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Digitale Selbstoptimierung:Wenn Fitnessstudios anfangen zu denken

Fitness-Messe Fibo

Die Fitness Trainerin Fernanda Brandao wirbt für die Fitness-Messe Fibo.

(Foto: dpa)

Erfassung, Kontrolle, Optimierung - dazu waren die wandhohen Spiegel im Sportstudio schon immer da. Jetzt lechzt die Szene nach Gesundheits-Apps, Fitness-Trackern und "Smart Gyms". Ein Besuch auf der Fitnessmesse Fibo.

Von Jannis Brühl, Köln

Berny Huber, der aussieht, als könnte er einen Kleinwagen zerquetschen, träumt von sprechender Unterwäsche. Das intelligente Shirt vom Messestand um die Ecke, das müsste man mit seinem funkgesteuerten Overall kreuzen, der Strom in die Muskeln seines Trägers leitet. Dann hätte man die Zukunft der Fitnessbranche, sagt er enthusiastisch: Kleidung, die in beide Richtungen kommuniziert.

Sensoren könnten Daten über den Puls und andere Kennzahlen an Computer senden. Zugleich könnte die Wäsche Signale empfangen, um Muskeln durch Elektroimpulse beim Zusammenziehen zu helfen. "Was nutzt es, wenn man nur misst, dass der Bauch zu dick ist? Man muss ihn ja auch wegbekommen", sagt Huber mit seinem Schweizer Akzent. Er steht am Stand der Firma Wav-e auf der Fitnessmesse Fibo in Köln. Überzeugt, dass das Geld in seiner Branche nicht mehr nur mit Schweiß und Eisen, sondern auch mit Digitaltechnik verdient werden wird. Neben ihm strecken junge Frauen in den elektrischen Overalls, die wie Surfanzüge aussehen, Arme und Beine in die Luft. Per Funk überträgt ein Computer Befehle an ihre Anzüge, welche Muskeln mit Strom angeregt werden sollen.

"Dann bleib halt fett"

725 Aussteller präsentieren auf der Fibo ihre Produkte. Wer als Besucher zur Messe kommt, präsentiert seinen Körper. Muskelbepackte Männer in Unterhemden und Jogginghosen testen, wer einer Kampfsport-Gummipuppe härter gegen den Kopf treten kann. Eine Frau trägt ein bauchfreies Oberteil, auf dem steht: "Dann bleib halt fett". Irgendwo läuft immer Kirmestechno.

Doch zwischen den offensichtlichen Eitelkeiten, den Trampolin-Workouts und Gewichten, ist die unsichtbare Revolution des Digitalen in der Welt der Fitnessverrückten angekommen. Und sie hat hier vielleicht die Szene gefunden, die am sehnlichsten auf sie gewartet hat. Erfassung, Kontrolle, Optimierung - dazu waren die wandhohen Spiegel im Fitnessstudio schon immer da. Jetzt haben die Sportler Zugriff auf das Internet der Dinge. Die digitale Vernetzung von Sensoren verschafft ihnen Abertausende von Spiegeln. Und die geben pausenlos Rückmeldung über Körperhaltung und Leistung.

Fleisch soll wachsen, Fett verschwinden

Digitales war vielen hier bis vor wenigen Jahren eher fremd, ganz analog ging es darum, Fleisch zum Wachsen, Fett zum Verschwinden zu bringen. Geändert haben das die tragbaren Wächter über Puls, gelaufene Schritte und Kilometer. In ihrem neuen Branchenbericht erwähnen der Deutsche Industrieverband für Fitness und Gesundheit (DIFG) und die Ratingagentur Creditreform stolz, auf der vergangenen Computerspielemesse E3, "wo sonst die neuesten Videospiele und Smart-TVs präsentiert werden", seien unter großem Interesse Fitness-Gadgets gezeigt worden.

Laut Bitkom, dem Verband der IT-Wirtschaft, hatten 2014 schon 13 Prozent der Deutschen ein Tracking-Gerät (PDF). Von denen sind eine Menge auf der Kölner Messe. Manche tragen gleich zwei. So wie Marko Nickel: An seinem linken Handgelenk prangt eine Digitaluhr, die Schritte und Körpersignale misst, am rechten ein biegsames Stäbchen, das Daten sammelt. Er vertreibt einen Kopfhörer für Sportler, der Licht ins Ohr schießt, um den Puls zu messen. "Der Markt wird sich in den nächsten Jahren verfünffachen. Auch dank der Apple Watch", sagt er und grinst zufrieden wie einer, der weiß, dass er sich die richtige Branche ausgesucht hat. Die Analysefirma IHS ist etwas weniger optimistisch, geht aber davon aus, dass allein der Markt der Fitness-Tracker von 2013 bis 2019 um fast die Hälfte wächst.

Die Fitnessbranche will Gesundheitsdienstleister sein

Start der Fitnessmesse FIBO

Ein Mitarbeiter der Firma Ambiotex demonstriert auf der Fibo ein Shirt das biometrische Daten misst und an ein Smartphone sendet.

