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Hacker-Kongress 35C3:Die digitale Seite der häuslichen Gewalt

Gewalt in der Familie

Häusliche Gewalt macht vor der Digitalisierung nicht halt. Welche Auswirkungen das hat, ist bisher ungenügend untersucht.

(Foto: Peter Steffen/dpa)
  • Häusliche Gewalt findet zunehmend im digitalen Raum statt. Ein Beispiel: Smartphones, auf denen Spionage-Apps installiert werden.
  • Der Begriff "Digitale Gewalt" umfasst alle Bereiche, in denen Menschen mit Hilfe digitaler Medien eingeschüchtert und bedroht werden.
  • Bislang sind die Auswirkungen der digitalisierten Gewalt kaum erforscht.

Wenn man sich die Webseite nur oberflächlich anschaut, könnte man meinen, es gehe um Eltern, die sich um ihre Kinder sorgen. Das legt zumindest der Name nahe: Kinderhüter. Der Nachwuchs soll auch im digitalen Raum behütet und geschützt werden. Dafür gibt es auf der Seite Blogbeiträge mit Tipps, wie Eltern ihre Kinder digital begleiten und auch überwachen können, etwa indem sie deren SMS mitlesen.

Und dann gibt es noch die anderen Überschriften. Zum Beispiel: "Wie ich es geschafft habe, dank GPS-Software meine Frau beim Betrügen zu erwischen." Oder: "Wie Sie bereits gelöschte Nachrichten auf dem Handy Ihres Liebhabers lesen können". Eifersüchtige Menschen können still und heimlich ihre Partner ausspionieren, ohne dass diese es merken.

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Unter anderem um solche Webseiten und Anbieter geht es in diesem Jahr beim Hacker-Kongress des Chaos Computer Clubs (CCC). 16 000 Menschen sind gekommen, um sich über IT-Security-Dauerbrenner und neue Bedrohungen im Netz auszutauschen. Cyberstalking ist eine dieser neuen Bedrohungen. Am ersten Tag der Konferenz widmen sich gleich zwei Vorträge dem Thema.

Zehntausende Menschen betroffen

Ähnlich wie die "Kinderschutz"-Webseite gibt es mittlerweile dutzende Anbieter digitaler Spionagewerkzeuge für den Privatbereich. Davon betroffen sind zehntausende Menschen, wie aus Recherchen der New York Times hervorgeht. Insbesondere die Tech-Seite Motherboard hat sich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt und zum Beispiel herausgefunden, dass "mehr als Tausend Deutsche" bei einem Anbieter namens Flexispy Spionage-Dienstleistungen in Anspruch genommen haben.

Spionage-Apps müssen nicht teuer sein: Für 150 Euro bekommen Kunden eine App, die leicht bedienbar ist und sich heimlich installieren lässt, sodass sie nur auffallen, wenn IT-Forensiker die Geräte danach durchsuchen. Mit den Apps können verlassene Ehemänner zum Beispiel herausfinden, wo sich ihre Ex-Frauen befinden. Die GPS-Ortungsdaten ihrer Geräte werden bequem an das Handy der Männer weitergereicht.

Und Spionage-Apps sind nur eine Form von digitaler Gewalt: Diesen Begriff verwendet Anne Roth, Referentin für Netzpolitik bei der Linksfraktion, während ihres Vortrages beim Hackerkongress des CCC. Zu digitaler Gewalt nach Roths Definition gehören Mobbing, Diffamierungen und Beleidigungen, Erpressungen durch das Veröffentlichen intimer Fotos oder Videos, das sogenannte Doxing, bei dem Wohnadressen im Netz veröffentlicht werden, oder der Ausschluss aus Messenger-Gruppen.

Über digitale Gewalt wird kaum gesprochen

Dass es in Deutschland bisher keine öffentliche Debatte über die "digitale Seite der häuslichen Gewalt" gibt, liegt laut Roth auch daran, dass das Thema bislang kaum erforscht wurde: "Es gibt kaum aussagekräftige Studien, weder international noch in Deutschland". Das Problem werde dadurch nicht als solches erkannt. Die Linksfraktion fragte im Rahmen einer kleinen Anfrage nach (hier als PDF), ob in Deutschland Studien zu diesem Themenbereich geplant sind. Das ist nicht der Fall.

Eine der wenigen Untersuchungen kommt vom Verein "Frauen gegen Gewalt". 60 Frauenberatungsstellen sollten unter anderem die Frage beantworten, wie häufig digitale Gewaltformen eine Rolle in der Beratungspraxis spielen. Das Ergebnis: In den letzten drei Jahren sind Anfragen zu diesem Thema angestiegen (hier als PDF). Immer häufiger wollen Frauen und Mädchen von ihren Beraterinnen wissen, wie sie sich gegen digitale Gewalt wehren können.

Auch die Menschenrechtsorganisation Amnesty befasst sich mit dem Thema: In acht Ländern wurden je 500 Frauen zwischen 18 und 55 Jahren nach ihren Erfahrungen zu (sexuellen) Belästigungen im Internet gefragt (Link). Fast ein Viertel aller Frauen war mindestens einmal betroffen. Von den Betroffenen wiederum fühlten sich 41 Prozent in ihrer Unversehrtheit bedroht. Sie hatten also Angst, körperlich angegriffen zu werden. Auch Männer können von Belästigung und Stalking betroffen sein, wie eine Untersuchung des Forschungsinstituts Pew Research zeigt, die sich mit Belästigungen und Beleidigungen auf sozialen Netzwerken beschäftigt. Die Studie weist aber auch daraufhin, dass Frauen und junge Menschen eher betroffen sind.

Was fehlt? "Alles!", sagt die Expertin

Doch nicht nur Studien fehlen, fasst Roth zusammen. Sondern schlicht: "Alles". Auch in der Weiterbildung der Polizei spiele das Thema bisher keine Rolle. Ein Lichtblick: Aus der Antwort der Bundesregierung lässt sich entnehmen, dass im Bachelor-Studiengang des Bundeskriminalamts auch digitale Gewalt berücksichtigt werden soll. Wie und in welcher Form, bleibt hingegen offen.

Zumindest in einem Punkt lässt sich an diesem Abend Abhilfe schaffen. Normalerweise haben Betroffene keinen schnellen Kontakt zu IT-Forensikern. Das ist auf dem CCC-Hackerkongress anders - deshalb wird gleich ein erster Workshop zum Thema veranstaltet. Und so diskutieren drei Dutzend Menschen eine Stunde lang, wie betroffenen Personen geholfen werden kann. Eine Möglichkeit sind technische Lösungen: Apps wie "FlexiKiller" erkennen und entfernen etwa die Spionage-Software eines Herstellers.

Doch auch hier ist Vorsicht geboten: Die App entfernt zwar die Schad-Software, vernichtet aber auch mögliche Beweismittel. Das erschwert es später, rechtlich gegen die Stalker vorzugehen.

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