Entwicklerkonferenz WWDC:Apple will seine Nutzer durchleuchten - auf die nette Art

Apple Annual developers conference

Präsentation auf der Entwicklerkonferenz von Apple.

(Foto: AFP)

Auf seiner Entwicklerkonferenz gibt Apple zu, auf massenhafte Datenanalyse zu setzen. Mit den umstrittenen Methoden von Google und Facebook soll das aber nichts zu tun haben.

Von Hakan Tanriverdi, New York

Zwei Punkte haben die Entwickler-Konferenz WWDC in San Francisco spannend gemacht. Erstens: die Nachrichten-App. Das ist jene Anwendung, die von Beginn an zur Grundausstattung des iPhones gehört. Der Ort, von dem aus SMS verschickt wurden, im Laufe der Jahre kamen über das Internet versendete Chats hinzu. In aller Ausführlichkeit wurden neue Funktionen erklärt - und von den knapp 5000 Besuchern bejubelt. Ein Projekt, dessen erste Version so alt ist wie das iPhone selbst.

Revolutionärer ist der zweite Punkt: Software-Chef Craig Federighi erwähnte fast beiläufig, dass Apple in Zukunft Daten über seine Nutzer sammeln werde. Für diesen Schritt soll ein System eingesetzt werden, das er "differential privacy" nannte: Privatsphäre, bei der unterschieden wird.

Es ist erstaunlich genug, dass Apple plötzlich im großen Stil Daten sammeln will. Bis jetzt inszenierte sich der Konzern lautstark als Unternehmen, dessen Geschäftsmodell darin bestehe, "tolle Produkte" zu verkaufen, statt Profile seiner Nutzer zu erstellen und diese dann gegen Geld an Werbetreibende zu vermitteln, wie es Facebook und Google bereits lange tun. Jetzt versucht Apple auch, seine Nutzer zu analysieren, möglichst ohne die gleiche Skepsis zu provozieren wie die Konkurrenten.

Münze werfen

Das Konzept der "differential privacy" reicht bis in die 1960er Jahre zurück. Wissenschaftler wollten Probanden Fragen stellen, deren durchgehende wahrheitsgemäße Beantwortung diesen vermutlich peinlich gewesen wäre. Deshalb ließen die Forscher sie eine Münze werfen. Zeigte sie Kopf, lautete die Antwort automatisch "Ja", unabhängig davon, ob sie stimmte. Zeigte sie aber Zahl, mussten die Probanden wahrheitsgemäß antworten.

Das ermöglichte jedem Einzelnen im Nachhinein, zu bestreiten, wirklich "Ja" gemeint zu haben - schließlich wurde statistisch gesehen die Hälfte von ihnen von der Münze dazu gezwungen (eine beliebte Testfrage vor 50 Jahren war übrigens: "Sind Sie Mitglied der Kommunistischen Partei?")

Der Trick: Statistisch gesehen landet eine Münze bei 1000 Würfen 500-mal auf dem Kopf. Dadurch lässt sich errechnen, wie viele der Ja-Antworten tatsächlich der Wahrheit entsprechen. Würden alle 1000 Probanden zum Beispiel mit Nein antworten, landen 500 Münzen trotzdem auf dem Kopf - und das Ergebnis wären 500 Ja-Antworten. Die Wissenschaftler können die Informationen nicht auf einzelne Probanden zurückführen, diese bleiben also anonym. Die Daten will Apple zudem mit "mathematischem Lärm", also zusätzlichen nutzlosen Informationen, unlesbar machen.

Was hat das mit Apple zu tun?

Auf diesem Prinzip basiert, grob vereinfacht, Apples Daten-Analyse. (Auch Google experimentiert mit dem Ansatz.) "Differentielle Privatsphäre ist ein Forschungsfeld im Bereich der Statistik und Datenanalyse, die das Lernen anhand von Massendaten erlaubt, während die Daten der individuellen Nutzer privat bleiben", sagte Federighi. Apple gehe es darum, "deine Daten zu sammeln - aber nicht Daten über dich", fasst Wired.com den Vorstoß von Apple zusammen.

Konkreter wurde Federighi nicht. Es bleibt vorerst unklar, ob und wie gut das Prinzip für Produkte funktioniert, die von Millionen Menschen eingesetzt werden. Die Webseite Recode verweist auf ein wissenschaftliches Paper, in dem es heißt, dass differentielle Privatsphäre nichts tauge: "Entweder werden die erhobenen Daten sehr falsch sein oder der Privatsphäre-Schutz nutzlos." Doch in diese Diskussion stieg Federighi gar nicht erst ein.

Zu einem weiteren interessanten Forschungsfeld, das die Arbeit von IT-Konzernen derzeit revolutioniert, hielt Apple sich bedeckt: künstliche Intelligenz (KI). Die Konkurrenz von Microsoft, Google und Facebook nutzte ihre jeweiligen Entwicklerkonferenzen in den vergangenen Wochen, um anzugeben, wie weit sie beim Thema KI vorangeschritten seien. Google-Chef Sundar Pichai beispielsweise beendete häufig seine Aussagen mit dem Hinweis darauf, dass Google seit knapp 17 Jahren Datenanalyse betreibe - und deshalb sehr gute Voraussetzungen für die kommenden Jahre, vielleicht Jahrzehnte, besitze.

Sämtliche Plattformen investieren große Teile ihres Profits, um KI zu erforschen. Google kann beispielsweise bereits jetzt Fotos von Nutzern analysieren und nur jene anzeigen, auf denen Wasser zu sehen ist. Doch generell gilt: Das Investment in künstliche Intelligenz ist stets langfristig gedacht. Apple hingegen hat lediglich zugegeben, wie wichtig künstliche Intelligenz auch für die Entwicklung sei - mehr aber nicht. Mehr Aufmerksamkeit bekam das neue Verständnis der Privatsphäre seiner Nutzer.

Weitere Neuerungen, die auf Apples Entwicklerkonferenz verkündet wurden, lesen Sie hier.

© SZ.de/jab/mri/feko
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