierbarkeit" sei wichtig, sagt Nagel. Dabei geht es auch um Lobbyarbeit: "Wenn wir von der Politik unterstützt werden wollen, müssen wir mit Daten nachweisen, dass Fitness gesundheitsfördernd ist." Er könne sich vorstellen, dass Kassen Sport öfter als Prävention anerkennen oder eines Tages die Studiomitgliedschaft von der Steuer abgesetzt werden kann.

Viele Studios rüsten daher zum vernetzten "Smart Gym" auf. Daran will eine Firma mitverdienen, die auf der Fibo ein mannshohes Terminal mit 3-D-Kameras ausstellt. Ein junger Messebesucher steht mit ausgestreckten Armen davor. Die Kamera macht ein Bild von ihm, misst die Abstände zwischen seinen Gelenken. Er geht zwei Meter weiter zur Beinstreck-Maschine, die schon mal den Sitz herunterfährt - das System kennt ja seine Körpermaße.

Digitale Selbstkontrolle: Wer auf dem Ergometer von Myzone trainiert, sieht seine Leistungswerte auf einer Videowand gegenüber.

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Eine Kamera filmt, Sensoren messen, alles wird überwacht

Auf der Fläche eines anderen Herstellers schaut sich ein junger Mann auf einem Laufband selbst ins Gesicht: "Das ist wie im Western, wenn sich zwei beim Duell entgegengehen." Während er auf der Stelle läuft, blickt er auf einen Bildschirm. Eine integrierte Kamera filmt ihn von vorne, das Bild landet live auf dem Schirm. Dort überzieht Software seinen Körper mit roten und grünen Linien. So kann er sehen, ob er Schultern und Hüfte gerade hält, ob er Füße und Oberkörper gleichmäßig bewegt. Ein Spiegel, der mitdenkt. Der allerdings auch verwirrt, findet der Tester: "Ich denke nicht, dass das die Zukunft ist. Für engagierte Läufer ist es interessant zu sehen: Wie sehr schwanke ich? Aber als Hobbyläufer will ich ja nur raus in den Wald."

Die fahlen Bilder der 3D-Kameras erinnern an Überwachungsvideos aus dem Supermarkt, und das ist vielleicht kein Zufall. Mit dem Unterschied, dass Überwachung von den Freunden des optimierten Körpers hier begrüßt wird statt verteufelt. Auch von Rafael Diaz.

Der Fitnessfan und Programmierer steht für das Zusammenwachsen von Körperbewusstsein und IT. Auf der Fibo will er Studios und Personal Trainer als Kunden für sein Münchner Start-Up Lanista gewinnen, das er mit einem Sportwissenschaftler aufbaut. "Früher haben die Leute mich gesehen und sofort gesagt: 'Du bist der Programmierer von euch zwei!' Seitdem lasse ich die Sandalen zu Hause", sagt Diaz und lacht. Jetzt trägt er Lederschuhe und weißes Hemd, das erahnen lässt, dass er nicht nur viel Zeit vor dem Computer verbringt, sondern auch auf der Hantelbank.

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Der Fitnesstrainer - ein aussterbender Beruf?

Diaz' System merkt, was im vernetzten Fitnessstudio passiert: Welcher Trainer betreut wie viele Mitglieder? Wer hat wie lange nicht mehr gepumpt? Muss ein Trainer ermahnt werden, sich mal wieder bei einem Kunden zu melden? Diaz sagt: "Die Idee ist, dass kein Kunde vergessen wird." Nutzer erhalten Videos zur Anleitung und Trainingspläne per App aufs Handy. Manche Coaches hinkten der Entwicklung noch hinterher, sagt Diaz: "Viele Personal Trainer arbeiten immer noch mit Excel und Word." Dass sein Konzept letztendlich ein Kontrollsystem ist, gibt er zu: "Es ist, als würdest du mit einer Lampe in den Trainingsraum gehen und alles durchleuchten." Das Ziel: totale Effizienz. "Wenn ein Trainer nur rumhängt und den hübschen Mädels nachschaut, ist das eine Ressource, die herumliegt."

Weniger abgelenkt wirkt die Trainerin, die an einem Stand Frauen, die sich vor ihr auf Matten verrenken, zuruft: "Gesäß hoch!" Ob sie weiß, dass ab Juli die erste Yogamatte verschickt wird, die dem Nutzer sagt, wenn er Übungen falsch ausführt? Sie analysiert mit tausenden kleinen Sensoren, ob die Körperteile beim "aufschauenden Hund" dort aufliegen, wo sie sollen. Steht also das Ende der Vorturner und Trainer-Stenze bevor? Wer den digitalen Revolutionären auf der Messe zuhört, bemerkt ein bisher unbekanntes Gefühl: Mitleid mit der Berufsgruppe der Fitnesstrainer.