(Foto: dpa)

Daten zu sammeln ist für die Branche wichtig, um die nächste Stufe ihrer Evolution abzuschließen: die Verwandlung "vom Freizeitanbieter zum Gesundheitsdienstleister", wie Niels Nagel vom Industrieverband DIFG sagt. Das Versprechen eines gesünderen Lebens zieht zusätzliche Kunden an, denen Aussicht auf gutes Aussehen allein nicht reicht. "Dokumentierbarkeit" sei wichtig, sagt Nagel. Dabei geht es auch um Lobbyarbeit: "Wenn wir von der Politik unterstützt werden wollen, müssen wir mit Daten nachweisen, dass Fitness gesundheitsfördernd ist." Er könne sich vorstellen, dass Kassen Sport öfter als Prävention anerkennen oder eines Tages die Studiomitgliedschaft von der Steuer abgesetzt werden kann.

Viele Studios rüsten daher zum vernetzten "Smart Gym" auf. Daran will eine Firma mitverdienen, die auf der Fibo ein mannshohes Terminal mit 3-D-Kameras ausstellt. Ein junger Messebesucher steht mit ausgestreckten Armen davor. Die Kamera macht ein Bild von ihm, misst die Abstände zwischen seinen Gelenken. Er geht zwei Meter weiter zur Beinstreck-Maschine, die schon mal den Sitz herunterfährt - das System kennt ja seine Körpermaße.

Start der Fitnessmesse FIBO

Digitale Selbstkontrolle: Wer auf dem Ergometer von Myzone trainiert, sieht seine Leistungswerte auf einer Videowand gegenüber.

(Foto: dpa)

Eine Kamera filmt, Sensoren messen, alles wird überwacht

Auf der Fläche eines anderen Herstellers schaut sich ein junger Mann auf einem Laufband selbst ins Gesicht: "Das ist wie im Western, wenn sich zwei beim Duell entgegengehen." Während er auf der Stelle läuft, blickt er auf einen Bildschirm. Eine integrierte Kamera filmt ihn von vorne, das Bild landet live auf dem Schirm. Dort überzieht Software seinen Körper mit roten und grünen Linien. So kann er sehen, ob er Schultern und Hüfte gerade hält, ob er Füße und Oberkörper gleichmäßig bewegt. Ein Spiegel, der mitdenkt. Der allerdings auch verwirrt, findet der Tester: "Ich denke nicht, dass das die Zukunft ist. Für engagierte Läufer ist es interessant zu sehen: Wie sehr schwanke ich? Aber als Hobbyläufer will ich ja nur raus in den Wald."

Die fahlen Bilder der 3D-Kameras erinnern an Überwachungsvideos aus dem Supermarkt, und das ist vielleicht kein Zufall. Mit dem Unterschied, dass Überwachung von den Freunden des optimierten Körpers hier begrüßt wird statt verteufelt. Auch von Rafael Diaz.

Der Fitnessfan und Programmierer steht für das Zusammenwachsen von Körperbewusstsein und IT. Auf der Fibo will er Studios und Personal Trainer als Kunden für sein Münchner Start-Up Lanista gewinnen, das er mit einem Sportwissenschaftler aufbaut. "Früher haben die Leute mich gesehen und sofort gesagt: 'Du bist der Programmierer von euch zwei!' Seitdem lasse ich die Sandalen zu Hause", sagt Diaz und lacht. Jetzt trägt er Lederschuhe und weißes Hemd, das erahnen lässt, dass er nicht nur viel Zeit vor dem Computer verbringt, sondern auch auf der Hantelbank.

Der Fitnesstrainer - ein aussterbender Beruf?

Diaz' System merkt, was im vernetzten Fitnessstudio passiert: Welcher Trainer betreut wie viele Mitglieder? Wer hat wie lange nicht mehr gepumpt? Muss ein Trainer ermahnt werden, sich mal wieder bei einem Kunden zu melden? Diaz sagt: "Die Idee ist, dass kein Kunde vergessen wird." Nutzer erhalten Videos zur Anleitung und Trainingspläne per App aufs Handy. Manche Coaches hinkten der Entwicklung noch hinterher, sagt Diaz: "Viele Personal Trainer arbeiten immer noch mit Excel und Word." Dass sein Konzept letztendlich ein Kontrollsystem ist, gibt er zu: "Es ist, als würdest du mit einer Lampe in den Trainingsraum gehen und alles durchleuchten." Das Ziel: totale Effizienz. "Wenn ein Trainer nur rumhängt und den hübschen Mädels nachschaut, ist das eine Ressource, die herumliegt."

Weniger abgelenkt wirkt die Trainerin, die an einem Stand Frauen, die sich vor ihr auf Matten verrenken, zuruft: "Gesäß hoch!" Ob sie weiß, dass ab Juli die erste Yogamatte verschickt wird, die dem Nutzer sagt, wenn er Übungen falsch ausführt? Sie analysiert mit tausenden kleinen Sensoren, ob die Körperteile beim "aufschauenden Hund" dort aufliegen, wo sie sollen. Steht also das Ende der Vorturner und Trainer-Stenze bevor? Wer den digitalen Revolutionären auf der Messe zuhört, bemerkt ein bisher unbekanntes Gefühl: Mitleid mit der Berufsgruppe der Fitnesstrainer.

© SZ vom 15.04.2015/sih

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