Edward Snowden in Online-Fragerunde "Nicht jede Spionage ist schlecht"

Hält sich seit Juli 2013 in Russland auf: Edward Snowden.

Es sei nicht zu entschuldigen, unsere Großmütter abzuhören, erklärt Ex-Geheimdienstmitarbeiter Snowden bei einer Fragerunde im Internet. US-Justizminister Holder will mit dem Whistleblower ins Gespräch kommen. Eine Rückkehr in die USA kann sich Snowden derzeit nicht vorstellen.

Von Nicolas Richter, Washington

Der Whistleblower Edward Snowden hat seine Kritik am Überwachungssystem der US-Regierung und anderer Staaten bekräftigt. "Nicht jede Form der Spionage ist schlecht. Das größte Problem liegt in der neuen Technik der Massenüberwachung, bei der sich Regierungen milliardenfach der Kommunikation Unschuldiger bemächtigen", erklärte Snowden am Donnerstagabend auf der Internetseite freesnowden.is. "Menschen verhalten sich anders, wenn sie wissen, dass sie beobachtet werden. Unter Beobachtung bewegen wir uns nicht nur weniger frei, wir sind auch weniger frei."

Die modernen Spionage-Programme seien nicht aus Notwendigkeit entstanden. Der Terrorismus, der damit eingedämmt werden solle, töte jedes Jahr schließlich weniger Menschen als zum Beispiel "Unfälle in der Badewanne". Stattdessen würden diese Programme genutzt, weil neue Technologien sie einfach und billig machten.

"Ich denke, jemand sollte eine Nummer wählen, etwas kaufen, eine SMS senden, eine E-Mail schreiben oder eine Website anschauen können, ohne sich darüber Gedanken machen zu müssen, wie das in seiner Akte aussehen wird", führte Snowden aus.

Snowden würde gern in seine Heimat zurückkehren

Der frühere Zuarbeiter der NSA hatte im vergangenen Jahr Zehntausende geheime Dateien des Geheimdiensts kopiert und an Journalisten weitergereicht. Erst dadurch erfuhr die Öffentlichkeit vom Ausmaß der amerikanischen, aber auch britischen Spionage-Operationen. Inzwischen lebt Snowden in Russland im Exil. Am Donnerstag beantwortete er schriftlich Fragen, die ihm Interessierte zuvor über den Kurznachrichtendienst Twitter gestellt hatten.

Unbeschränkte Überwachung sei inzwischen ein globales Problem, und die USA müssten eine Führungsrolle dabei spielen, sie einzuschränken. Wenn die US-Regierung ihre eigene Verfassung außer Kraft setze, schaffe sie einen Präzedenzfall, der jedem Diktator Immunität gebe. "Das ist nicht gut für unser Land, das ist nicht gut für die Welt, und ich werde nicht zuschauen und es geschehen lassen, egal, welchen Preis ich dafür bezahlen muss".

US-Regierung erklärt sich für Gespräche offen

Snowden erklärte, er würde gern in seine Heimat zurückkehren, leider sei dies aber nicht möglich. Als früherer Mitarbeiter einer Fremdfirma, die für die NSA gearbeitet habe, könnte er die US-Gesetze zum Schutz von Whistleblowern selbst nicht in Anspruch nehmen. Er könne nur darauf hoffen, dass der Kongress diese Gesetze eines Tages reformiere.

Die US-Regierung sei für Gespräche offen, schließe einen Gnadenerlass für den Ex-Geheimdienstmitarbeiter aber grundsätzlich aus. Man wolle mit Snowden ins Gespräch kommen, sagte Justizminister Eric Holder dem TV-Sender MSNBC. Der Sender stellte Teile des Interviews online, das am Donnerstag (Ortszeit) ausgestrahlt werden sollte.

"Ich habe klar und eindeutig allein gehandelt, niemand hat mir geholfen"

In den vergangenen Tagen haben insbesondere rechte US-Politiker ihren Versuch fortgesetzt, Snowden zu diskreditieren. Der republikanische Abgeordnete und Geheimdienst-Experte Michael Rogers hatte am Wochenende im Fernsehen erklärt, Snowden sei ein "Dieb, der Hilfe bekommen habe". Auf die Frage, ob er damit die Russen meine, antwortete Rogers, es sei ja kein Zufall, dass Snowden nun in Moskau sitze. Diesen Vorwurf hat Snowden jüngst in einem Interview mit dem Magazin The New Yorker zurückgewiesen. Die Geschichte mit dem russischen Spion sei absurd. "Ich habe klar und eindeutig allein gehandelt, niemand hat mir geholfen, erst recht keine Regierung."

US-Präsident Barack Obama hatte angesichts der Empörung über die Aktivitäten der NSA in der vergangenen Woche Reformen angekündigt. Das Sammeln der Verbindungsdaten aber möchte Obama beibehalten. Snowden kritisierte besonders diese enorme Datenbank. Wenn der Geheimdienst so raffiniert arbeite, dass jedes Gerät auf der Welt abgehört werde könne - etwa das Handy von Angela Merkel - sei es "nicht zu entschuldigen, dass wir unsere Zeit damit verschwenden, die Verbindungsprotokolle von Großmüttern in Missouri zu sammeln".